Die graziösen Schönheiten heissen Xamburu, Sophie, Violette und Xahara. Niemand übersieht die Kordofan-Giraffen im Zoo Basel. Bei der Rio-Pescado-Harlekinkröte ist eine Sichtung hingegen ungewiss. Klettert sie aus dem Bromelienblatt heraus, wird sie eher wahrgenommen. Gerne aber versteckt sie sich im Kelch – oder sonst wo im Pflanzenreich ihres knapp ein Meter langen Regenwaldterrariums im Vivarium des Zoo Basel.
Lebensraum und Anlagen der beiden Arten könnten nicht unterschiedlicher sein, und doch verbindet die Riesen und die Winzlinge so einiges. Beide sind selten, beide werden von Zoos gehalten und gezüchtet und für beide gibt es Schutzprojekte in der Natur.
«Bei der Kordofan-Giraffe handelt es sich um eine Unterart der Nord-Giraffe», erklärt Adrian Baumeyer. Der Kurator des Zoo Basel führt weiter aus: «Der Bestand in der Natur wird auf nur noch 1400 Tiere geschätzt, in Zoos leben um die 80.» Basel hält die Art seit 15 Jahren und vermehrt sie erfolgreich. In diesem Jahr ist am 11. März beispielsweise ein Junges auf die Welt gekommen.
Die Giraffenhaltung im Zoo durchlief in den Jahren einen Wandel dank zunehmenden Erkenntnissen. Adrian Baumeyer: «Früher wurde Giraffen Heu gereicht, heute ernähren wir sie ausschliesslich mit Blättern und Luzerne.» Auch in der Natur fresse eine Giraffe kein Gras, sondern Blätter. «Sie haben einen komplett anderen Nährstoffgehalt als Gras», konstatiert Baumeyer. Im Winter besteht das Giraffen-Menu aus silierten Blättern. Das Resultat: Gesunde Tiere, die sich im Zoo fortpflanzen.

Zwerg im Bromelientrichter
Während es bei den Giraffen Jahrzehnte braucht, um eine stabile Population aufzubauen, geschieht dies bei der Rio-Pescado-Harlekinkröte in Windeseile, wenn sie gut gehalten wird, so wie im Zoo Basel. Als zweiter Zoo in Europa hält er die vom Aussterben bedrohte ecuadorianische Amphibienart. Im Herbst 2023 laichte sie erstmals ab. «Inzwischen sind bei uns über 500 Jungkröten geschlüpft», sagt Fabian Schmidt, Kurator des Vivariums des Zoo Basel im Vivarium und erzählt weiter: «1995 hielt man diese Kröte in ihrem Ursprungsgebiet in Ecuador für ausgerottet.» Als Gründe nennt Schmidt den Lebensraumverlust und den Chytridpilz, der Amphibienarten zu schaffen macht. Zum Glück wurde die Art in Ecuador in zwei Zuchtzentren gehalten. «Um das Risiko bei Erkrankungen eines Bestandes zu minimieren, wurden Individuen in den Zoo Karlsruhe verlegt. Junge kamen von dort schliesslich nach Basel – und vermehren sich bis heute prächtig. ‹Unsere Nachzuchten leben heute bereits an verschiedenen Orten, in der Schweiz und in Europa›, betont Fabian Schmidt.

Der Reptilienfachmann macht gleich auf weitere gute Neuigkeiten aufmerksam. Er steht jetzt im Haus Gamgoas, wo Krokodile, Löwen und Boulengers Flachschildkröten leben. Letztere sind wiederum Winzlinge. «Es handelt sich um eine der kleinsten Schildkrötenarten der Welt», streicht Schmidt heraus. «In der Halbwüste, der Grossen Karoo in Südafrika, sind sie durch Weidewirtschaft und durch Krähen gefährdet.» Die Vermehrung der Art läuft harzig; nicht weil etwas nicht funktionieren würde, sondern weil sie natürlicherweise nur ein Ei legt. Immerhin: Im Zoo Basel kriechen schon etliche Nachzuchten der Boulengers Flachschildkröten herum. «Es sind Einzelgänger, deshalb die vielen Kleinterrarien», erläutert Fabian Schmidt.

