Vogelweibchen singen mehr als gedacht

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Den plätschernden, manchmal fast etwas melancholischen Gesang des Rotkehlchens hört man im Herbst besonders gut.
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Wer hört hin?
Während die anderen Vogelgesänge grösstenteils verstummt sind, singt das Rotkehlchen im Herbst munter weiter. Auch die Weibchen singen mit – häufiger als gedacht.

Es ist November. Herbstliche Ruhe ist eingekehrt. Viele Vögel sind in ihre südlichen Winterquartiere abgezogen. Wer frühmorgens aus dem Haus geht, wird nicht mehr von vielstimmigem Vogelgezwitscher begleitet. Gerade deshalb kann man dieser Tage einen Vogel besonders gut hören: das Rotkehlchen. Sein leichter und trotzdem irgendwie melancholischer Gesang passt perfekt zur grauen Stimmung.

Der Gesang eines Rotkehlchens in Bern (Audio: Jerome Fischer):

Bei den Rotkehlchen sind es nicht nur die Männchen, die singen. Auch die Weibchen trällern kräftig mit. Eine Ausnahme, dachten Wissenschaftler lange, galt Vogelgesang doch als ein Lehrbuchbeispiel für das von Charles Darwin postulierte Konzept der sexuellen Selektion. Indem ein Männchen wertvolle Ressourcen in seinen Gesang investiert, um damit sein Territorium zu verteidigen und Konkurrenten in die Flucht zu schlagen, zeigt es den Weibchen, was für ein Supermann es ist. Diese wiederum wählen daher das Männchen mit dem schönsten Gesang – und schweigen dabei. Neuere Forschung zeigt jetzt aber: Singende Weibchen sind in der Vogelwelt nicht die Ausnahme, sondern wohl eher die Regel. 

Ein Amselweibchen aus Spanien (im Hintergrund ein Steinkauz) (Audio: Fernand Deroussen):

Schon die Vorfahrinnen sangen
Eine Gruppe von Biologinnen um Katharina Riebel von der Universität Leiden und Karan Odom von der Cornell University in den USA erforscht seit einigen Jahren den Gesang der Weibchen. In einer vielbeachteten Studie, die 2014 im Fachmagazin «Nature Communications» erschien, fanden sie Weibchengesang bei 71 Prozent von 323 untersuchten Singvogelarten aus der ganzen Welt. In einer phylogenetischen Analyse, bei der Berechnungen am Stammbaum der Vögel anhand von Daten aus Gen-Datenbanken vorgenommen werden, kamen sie zum Schluss, dass beim gemeinsamen Vorfahren aller Singvögel mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit beide Geschlechter sangen.

Das bedeutet, dass bei Vogelarten, bei denen nur die Männchen singen, die Weibchen ihren Gesang im Laufe der Evolution verloren haben, weil sie dafür keinen Nutzen mehr hatten. Und es bedeutet auch, dass bei Weibchen, die heute noch singen, der Gesang sehr wohl einen Nutzen hat. Dieser kann vielerlei sein, wie Riebel, Odom und Kolleginnen in einem Review von 2018 schreiben.

Hier singt die Zaunkönigin in Frankreich (Audio: LEO):

Einerseits ist es so, dass die grösste Vielfalt der Singvögel in den Tropen beheimatet ist. Diese Vögel kommen das ganze Jahr über in den Genuss eines warmen Klimas und genügend Nahrung und müssen daher nicht ziehen. Sie sind auch nicht auf eine bestimmte Jahreszeit angewiesen, um zu brüten. Deshalb besetzen sie ihre Reviere oft das ganze Jahr – und müssen es natürlich auch verteidigen. Das tun sowohl die Männchen als auch die Weibchen mit ihrem Gesang. Dies ist auch bei unserem Rotkehlchen der Fall: die Weibchen verteidigen im Herbst und im Winter ihr eigenes Revier. Während der Brutzeit besetzen sie dann mit einem Männchen ein gemeinsames Territorium. 

