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Exotenpraxis Cham: Wo Schlangen, Schildkröten und Papageien gesund werden

Was nicht Hund oder Katze ist, spielt in üblichen Tierpraxen oft eine Nebenrolle. Nicht so aber in der Exotenpraxis Cham: Als eine der führenden Schweizer Spezialistinnen stellt Isabelle Zulauf mit ihrem Team hier die Beschwerden seltener Haustiere wie Nager, Reptilien und Ziervögel in den Mittelpunkt.

Schon im Eingangsbereich wird klar, dass diese Tierpraxis eine etwas andere ist. Wo ansonsten Alterstabellen, Snacks oder Tinkturen für Katzen und Hunde zu sehen sind, steht hier ein Futterregal für Kaninchen, Meerschweinchen, Degus und Chinchillas. «Der Hauptanteil unserer Patienten sind Nager und Kaninchen», erklärt Praxisleiterin Isabelle Zulauf. «Wir sehen aber auch viele Hühner und Reptilien.»

Exotenpraxis Cham: Wo Schlangen, Schildkröten und Papageien gesund werden
Wo drückt der Schuh? Isabelle Zulauf bei der Sprechstunde mit den Halterinnen von Meerschweinchen.

Für diesen Morgen ist seit langem wieder einmal ein Ara angemeldet. Doch zuerst warten zwei Meerschweinchen auf ihre Routine-Behandlung: Einmal Schleifen eines krummen Zahns und einmal Harnspülung wegen einer chronischen Blasenentzündung. «Die Forschung hat enorme Fortschritte gemacht», betont die Tierärztin. «Früher kümmerte sich eine Praxis um alle Tierarten. Das kann man bei der Fülle an Informationen heute gar nicht mehr alles abdecken.»

Fokus auf Exoten

Während für die meisten Praxen die Medizin von Hunden und Katzen das Kerngeschäft bedeutet, spezialisierte sich Isabelle Zulauf sehr früh auf seltenere Haustiere. Schon vor über 20 Jahren begann sie mit dem Aufbau ihrer eigenen Exotenpraxis und erlebt seither eine stetig wachsende Nachfrage.

Eine Kundin erzählt, dass sie ihr Meerschweinchen mit einer eigenartigen Schwellung zuerst beim lokalen Tierarzt gezeigt hatte. «Er machte einen Ultraschall, konnte ansonsten aber nicht viel ausrichten und schickte mich hierhin», erzählt sie. Es zeigte sich, dass auch dieses Meerschweinchen Probleme mit den Zähnen hat.

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Viele Meerschweinchen kommen mit Zahnproblemen in die Praxis.

«Wir sind sehr oft Zahnärzte», erklärt Zulauf. Der Einblick in die Exotenpraxis macht aber deutlich, dass sie und ihr Team noch viel mehr sind: leidenschaftliche Pflegerinnen, absolute Tierliebhaberinnen, einfühlsame Beraterinnen und manchmal sogar Physiotherapeutinnen.

Emotionale Fälle

Letzteres war eben erst bei einem schwierigen Fall wieder notwendig: Ein Hahn mit schweren neurologischen Problemen musste Bewegungsabläufe trainieren, um wieder ein normales Leben führen zu können. Die tiermedizinische Praxisassistentin Vivien Kasten übte jeden Tag mit ihm und war begeistert von ihrem Patienten. «Da er von Hand aufgezogen wurde, ist er sehr zutraulich und hatte richtig Lust, mitzumachen», schwärmt Kasten. Die ersten Tage habe er auch gute Fortschritte gezeigt.

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Der Hahn mit neurologischen Problemen schaut an diesem Morgen gar nicht gut aus.

Leider begannen sich die Symptome aber danach wieder zu verschlechtern – kein gutes Zeichen. «Rufst du die Besitzerin an?», fragt Zulauf. «Besser nicht», antwortet ihre Mitarbeiterin mit vielsagendem Blick. «In der Zeit ist er uns schon sehr ans Herz gewachsen», erklärt sie bedrückt, wohlwissend, dass eine Euthanasie zur Sprache steht.

Von Schreien und Bissen

Für Trauer bleibt jedoch wenig Zeit, denn der nächste Patient wartet bereits: Es ist ein prächtiger Ara, der sich da in seinem Käfig festkrallt. Wenn er gewusst hätte, was ihm bevorsteht, hätte er sich wohl gar nicht erst dort hineinverfrachten lassen: Der 26-jährige Papagei braucht einen Chip. «Ich will nichts damit zu tun haben», sagt sein Besitzer und verlässt das Behandlungszimmer. «Aras sind sehr nachtragend», erklärt Isabelle Zulauf, die bei diesem aussergewöhnlichen Patienten Unterstützung durch Léa Siegrist erhält.

Die junge Tierärztin lässt die Storen hinunter und geht danach mit einem Tuch geschützt auf den Käfig zu. «Er ist zahm», sagt Zulauf zuversichtlich. Diese wichtige Information hatte sie gleich zu Beginn beim Halter eingeholt. «Er wird es trotzdem hassen», antwortet Siegrist. Und tatsächlich: Als sie ihn aus dem Käfig holt, schreit der Ara so laut, dass die Ohren schmerzen. Erst, als die Narkose zu wirken beginnt, wird sein Krächzen allmählich leiser.

