Hitzige Haubenträger

Molukkekakadu
Papageien
Weisse Kakadus sind von alters her beliebt. Es sind reizvolle, wunderschöne Papageien, doch sie sind äusserst schwierig zu halten. Sie werden sehr alt, und manche Männchen neigen zu grosser Aggressivität ihren Weibchen gegenüber.

Der Tierverhaltensforscher Konrad Lorenz (1903 – 1989) hielt in seiner Kindheit in Altenberg bei Wien einen Grossen Gelbhaubenkakadu. Er erinnerte sich noch im Alter an besondere Ereignisse: An einem warmen Sommertag etwa flog der im Freiflug gehaltene Kakadu zum offenen Fenster des Esszimmers hinein, wo seine Mutter mit Freundinnen um eine mit Puderzucker bestreute Torte sass. Der grosse weisse Vogel flatterte über der Torte, sodass die Gesichter der Damen schliesslich alle weiss überzuckert waren.

An einem anderen warmen Tag sah er den Kakadu hoch am Himmel fliegen und befürchtete, dieser würde das Weite suchen. Viele Badende waren zugegen, die sich in der nahen Donau erfrischten. Lorenz überlegte sich kurz, wie er dastehen würde, würde er laut «Uääh» schreien, ohne dass der Kakadu käme. Er riskierte es, schrie, und der Papagei kurvte aus grosser Höhe zu ihm hinab. Erstaunen stand in den Gesichtern der Badegäste, Triumph wohl in seinem.

Orangehauben-Kakadu

Es gibt Kakadus mit weissem und mit schwarzem Gefieder sowie mit dem Rosa- und dem Helmkakadu zwei gräulich- und rosarotfarbene Formen. Die weissen Kakadus sind in Australien, Neuguinea, Melanesien, Indonesien und den Philippinen verbreitet. Sie stammen aus unterschiedlichen Lebensräumen. Inka-, Nackt­augen-, Nasen- und manche Grosse Gelbhaubenkakadus leben in trockenen Savannenlandschaften Australiens. Sie ernähren sich oft auch von kleinen, fettarmen Sämereien. Die übrigen Arten leben in Regenwäldern, verzehren viele Früchte und auch proteinreiche Palmnüsse. Dem sollte in der Fütterung von Kakadus entsprochen werden. Werden Kakadus aus trockenen Gebieten Australiens zu proteinreich ernährt, schadet das auf die Dauer ihrer Gesundheit. 

Ein Vogel wie ein Kleinkind
So reizvoll die weissen Kakadus auch sind, so schwierig sind sie zu halten. In der Auffangstation für Papageien und Sittiche APS in Matzingen TG leben zahlreiche Kakadus. «Sie sind nicht für die Haltung im Wohnbereich geeignet», sagt die Stationsleiterin Cathrin Zimmermann. Heute ist die Haltung eines einzelnen Vogels gesetzlich verboten. In der APS wurden viele zuvor in Einzelhaltung gepflegte Kakadus vergesellschaftet.

Faszination «Kakatua»

Das Wort «Kakadu» stammt von den Malaien, einer Ethnie in Südostasien, die Kakadus aufgrund ihres Gekreisches «Kakatua» nannten. Die Kakadus hatten immer eine Bedeutung in der Kultur der Völker in ihren Ursprungsgebieten und wurden dort auch seit jeher als zahme Vögel gehalten. Auf Java sind beispielsweise in Stein gemeisselte Kakadufiguren aus dem 9. Jahrhundert aus einer Tempelanlage bekannt. Friedrich II. von Hohenstaufen erhielt um 1240 von einem befreundeten Sultan einen «weis­sen gehäubten Papagei», den er in seinem Vogelbuch «De arte venandi cum avibus» abbildete. Auch der Zürcher Naturgelehrte Conrad Gessner schilderte 1555 in seiner «Historia animalium» einen «Psittacus albus cristatus». Der Vogel wurde auch als Holzschnitt dargestellt.