Praktiker haben Expertise
Der Direktor des Zoo Basel, Dr. Olivier Pagan, fasst zusammen, was diese drei Arten eint: «Sie sind Teil des ‹One Plan Approach›.» Dieser englische Begriff bedeute, dass Naturschützer, Züchter und Zoos sich gemeinsam um eine Tierpopulation kümmerten, in der Natur und in menschlicher Obhut. «Diese drei Gruppen haben Expertise», doppelt Olivier Pagan nach.
Boulengers Flachschildkröten wurden mit Bewilligung der südafrikanischen Regierung für das Zuchtprojekt der Natur entnommen. Treibende Kraft war ein privater Züchter und Biologe aus den Niederlanden. Er schaffte es, die Rarität zu vermehren, dokumentierte Verhalten und Zucht. Das ist Bedingung bei solchen Vorhaben; die Tiere gehören weiterhin Südafrika. Das Endziel: Der Schutz des Lebensraums und eine Wiederauswilderung.
Gerät eine Wildpopulation durch Lebensraumzerstörung, Wilderei oder Kriege in die Bredouille, kann auf einen genetisch intakten Reservebestand unter Menschenobhut zurückgegriffen werden. Das ist im Kern auch bei der Kordofan-Giraffe so. Im Rahmen der Tagung des VdZ, die im Juni in Basel stattfand, sprach Jörg Jebram, Kurator des deutschen Opel-Zoos in Kronberg, über die Bedeutung von Reservepopulationen in Zoos. Er leitet das europäische Zuchtprogramm für Giraffen. Zudem hielt der Schweizer Thierry Aebischer einen Vortrag über eine mögliche Wiederansiedlung der Kordofan-Giraffen in der Zentralafrikanischen Republik. Er ist Manager bei African Parks, einer Organisation, die auf dem afrikanischen Kontinent viele Schutzparks verwaltet – und dabei in Negativschlagzeilen geriet, weil sie nicht zimperlich vorzugehen scheint. Vorwürfe betreffen unter anderem die Verdrängung von lokalen Bauern, Hirten, Jägern und Sammlern und dass ehemalige Söldner als Wächter beschäftigt werden. So würden weitreichende Territorien in Afrika zusätzlich militarisiert, wird bemängelt. Olivier van Beemen hat sich in seinem Buch «Im Namen der Tiere – Wie eine NGO grosse Teile Afrikas beherrscht» kritisch mit der Organisation auseinandergesetzt.
Das Beispiel zeigt: Der Schutz von Grosstieren ist komplex und hängt vom Vorhandensein der Lebensräume ab. Bei der Zoopopulation ist der Erhalt der genetischen Vielfalt eine Herausforderung, die im Zuchtbuch innerhalb der Zoos so variabel wie möglich gehalten wird. Es liegt in der Natur der Sache, dass Grosstiere die Domäne der Zoos sind. Fabian Schmidt betont als Kurator des Vivariums aber ganz klar: «Ohne Privathalter und -züchter könnte ich dieses Haus schliessen.» Ebenso sei es bei Vögeln und Kleintieren. Zoologische Gärten sind auf die Kenntnisse und Tierbestände privater Spezialisten angewiesen. Das zeigt sich exemplarisch bei der Zucht der Boulengers Flachschildkröte und bei der Rio-Pescado-Harlekinkröte. Ob Giraffe, Schildkröte oder Kröte im Bromelientrichter: Naturschützer, Zoos und Private ziehen am gleichen Strick.
Multifunktionelle Zoos
Dr. Dag Encke, Präsident des Verbands der Zoologischen Gärten (VdZ) und Direktor des Tiergartens Nürnberg, sagte anlässlich der VdZ-Tagung in Basel: «Zoos sind multifunktionell. Artenschutz kann nicht virtuell betrieben werden. Ein Eisbär kann nicht überleben, indem Bilder gezeigt werden.» VdZ-Zoos haben in fünf Jahren rund 54 Millionen Franken in Natur- und Artenschutzprojekte investiert und prägen 41 Millionen Besucherinnen und Besucher jährlich. Die 71 VdZ-Zoos befinden sich in Deutschland, Österreich, einer in Spanien und der Schweiz (Zoos Basel und Zürich, Walter Zoo Gossau, Tierpark Bern und Langenberg, Kinderzoo Rapperswil).