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Tierärztin Léa Siegrist hält den Ara, bis er wieder einigermassen wach ist.

«Das war noch gar nichts», bemerkt Zulauf nach dem kurzen Eingriff. Erst später erklärt sie, weshalb sie die Storen heruntergelassen hatten: «Aras sehen Scheiben nicht als Barriere und könnten bei einem Fluchtversuch dagegen fliegen und sich verletzen», so die Exotentierärztin. Siegrist, die den Vogel wieder in ihren Armen hält, während er allmählich aufwacht, hatte vor allem seinen starken Schnabel im Blick. «Wenn dich so einer beisst, ist der Finger gebrochen», erklärt sie.

Passiert sei das glücklicherweise noch nie. Ihren einzigen Bissvorfall erlebte sie vor Jahren mit einer Königspython. «Es war erst meine zweite oder dritte Schlange», erzählt sie. Im Nachhinein betrachtet, habe sie sich völlig falsch verhalten. «Die Schlange wich ein Stück zurück, was ein deutliches Warnzeichen war. Darauf hätte ich reagieren sollen. Stattdessen habe ich dann halt einen Biss kassiert.» Da eine Königspython zwar gross, ihr Biss aber weder giftig noch besonders schmerzhaft ist, habe der Schock nur wenige Sekunden angedauert. «Der Besitzer hat bloss gelacht und meinte, er habe uns ja vorgewarnt, dass sie eine Zicke sei.»

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Isabelle Zulauf hält eine Schildkröte, während ihre Lernende das Tier behandelt.

Solche Vorfälle seien jedoch selten in der Exotenpraxis, meint Zulauf. «Wir haben tatsächlich sehr wenige Bissverletzungen.» Bei Giftschlangen ist das Team aber besonders vorsichtig. «Wenn wir am Telefon schon heraushören, dass der Besitzer die Sicherheit nicht so ernst nimmt, lehnen wir ab», stellt die Praxisleiterin klar. Ansonsten nehme sie jedoch fast alle Tierarten mit medizinischen Problemen auf. «Wir hatten auch schon kleine Äffchen und Nasenbären aus Privathaltungen», erzählt sie.

Das Zünglein an der Waage

Nach einer kurzen Kaffeepause muss die Tierärztin wieder los, denn bis Mittag stehen noch weitere Termine auf ihrem Programm. Im warmen Halbjahr, wenn die Reptilien wach sind, hat die Exotenpraxis rund einen Drittel mehr Patienten zu versorgen. Und tatsächlich wartet auch heute noch die Besitzerin einer kleinen Kükennatter auf ihre Sprechstunde. Ein Abszess am Zungenapparat hatte sich nach der ersten Behandlung nur kurzfristig verbessert. «Wir geben noch nicht auf», sagt Isabelle Zulauf bestimmt und narkotisiert die Baby-Schlange vorsichtig. «Kükennattern sind sehr angriffslustig», erklärt die Tierärztin. Die Zähne dieses erst 18 Gramm leichten Exemplars würden es jedoch noch nicht einmal durch die menschliche Haut schaffen.

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Die junge Kükennatter hat einen schweren Abszess.

Trotz dem jungen Alter steht es schlecht um die Albino-Natter. «Es ist schwierig, alles herauszuspülen», kommentiert Zulauf wenig zuversichtlich. Doch die Schlange erhält noch einmal Medikamente und damit eine weitere Möglichkeit, sich zu erholen. Die Besitzerin will sie dieses Mal noch vorsichtiger pflegen, um die Heilungschancen zu verbessern.

Fürsorge für Exoten nimmt zu

Gerade bei Schlangen sei dies keine Selbstverständlichkeit. Ab und zu komme es noch immer vor, dass Halterinnen und Halter die Behandlungskosten ihrer Haustiere nicht bezahlen wollen oder können, wie Zulauf erzählt. «Für 80 Franken kaufe ich mir ein neues Tier», bekomme sie dann manchmal zu hören. Eine Aussage, die sie nicht einfach hinnehmen will. Wenn klar sei, dass das Tier mit einer einfachen Massnahme wieder gesund werden könnte, frage sie die Leute, ob sie darauf verzichten möchten. Und nicht selten gehen sie auf diesen Deal ein. «Wir vermitteln die Tieren dann in ein neues Zuhause – meist unter den Mitarbeiterinnen», so die Tierärztin.

Generell sei aber die Betreuung von exotischen Haustieren im Vergleich zu früher sehr viel besser geworden. «Heute gelten viele Tiere als Familienmitglieder», freut sich Zulauf. Auch wenn dies zuweilen noch immer als eigenartig gilt. «Manche Leute entschuldigen sich dafür, weil sie wegen einer Maus weinen», erzählt Zulauf. «Dabei ist das doch vollkommen verständlich.»

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