Brillenkakadu

Auch die britische Papageienexpertin Rosemary Low betont, dass zahme Kakadus wie kleine Kinder seien, die immer Aufmerksamkeit erheischten. «Wer kann sie solchen Vögeln während 50 und mehr Jahren zuteilwerden lassen?», fragt sie. Tatsächlich gehören die Kakadus wohl zu den Papageien, die am ältesten werden. So wurde 2018 in der APS ein Grosser Gelbhaubenkakadu in bester Verfassung abgegeben, der nachweislich mindestens 58 Jahre alt ist. Es kursieren Altersangaben von über 70 Jahren für grosse Kakadus.

Zwei zahme, laut schreiende Kakadus im Wohnbereich dauerhaft zu halten, ist nicht möglich. Doch auch in kombinierten Innen- und Aussenvolieren ist eine Haltung schwierig. Leider sind manche Männchen von weis­sen Kakadus gegenüber ihren Weibchen aggressiv, wenn sie in Brutstimmung gelangen. Dieses Verhalten ist bis heute nicht geklärt. Der ehemalige Kurator der weltgrössten Papageiensammlung, des Loro Parque auf Teneriffa, Matthias Reinschmidt, sagt: «Rotsteiss- und Salomonenkakadus sind die grössten Killer.»

Aber auch bei anderen Arten müssen Züchter immer wieder Aggressionen beobachten. Das Erstaunliche dabei ist: Auch bei Paaren, die in grösster Harmonie gemeinsam Junge aufzogen, kann das Männchen plötzlich Aggressionen entwickeln. Bei weissen Kakadus ist das Männchen an den braunschwarzen Augen und das Weibchen an der rotbraunen Iris zu erkennen. Es gibt aber auch Paare, die während Jahrzehnten ohne Probleme zusammenleben und Junge aufziehen. Warum? Es gibt nur Vermutungen. 

Inkakakadu

Mit Koloniehaltung zum Erfolg
Aggressionen führen oft zu schrecklichen Vorkommnissen. So gibt es Weibchen mit abgebissenen Schnäbeln oder Füssen, oft wird das Weibchen auch getötet. Man könnte annehmen, dass dies nur passiert, wenn nur das Männchen in Brutstimmung ist, das Weibchen aber noch nicht bereit dazu ist. Dagegen spricht, dass immer wieder auch Weibchen, die bereits auf einem Gelege sitzen, totgebissen werden.

Männchen können zu jeder Jahreszeit aggressiv werden. Es gibt Beobachtungen von indonesischen Papageienfängern, die auch aus dem Freiland von Weibchen mit defekten Schnäbeln berichten. Gerade aber in Indonesien wurden Bestände durch Fang für den asiatischen Handel geschwächt, die Lebensräume sind weitgehend zerstört. Diese Tatsachen können im Freiland zu Fehlverhalten führen. Zweifellos entwickeln weisse Kakadumännchen eine erhöhte Aggressivität. In prosperierenden Freilandbeständen benötigen sie dieses Verhalten jedoch, um Nistplatzkonkurrenten, also Artgenossen, und bestimmt auch Feinde abzuwehren.

Da man davon ausgeht, dass Paare ihre Privatsphäre haben müssen, werden mehrere Paare ohne Sichtkontakt zueinander untergebracht. Manche Züchter halten lediglich ein Paar, da es teure Vögel sind. Neuere Erkenntnisse deuten aber in eine andere Richtung. Züchter in den USA, die Paare nebeneinander halten, beobachteten, wie die Männchen am Doppelgitter hängend einander mit offenen Flügeln drohten. Solche Männchen waren ihren Weibchen gegenüber nicht mehr aggressiv, da sie ihre aufgestaute Angriffslust gegenüber Konkurrenten abbauen konnten.

Nasenkakadu

Auch die Koloniehaltung kann zum Erfolg führen. Der elsässische Züchter Daniel Portmann aus Sausheim (F) hält zwei Männchen und drei Weibchen des Molukkenkakadus im Schwarm. Alle drei Weibchen zogen 2016 insgesamt fünf Junge auf! Allerdings sind die Volieren ausserordentlich gross.

