Die Heuer am Abgrund

Brauchtum und Tradition
Im Urner Schächental mähen die Bauern noch von Hand. Zumindest in der «Wildi» – dort, wo die Hänge sogar fürs Vieh zu steil sind. Einige Landwirte tragen das Heu ballen­weise auf dem Buckel, andere wissen sich auf modernere Weise zu helfen.

Das Postauto hornt vor jedem Rank. Besser so. Denn hier, im Urner Schächental, findet jeden Tag ein Töffrennen statt. Das erzählt zumindest der Chauffeur zwischen zwei Tü-ta-tos seinen grösstenteils grauhaarigen Passagieren, die an diesem strahlend schönen Montagmittag in Richtung Klausenpass unterwegs sind. Die Passstrasse, schlicht «Linie» genannt, ist eng. Die Landschaft links und rechts davon auf der Karte grau schraffiert. Steil. 

Auf den Wiesen hier grasen keine Kühe. Zu stotzig das Terrain. So wächst das Gras unzerpflückt zu einem Wildblumenmeer heran, bis im Spätsommer Meinrad Bissig mit der Sense anrückt. Bissig gehört zu einer guten Handvoll Wildheuer, die sich in die «Planggen» von Unterschächen trauen. Vorgestern hat er die Wiese direkt unterhalb der Klausenstrasse gemäht, von Hand, denn für jede Mähmaschine ist das Grasstück zwischen zwei Sturzbächen zu steil. Seither war das Wetter prächtig, die Sonne hat das Gras getrocknet. Heute soll das Heu eingebracht werden.

«Meiri» ist das erste Wort, das dem drahtigen, braun gebrannten Mann mit dem schneeweissen Bart über die Lippen kommt. Meiri heisse er, sagt er mit einem Grashalm im Mundwinkel. Und sein Sohn, Ambros, stellt sich kurzerhand als «Brosi» vor. Der junge Bauer hat vor Kurzem erst den Hof seines Vaters übernommen, hilft aber schon seit einigen Jahren beim Heuen mit. «Da unten sömmern wir unser Vieh», sagt Brosi und zeigt fast senkrecht ins Tal hinunter, wo daumennagelgross ein Dutzend Kühe herumstakst. 

Unfälle sind die Ausnahme, aber tödlich
Das Vieh, das braucht Futter für den Winter. Also steigen Vater und Sohn Bissig in ihren Nagelschuhen den Hang hinunter. Mit einem breiten Rechen kehren sie das Heu zusammen und treiben es in einer immer höher werdenden Walze den Hang hinunter. Immer wissend, dass ein falscher Schritt der letzte sein könnte, schlagen sie ihre genagelten Schuhkanten in den Boden, um den Halt zu behalten. Die sicheren, raschen Bewegungen gemahnen an einen Tanz am Abgrund, der Rechen in den Händen an eine Balancestange im Hochseilakt. 

Nicht lange ist es her, da passierte der letzte tödliche Unfall eines Wildheuers. «In Flüelen ist einer runter», erzählt Meiri mit bedrückter Miene. «Er wurde erst grad am Samstag zur Kirche getragen.» Angst um sich habe er deswegen nicht, aber Respekt. «Wenns passiert, dann passierts», sagt auch Sohn Brosi nur. Unfälle seien zum Glück die Ausnahme.

Heusurfen erfunden
Doch was treibt die Innerschweizer Bergbauern dazu, sich in die steilsten Wiesen zu wagen für ein paar Fuder Heu? «Es lohnt sich nicht wirklich», sagt Meinrad Bissig, «aber es ist eine schöne Abwechslung.» Und Tradition. «Auf diesem Stück heuen wir schon seit Generationen.» Seit der Zeit, als das Wildheuen noch wirklich wild war. Damals, als die Hänge des Schächentals noch Allmenden waren, also der Allgemeinheit gehörten, durfte jeder darauf tun und lassen, was er wollte. Meist waren es Bauern, die wenig Land besassen, die sich das wertvolle Heu im Steilhang sicherten, um ihre Kühe über den Winter zu bringen. «Dr Schneller isch dr Gschwinder.» 

