Die Einöde voller Leben

Sinai
Rötliches Gestein, blauer Himmel und ein bisschen Gestrüpp: Die gebirgige Halbinsel Sinai in Ägypten sieht aus wie eine verlassene Einöde. Doch der erste Eindruck täuscht. In dieser Wüste tummelt sich viel mehr Leben, als man denken mag, darunter viele Vögel. Wir haben uns auf die Suche begeben.

Sechs Uhr morgens auf dem Berg Sinai. Allerhand Menschen haben sich hier versammelt. Sie sind hergekommen, um sich den Sonnenaufgang anzuschauen, eine beliebte Touristenaktivität. 

«Ich hatte eigentlich erwartet, dass es heute kälter ist», sagt der Beduine Mohammed, der als Touristenguide arbeitet und seine Kundschaft sicheren Schrittes auf den Berg führt. «Im Januar wird es hier richtig kalt, es kann dann sogar schneien.» Auch an diesem Dezembermorgen kurz vor dem Jahreswechsel ist es auf 2285 Metern nicht gerade mild. Da ist man froh um ein wärmendes Büsi, das einem auf den Schoss springt und es sich schnurrend bequem macht. 

Seit April steht Ägypten auf der Liste der Risikoländer des BAG. Im Dezember war von der zweiten Welle der Corona-Pandemie noch relativ wenig zu spüren. Die Behörden hatten gerade neu eine Maskenpflicht verhängt und Anlässe zu Silvester verboten, die Restaurants und Bars waren aber offen. So reisten dann auch einige in das Land, um der Kälte und den Lockdowns in ihren Ländern zu entfliehen. Dennoch waren deutlich weniger Touristen unterwegs als sonst. Das nutzten vor allem die Ägypterinnen und Ägypter aus, die sich die fast leeren Tempel und Gräber zu reduzierten Preisen nun auch einmal anschauen konnten. 

Nach den Touristen kommen die Vögel
Auch an diesem Morgen auf dem Sinai haben sich vornehmlich Einheimische eingefunden – und eine grosse Gruppe Russen. Nachdem die Sonne aufgegangen ist, machen sich die meisten Besucherinnen und Besucher auf dem gut ausgebauten Weg aber schnell wieder nach unten. Sie wollen das Katharinenkloster besichtigen, das mit seinen 1500 Jahren eines der ältesten christlichen Klöster ist, das noch immer bewohnt wird und in dem ein Brombeerstrauch steht, der ein Ableger keines Geringeren als des brennenden Dornbusches sein soll. 

In einem der vielen Teehäuser machen wir Halt und lassen sie passieren. Das Büsi wollte lieber auf dem Gipfel bleiben. Und eigentlich sind wir sowieso wegen anderen Tieren hier. Sind das Reden und Lachen der Touristen erst einmal verklungen, vernimmt man endlich ihre Stimmen: diejenigen der Vögel. Die bewohnen nämlich diese scheinbar karge und leere Gegend nicht zu knapp.

Steinlerchen hüpfen umher und singen, eine Wüstenprinie fächert ihren Schwanz vor uns auf. Schwarz-weisse Sahara-Steinschmätzer beziehen Position auf Felsbrocken und lassen ihr Lied von dort ertönen. Man hört den Ruf eines Schwarzschwanzes, der in nur in im Süden der Sinai-Halbinsel, wo wir uns befinden und kleinen Teilen Jordaniens und Israels vorkommt. Ein ähnliches Verbreitungsgebiet haben die Tristramstare, die nun beim Teehaus eintreffen.

Heute keine Einödgimpel
«Sie kommen immer, nachdem die Touristen gegangen sind», erklärt Mohammed. Die hübschen schwarzen Vögel mit etwas Orange in den Flügeln suchen den Weg nach essbaren Hinterlassenschaften ab. Auch in den Felsen vor dem Katharinenkloster sind die gewitzten Stare in grosser Zahl anzutreffen. Nur einer lässt sich nicht blicken: der Einödgimpel. Diese rötlich gefärbte Finkenart soll man hier gut beobachten können. Sie kommt sonst noch in vereinzelten Gebieten im Negev, Jordaniens und Saudi-Arabien vor sowie drei weit auseinander liegenden Regionen in Afghanistan und China. 

