Das Altern ist bei Mensch und Tier unausweichlich. Die Dauer eines Lebens unterscheidet sich jedoch von Art zu Art sehr stark. Während einige Fische, Schildkröten und sogar Wirbellose mehrere hundert Jahre alt werden können, wird etwa die Pygmäengrundel nur knapp 60 Tage alt. 

Auch bei Vögeln unterscheidet sich die Lebenserwartung von Art zu Art stark: Papageien können über 100 Jahre alt werden, Kolibris wie die Grünrücken-Zimtelfe leben nur etwa vier Jahre lang. Wie kann man sich einen solchen, 25-fachen Unterschied erklären?

«Altersvorsorge» nicht notwendig
Erstmals wurde die bis heute gängige, jedoch umstrittene Theorie vor über 50 Jahren vom Evolutionsbiologen George Williams aufgestellt. Die Theorie besagt, dass «hohe Mortalitätsraten bei erwachsenen Tieren aufgrund von Fressfeinden, Parasiten oder anderen zufälligen Ereignissen mit einer niedrigen maximalen Lebenserwartung in Zusammenhang stehen». Auf deutsch: Wer viele Feinde hat, stirbt früher. Logisch, oder?

Doch etwas weiter hat Williams mit seiner Theorie schon gedacht. Was er eigentlich sagen will: Tiere, die in der Regel früh sterben, weil sie von Fressfeinden getötet werden, benötigen evolutionär gesehen keine «Altersvorsorge». Die natürliche Selektion kommt gar nicht erst dazu, allfällige Krankheiten, die erst im Alter auftreten würden, auszumerzen. 

Forscher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie haben nun mit Kollegen aus Neuseeland sowie Michael Griesser von der Universität Zürich ein umfassendes Experiment durchgeführt, um Williams' Theorie auf den Prüfstand zu setzen. Sie haben mittels einer umfassenden Datenbank die Altersdaten von fast 1400 Vögeln untersucht. Neben dem Alter der Vögel beinhalteten die Daten Informationen zur Morphologie der Tiere, zu ihrem Brutverhalten sowie zur Menge an Fressfeinden.

Theorie hält dem Test stand
Die statistische Auswertung hat die Theorie des Evolutionsforschers bestätigt: «Je mehr räuberische Arten es im selben Lebensraum gibt und je gleichmässiger sie verteilt sind, desto geringer ist die Lebenserwartung der Vögel», schreiben die Forscher. Oder wissenschaftlich ausgedrückt: «die maximale Lebensdauer steht mit der Dichte der Fressfeinde in umgekehrter Beziehung.»

Bemerkenswert an der Studie: Der Zusammenhang zwischen Fressfeinden und Lebenserwartung tritt nicht nur global, sondern auch auf regionaler Ebene auf. Ausserdem hält sie der Prüfung auch dann stand, wenn andere wichtige Faktoren für die Lebenserwartung – etwa Körpergewicht und Gelegegrösse – ins statistische Modell mit einbezogen werden.

Der Erstautor der Studie, Mihai Valcu, hält fest: «Mit unserem Ergebnis konnten wir die Allgemeingültigkeit der 50 Jahren alten Evolutionstheorie des Alterns auf einer breiten geographischen Ebene bestätigen.» Zumindest bei den Vögeln ist die Theorie also gültig.

Originalpublikation:
M. Valcu, J.Dale, M. Griesser, S. Nakagawa, B. KempenaersGlobal gradients of avian longevity support the classic evolutionary theory of ageingEcography, 25. April 2014
DOI: 10.1111/ecog.00929