ABO

Anonyme Abgabe von Kleintieren schützt vor Aussetzung

Eine anonyme Box am Thunersee rettet Kleintieren das Leben: In Hilterfingen können ungewollte Kaninchen, Hamster und Co. diskret abgegeben werden – und erhalten so eine zweite Chance.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit hält ein Auto auf dem Parkplatz des Schlosses Hünegg in Hilterfingen (BE). Es ist nicht die romantische Kulisse, die den Fahrer zur späten Stunde an den Thunersee lockt. Der Unbekannte holt eine Transportbox aus dem Kofferraum und schaut sich suchend um. In einigen Metern Entfernung entdeckt er eine Holzbox, die vom Regen geschützt unter einer Solar-Überdachung steht. Zögerlich geht er darauf zu.

Wenig später bekommt das Team der Stiftung Tierklappe auf ihren Handys eine Nachricht. Auf dem Bildschirm sehen sie die Szene, welche die Kamera in der Box in Hilterfingen direkt zu ihnen überträgt: Eine Gestalt stellt eine Transportbox für Kleintiere in den Innenraum. Dann geht die Klappe zu und eine Tierschützerin aus dem Team macht sich auf den Weg. 10 bis 30 Minuten später wird sie die Transportbox aus der Kiste bergen und darin zwei Kaninchen finden.

Die Tiere wurden in der ersten Kleintierklappe der Schweiz abgegeben und entgingen damit dem Schicksal, in einem Wald ausgesetzt oder getötet zu werden. Seit der Eröffnung der Klappe im November 2025 wurden so bisher insgesamt 26 Tiere abgegeben – zwanzig Kaninchen, vier Degus, ein Hamster und eine Katze – anonym und kostenlos. «Oft bekommen wir nebst den positiven Rückmeldungen den Vorwurf zu hören, wir würden es Tierhaltern einfach machen, ihre Tiere ‹loszuwerden›», bedauert die Gründerin der Stiftung, Jasmin Reinhard. Dabei sei es meist schlicht Überforderung, welche die Besitzer dazu bringen würde, den Service der Stiftung Tierklappe in Anspruch zu nehmen. «Viele Halter haben einen weiten Weg auf sich genommen, um die Tiere abzugeben und teilweise auch einen Abschiedsbrief beigelegt. Die meisten haben ein Gewissen und wollen ihre Tiere nicht aussetzen. Letzteres wäre definitiv einfacher, doch genau das wollen wir verhindern!»

Anonyme Abgabe von Kleintieren schützt vor Aussetzung
«Wir wollen ein Aussetzen von Tieren verhindern», sagt Jasmin Reinhard von der Stiftung Tierklappe.

Aufklärung vor Anschaffung

Trotzdem würde sich Jasmin Reinhard freuen, wenn mehr Leute sie vorher anrufen würden. «Wir bieten Telefonberatungen für Kleintierhalter an, die nicht mehr weiterwissen», sagt die Tierfreundin. Sie hat die Stiftung Tierklappe daher nicht nur gegründet, um Tierhaltern eine einfache und anonyme Möglichkeit zu bieten, ihr Meerschweinchen oder Kaninchen abzugeben, sondern vor allem auch, um Aufklärungsarbeit zu leisten. «Es ist erschreckend, wie leicht man sich immer noch Tiere anschaffen kann, ohne dass jemand nachfragt», so die 29-Jährige. Im Zoofachhandel werden Kaninchen und Meerschweinchen günstig gehandelt, auf Plattformen im Internet zum Teil sogar kostenlos abgegeben. «Doch dann haben die unüberlegt mit den Tieren beschenkten Kinder gar kein Interesse daran, der Pflegeaufwand wird unterschätzt oder die Tiere verstehen sich untereinander nicht», erklärt Reinhard die häufigsten Gründe, warum Kaninchen und Nager abgegeben werden wollen. Auf der Website der Stiftung Tierklappe finden Interessierte daher Infos zur Haltung verschiedener Kleintiere, zum Zeitaufwand, aber auch zu den Kosten. «Damit wollen wir der unüberlegten Anschaffung von Tieren entgegenwirken», hofft die Tierfreundin.

Wird dann doch ein Tier in der Tierklappe deponiert, erhalten Jasmin Reinhard und die anderen fünfBetreuerinnen der Klappe eine Benachrichtigung aufs Handy. Sie holen dann das Tier ab und bringen es in eine Quarantänestation, bis es – finanziert durch Spenden – von einem Tierarzt untersucht werden kann. Sobald dieser die Gesundheit des Tieres bestätigt, kommt es auf eine Pflegestelle, wo es sich erholen kann und artgerecht versorgt wird. «Alle Tiere werden zudem bei der Schweizerischen Tiermeldezentrale STMZ ausgeschrieben, da sie offiziell als Findeltiere gelten», erklärt Reinhard. Meldet sich nach zwei Monaten niemand, wird das Tier in ein neues Zuhause vermittelt. «Im Rahmen dessen führen wir immer Vorkontrollen durch und stellen damit sicher, dass das Tier künftig auch artgerecht und liebevoll gehalten wird.»

Was tun, wenn die Tierhaltung überfordert?

Wenn die Haltung eines Nagers oder Kaninchens überfordert, gibt es mehrere sinnvolle und tiergerechte Wege, damit umzugehen. Aussetzen ist keine Option und zudem verboten. Frühzeitig professionelle Hilfe suchen Viele Probleme lassen sich lösen, bevor es eskaliert. Beratungsstellen, Tierärztinnen oder Tierschutzorganisationen helfen bei Fragen zu Haltung, Verhalten oder Gesundheit. Tierheim oder spezialisierte Auffangstation kontaktieren Organisationen wie der Schweizer Tierschutz STS oder lokale Tierheime nehmen Tiere auf oder vermitteln geeignete Plätze. Für Kleintiere gibt es zudem spezialisierte Pflegestellen. Vermittlung über seriöse Plattformen Ein neues Zuhause kann auch privat gefunden werden. Wichtig ist, die neuen Halter sorgfältig auszuwählen und ehrlich über Bedürfnisse und Gesundheitszustand des Tieres zu informieren. Anonyme Abgabe als letzte Möglichkeit Einige Initiativen wie die Stiftung Tierklappe bieten die Möglichkeit, Tiere anonym und kostenlos abzugeben. Das ist besonders für Menschen gedacht, die keinen anderen Ausweg sehen. Verantwortung wahrnehmen Auch wenn es schwierig wird: Das Tier sollte niemals einfach ausgesetzt werden. In der Schweiz verstösst dies gegen das Tierschutzgesetz und gefährdet das Leben des Tieres.

Weiterlesen