«Manchmal kommen sie und dann immer grad in Schwärmen», bestätigt auch Mohammed. «Aber nicht jeden Tag. Man kann es natürlich nie im Voraus wissen.» Der Beduine erzählt zudem, wie er als Kind die Einödgimpel manchmal eingefangen habe. «Ich hatte Freude an den schönen Vögeln», erinnert er sich und fügt lachend hinzu: «Ich habe sie aber immer wieder freigelassen.»

Bemerkenswerte Pflanzenvielfalt
Wo es viele Vögel gibt, müssen diese auch etwas zu fressen finden. Und schaut man genauer hin, so erkennt man dann auch, dass sich zwischen den rötlichen Gesteinsbrocken immer wieder kleinere Pflänzchen und grössere Büsche behaupten zu behaupten wissen. Eine Studie aus dem Jahr 2000 fand 1285 verschiedene Pflanzenarten auf der Halbinsel Sinai, allein etwa 800 davon im südlichen Teil. 4,3 Prozent dieser Arten sind in Süd-Sinai sogar endemisch. 

Die Gründe für diese Diversität sind vielseitig: Aufgrund der hohen Lage in den höchsten Gipfeln Ägyptens gibt es hier mehr Niederschlag als in anderen Wüsten. Viele verschiedene Mikrohabitate und die Bewirtschaftung durch die Beduinen sorgen für zusätzliche Vielfalt. Ausserdem befindet sich die Halbinsel an einer einzigartigen Lage zwischen zwei Kontinenten: Afrika und Asien. 

Überwintern am Roten Meer
Das wird vor allem im Frühling und im Herbst in der Zeit des Vogelzugs deutlich, während dem europäische Zugvögel die Sinai-Halbinsel als Landbrücke nutzen, um in ihr Winterquartier zu gelangen. Haben sie Sinai erst einmal erreicht, machen sich aber auch viele nicht mehr die Mühe weiterzufliegen und entscheiden sich stattdessen für einen Aufenthalt am Roten Meer. 

An der Küste des Golfs von Aqaba gibt es viele gute Möglichkeiten zu überwintern, zum Beispiel in den Mangroven von Nabq in der Nähe von Sharm El-Sheikh. Dort, so erklärt Touristenguide Kamal, fahre er im Sommer auch viel mit seiner Familie hin. Im Winter sind die Bediunenhäuschen Strand verlassen. Dafür tut sich umso mehr im Sand, im Schlick und im Mangrovenwald, von dem man sagt, dass er der nördlichste der Welt sein soll. 

Im seichten Wasser suchen langbeinige Watvögel wie Rotschenkel, Regenbrachvogel, Kiebitzregenpfeifer und Steinwälzer nach kleinen Tierchen, die sie verspeisen können. Die kleineren Sand- und Mongolenregenpfeifer können sich nicht ganz so weit rauswagen. Auf grössere Stücke abgesehen haben es die weiss-grauen Hemprichmöwen, die über und um Kamal herumschwirren, als er seinen Fisch zum Kochen vorbereitet. Weiter aussen auf den Felsen zeigen sich zwei Raubseeschwalben gänzlich unbeeindruckt von dem Geschehen.

Ebenfalls am Strand zu schaffen macht sich ein angeflogener Kappensteinschmätzer. Diese Art taucht häufig in Siedlungen auf. «Wenn wir seine Warnrufe hören, wissen wir oft, dass es eine Schlange in der Nähe hat», sagt Kamal. Er erzählt seiner Kundschaft gern von den Traditionen und Bräuchen der Beduinen. Diesen Winter hat es allerdings in Nabq weitaus mehr Vögel als Touristen.

Hinweis: Zur Zeit, als diese Reportage entstand, konnte man mit einem negativen Covid-19-Test nach Ägypten reisen. Heute befindet sich das Land auf der Liste der Risikoländer des Bundesamts für Gesundheit BAG.

Autor

Meret Signer

Meret Signer

Meret Signer ist «Tierwelt»-Online-Redaktorin, Biologin und Ornithologin. Genau so sehr wie Vögel liebt sie aber ihre flauschige Katze Redi, weswegen sie oft im Dilemma ist. Während Redi jedoch lieber zuhause faulenzt als auf die Jagd zu gehen, wandert Meret durch die Gebirge dieser Welt. Immer mit dabei: ihr Feldstecher.

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