Frau Girlitz singt in Spanien (im Hintergrund ein Grünfink) (Audio: José Carlos Sires):

Tropische Vögel wiederum behalten auch häufig das ganze Jahr über den gleichen Partner. Und dieser will sorgfältig ausgesucht sein. So hat man herausgefunden, dass auch Weibchen singen, um potentielle Partner anzulocken und wenn sie ihren Auserwählten dann gefunden haben, sorgen sie dafür, dass keine andere kommt und ihn ihnen wegschnappt – natürlich mit Gesang. In den Tropen gibt es ausserdem viele Arten, bei denen die Partner Duette singen. Der Gesang dient also auch der sozialen Interaktion. 

Farbiges Männchen, singendes Weibchen
So überrascht es nicht, dass Weibchengesang in den Tropen viel verbreiteter ist als in den gemässigten Breiten. Eine 2006 im Fachjounral «Behavioural Ecology» veröffentlichte Studie stellte aber trotzdem bei 43 Prozent der europäischen Singvögel Weibchengesang fest. Dazu gehören zum Beispiel der Zaunkönig, die für ihre wunderbaren Gesänge bekannte Nachtigall und Feldlerche, viele Grasmückenarten, Finken und Fliegenschnäpper.

Eine Dorngrasmücken-Dame aus England (Audio: Suzanne MacLeod):

Dieselbe Studie fand ausserdem einen Zusammenhang zwischen geschlechtsspezifischen Gefiederfarben und singenden Weibchen. Bei europäischen Singvögeln und vielleicht auch weltweit scheint es, dass die Weibchen mehr singen, wenn das Männchen im Gegesatz zum Weibchen ein wunderschön farbiges Gefieder hat. Mit einem farbigen Gefieder zeigt ein Männchen einem Weibchen nämlich auch, wie toll es ist. Denn es kann es sich erlauben, Energie in etwas eigentlich Unnützes wie Farben zu stecken und setzt sich dabei auch noch einem gewissen Risiko aus, gefressen zu werden. Je farbiger das Männchen, desto eher kann es also für überlebensstarken Nachwuchs sorgen und muss deshalb mit Gesang gegen eifersüchtige Konkurrentinnen verteidigt werden. Ein Beispiel dafür ist der Stieglitz, bei dem das Männchen das heller leuchtende rote Gesichtchen hat als das Weibchen, und einen breiteren gelben Flügelstreif.

Eine Stieglitzin singt in Frankreich (Nicole Bouglouan):

Dass in den gemässigten Zonen die Weibchen trotzdem weniger singen, liegt gemäss der Studie am saisonal schwankenden Klima und dem damit einhergehenden Zugverhalten. Hier habe die Evolution sich wohl so entwickelt, dass die im Brutgebiet eintreffenden Männchen möglichst schnell ein Territorium besetzen und die Weibchen besingen müssen. 

Verzerrtes Bild durch Forschung
Weil sich die Vogelforschung lange Zeit nur auf Europa und Nordamerika konzentrierte, führte das dazu, dass die singenden Vogelweibchen so lange nicht gehört wurden. Riebel und Odom möchten aber, dass man ihnen zuhört. In ihre Studie konnten sie nur 323 Vogelarten miteinbeziehen, da bei anderen schlicht keine Informationen darüber vorhanden sind, ob Weibchen überhaupt singen oder nicht. Sehen sie ähnlich oder gleich aus wie die Männchen, wurden sie wahrscheinlich oft auch für solche gehalten.

Riebel und Odom haben deshalb das Citizen-Science-Projekt «Female Bird Song» gestartet, bei dem sie dazu aufrufen, singende Weibchen aufzunehmen und auf ihrer Website einzutragen. Denn nur wenn genug Daten vorhanden sind, kann man den noch unerforschten Geheimnissen der singenden Weibchen überhaupt auf den Grund gehen. 

Autor

Meret Signer

Meret Signer

Meret Signer ist «Tierwelt»-Online-Redaktorin, Biologin und Ornithologin. Genau so sehr wie Vögel liebt sie aber ihre flauschige Katze Redi, weswegen sie oft im Dilemma ist. Während Redi jedoch lieber zuhause faulenzt als auf die Jagd zu gehen, wandert Meret durch die Gebirge dieser Welt. Immer mit dabei: ihr Feldstecher.

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