Der Andrang auf die Bergwiesen wurde ab dem 17. Jahrhundert so gross, dass man Beschränkungen einführen musste. Nur zwei pro Haushalt durften aufs Mal mähen. Man sprach von «Sensenkrieg», weil die Bauern im Morgengrauen des Stichtags (im Kanton Uri jeweils am 11. August) zu Berg rannten, um sich die besten Wiesen zu sichern, wie Touristen heute ihre Strandliegen mit Badetüchern reservieren. In der Zwischenzeit hat sich viel geändert. Nur wenige Bauern sind übrig geblieben, die in die «Wildi» wollen, es gibt genug Wiesen für alle Interessierten und die «Planggen» gehören heute den Korporationen, die sie bereitwillig zur Mahd freigeben. Der Kanton Uri bezahlt den Wildheuern seit einigen Jahren gar Beiträge im Rahmen eines «Wildheuförderprogramms». So soll nicht nur die Tradition beibehalten werden, so sollen die Wiesen auch vor der Verbuschung bewahrt werden, die ohne regelmässiges Mähen droht.

Mittlerweile ist die Heuwalze tief im Hang angekommen und die Tradition vermischt sich mit einer Art Moderne. Wobei das übertrieben ist. Mit einer Seilwinde aus dem tiefen letzten Jahrhundert lässt Beat Büeler (der den Bissigs gemeinsam mit Brosis Freundin Silvia aushilft) einen Holzschlitten zu Tal gleiten. Meiri und Brosi laden das Heu packenweise darauf, binden es fest und winken dem Maschinisten oben an der Klausenstras­se zu. Büeler kennt sein Kommando. Er wirft den alten Benzinmotor an und lässt das Stahlseil wieder auf die Rolle spulen. Neben dem «Burdeli» steigt der junge Bissig zu Berg, hält den Schlitten stabil, steigt sogar drauf und lässt sich Meter für Meter nach oben kutschieren. Die Urner haben das Heusurfen erfunden. 

Oben angekommen beginnt Brosi mit seinen Helfern, die Fracht Fuder für Fuder über die Leitplanke zu hieven, wo sie von einem Heulader automatisch eingesammelt wird. Er scheint den Wunsch nach mehr Urtümlichkeit in den Augen des Journalisten zu bemerken und zeigt in Richtung Klausenpass: «Geh mal 200 Meter weiter, da ist noch einer, der trägt die Burden auf dem Buckel hoch!» 

Das Sennenhemd mit der Kapuze
Der Eine erweist sich als Meinrad Bissigs Cousin. Wobei, zunächst einmal erweist er sich als wandelndes «Burdeli», denn mehr ist von ihm nicht zu sehen. Ein grosser Heuballen, der sich im Zickzack den Berg hochwindet. Erst allmählich taucht darunter, tief gebückt, ein Mann auf. Braun gebrannt, mit weissem Bart, einzig das weisse Sennenhemd unterscheidet ihn von Weitem von seinem Cousin Meiri. Die Kapuze hat er tief ins Gesicht gezogen, damit ihm das Heu nicht in den Nacken rieselt. «Ich mache das zum Spass», sagt er, oben angekommen, auf die Frage, warum er sich ohne Gerätschaften in der «Plangge» abmüht. Er sei nicht einmal Bauer, das Heu, das er in 20-Kilo-Packungen den Berg hochschleppt, das gebe er dann seinem Bruder. 

Vater und Sohn Bissig haben ihren Hang inzwischen vom Heu befreit, der Transporter ist vollgepackt. Etwa eine Tonne Heu sei das, sagt Bissig senior. Das reicht noch lange nicht, um die Kühe durch den Winter zu bringen. «Aber wir haben noch ein paar Wiesen zum Mähen.» Die müssen vorerst allerdings noch warten, denn: «Morgen hat er wieder Regen.» Reihen sich im Schächental aber demnächst wieder ein paar Sonnentage aneinander, sieht man vom Postauto auf der «Linie» aus bestimmt die Bissigs in der «Wildi». 

➡️ Dieser Artikel ist erstmals in der «Tierwelt»-Nummer 38, 2016 erschienen. 

Autor

Matthias Gräub

Matthias Gräub

Matthias Gräub kümmert sich bei der «Tierwelt» um die Porträts. Weil er dort mehr mit Menschen als mit Tieren zu tun hat, kompensiert er seinen Tierlidrang mit Zoobesuchen, Waldspaziergängen und Wanderungen in der Natur. Könnte er auswählen, bestünden seine Berner Stadtmusikanten aus Alpaka, Luchs, Laufente und Nacktmull. Das gäb ein Konzert!

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