Der problemlose Nymphensittich
Kann es sein, dass Kakadumännchen, anders als bei anderen Papageien, ihre erhöhte Aggression gegenüber männlichen Konkurrenten ausleben müssen? Können sie bei paarweiser Haltung nicht damit umgehen? Neuere Erkenntnisse weisen zudem darauf hin, dass Kakadupaare nicht immer zusammenbleiben. Ein weiterer möglicher Grund, warum es unter Menschenobhut bei ständig gleicher Paarkonstellation plötzlich zu Aggressionen kommen kann. 

Vom Aussterben bedroht

Schönheit und Anhänglichkeit der Kakadus führten dazu, dass sie in grossen Zahlen gefangen und gehandelt wurden. Darum und wegen der Lebensraumzerstörung aufgrund des Bevölkerungswachstums und der Ausdehnung von Plantagen und Siedlungen sind viele Arten, die einst auf kleineren indonesischen Inseln verbreitet waren, heute vom Aussterben bedroht. Australien verbietet die Ausfuhr schon lange. Dort werden viele Kakaduarten zur Plage und werden auch als Ernteschädlinge getötet. Zuchtprogramme für Kakadus sind wichtig. Um den Orangehaubenkakadu aus Sumba kümmert sich heute beispielsweise der Zoo Karlsruhe in Deutschland, der für diese Art eine besondere Zuchtanlage hinter den Kulissen baute. Auch Einzelvögel aus der Schweiz werden dort wieder vergesellschaftet.

Goffinkakadu

Bisher haben sich Züchter damit beholfen, dem Männchen einseitig die Schwingen zu beschneiden, sodass es das Weibchen nicht zu einfach verfolgen kann. Der Loro Parque hängt in seinen zehn Meter langen Kakaduvolieren Platten als Sichtschutz auf, sodass sich die Vögel nicht andauernd sehen. Zudem werden Nistkästen mit zwei Eingängen verwendet, sodass das Weibchen bei möglichen Aggressionen des Männchens fliehen kann.

Australische Züchter lassen in den Volieren für weisse Kakadus auch Plattschweifsittiche mitfliegen. Die Kakadumännchen können sie dann abwehren und werden ihre Aggressionen so los. In herkömmlichen Volieren, wie sie die meisten Züchter in der Schweiz haben, können solche Experimente aber nicht durchgeführt werden. 

Die Probleme bei der Haltung und Zucht von weissen Kakadus zeigen, dass vieles aus dem Leben dieser attraktiven Papageien noch nicht bekannt ist. Wer dem Reiz der Krummschnäbel mit Haube verfallen ist, jedoch nun zurückschreckt, sie zu halten, dem sei ein viel problemloserer Kakadu empfohlen, der Nymphensittich. Er scheint mit seiner schönen Haube zwischen den eigentlichen Kakadus und den Plattschweifsittichen zu stehen und ist ein beliebtes, problemloses Heimtier, das gut in einer Zimmervoliere paarweise gehalten werden kann. Auch mehrere Nymphensittiche zusammen leben in Harmonie und sie pflanzen sich sogar im Schwarm fort. 

Autor

Lars Lepperhoff

Lars Lepperhoff

Lars Lepperhoff ist Redaktor der «Tierwelt» und des «Kleintierzüchters», wo er wöchentlich Porträts über Tierhalter schreibt. Ziervögel sind sein Spezialgebiet. Darum pfeifen in seiner Wohnung Graupapageien aus einer Zimmervoliere, Wasser plätschert im Aquarium und exotische Pflanzen wuchern. Auf Reisen besucht er nicht nur Ursprungsgebiete tropischer Vögel, sondern besonders auch Zoos, Botanische Gärten und Tierhalter. Er ist Autor von Büchern und zahlreichen Fachartikeln.

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