Ein bäumiger Baustoff

Schindeln aus der Schindelfabrik

Pro Jahr werden in der Schindel­fabrik Müller in Pfäffikon SZ 300 Kubikmeter Fichtenholz und 100 Kubikmeter Lärchenholz zu Schindeln verarbeitet.

Luc Müller

Schindeln
Holz als Baustoff ist wieder von Bedeutung. Dabei kommen auch vermehrt Schindeln an Fassaden – dahinter steckt ein Traditionshandwerk.

Die Tradition ist fast greifbar. Es riecht nach frischem Holz. Maschinen rattern, eine Säge ist in Betrieb. Draus­sen lagern grosse Baumstämme – mitten im Dorf Pfäffikon SZ. Die Familie Müller stellt in der Schindelfabrik Müller AG seit fast 400 Jahren aus Holz Schindeln aller Art her. Das Traditionshandwerk beherrschen nur noch wenige: In der Schweiz gibt es sonst nur noch im Luzernischen eine reine Schindelfabrik, die grosse Mengen produziert. Schweizweit arbeiten noch rund 100 Schindelmacher, die ohne Maschine von Hand arbeiten. «Holz als Baumaterial ist wieder gefragt», erklärt Beat Dönni, Geschäftsführer der Müller AG. Schindeln werden für Dächer, Unterdächer und Fassaden eingesetzt. Vor allem in den Alpenländern und ländlichen Regionen haben Schindeln Tradition: So sind die von der Müller AG hergestellten Holzteilchen bei der Renovation von alten Häusern, Holzbrücken oder Kirchen im Einsatz. Aber auch bei Neubauten wird wieder vermehrt auf das Naturprodukt zurückgegriffen.

Die Schindeln werden normalerweise direkt auf die Holzverschalung der Fassade genagelt. Die übereinandergeschichteten Schindeln trotzen Wind und Wetter: Sie nehmen Wasser auf und scheiden es selber wieder aus und sie trocknen selbstständig ab. Zwischen den spaltrauen Flächen kann Feuchtigkeit optimal ablüften. Mit geringem Zusatzaufwand wird eine hohe Wärmedämmung erreicht. «Schindeln sind sehr langlebig. Sie können bis zu 100 Jahre halten», betont Dönni. Zudem sei die Schindel aus Schweizer Holz gefertigt, weshalb keine langen Transportwege anfallen. Deshalb sei die CO2-Bilanz des Produktes hervorragend. Rund ein Drittel der Schindeln, welche die Firma Müller verlassen, werden noch zusätzlich imprägniert.

Bäume aus dem Bündnerland
Die zu verarbeitenden Holzstämme stammen aus dem Bündnerland. Sie kommen aus dem Prättigau, dem Engadin oder dem Münstertal. Die Holzschindeln werden aus Fichten, auch Rottannen genannt, und Lärchen hergestellt. Das Holz muss spezielle Eigenschaften mitbringen. «Manchmal werden Bäume extra für uns geschlagen. Wir setzen auf Qualität und so zahlen wir Preise, die einiges höher sind als der durchschnittliche Marktpreis», erzählt Arno Müller, der die Firma seit dem Jahr 2000 leitet. Und wie ist das mit dem Fichtensterben, bei dem in vergangener Zeit viele der Bäume wegen Trockenheit und Borkenkäfer abgestorben sind? Braucht es bald neue Baumarten für die Schindeln? «Nein», relativiert Müller, «die Fichten sterben vor allem im Mittelland und nicht in der Höhe, woher wir unsere Bäume beziehen.»

Für die Schindelproduktion wird Schattenholz ab einer Höhe von 1500 Meter über Meer bevorzugt. Heisst: Der Baum stand in einer schattigen Gegend, weshalb er mangels Sonnenlichts nicht so schnell gewachsen ist. Der Baum ist feinjährig, wie der Fachmann sagt. Die Jahrringe stehen eher dicht zusammen: Genau diese Zellstruktur ist für die Schindeln optimal.

Herstellung: wie ein Baum zu Schindeln wird

Das Schindelholz stammt generell von Bäumen, die im Winter geschlagen wurden. Dann ist das Holz härter, weil es weniger Saft enthält. Grundsätzlich ist Lärchenholz langlebiger als Fichtenholz, weil es viel Harz enthält. Pro Jahr verarbeitet die Firma bis zu 300 Kubikmeter Fichtenholz und rund 100 Kubikmeter Lärchenholz. In der Müller AG ist schon vieles automatisiert. Aber wenn die geschnittenen Schindeln einer Qualitätskontrolle unterzogen und aussortiert werden, ist immer noch das menschliche Auge nötig, eine Maschine kann das nicht.

Wie entstehen die Schindeln genau? Die Baumstämme werden zunächst von einer Sägemaschine in Scheiben geschnitten. Diese werden wieder zerteilt: Eine Spaltmaschine zerteilt die Holzscheibe sozusagen in einzelne Kuchenstücke. Diese dreieckigen Holzstücke nennt man «Mösel», die in einem Ofen gedämpft werden, damit sie elastisch und formbar werden. Aus dieser Grundform werden nun feine Holzblättchen maschinell riftgespaltet. Eine Maschine stanzt schlussendlich aus den rechteckigen Holzplättchen, die rund zwei bis fünf Millimeter dick sind, die Rundung heraus. Je nach Bedarf stellt die Firma Schindeln in verschiedenen Formen her. Je zwanzig Schindeln werden am Schluss noch per Nähmaschine miteinander vernäht – die vorgefertigten Zehnerstreifen werden dann so auf dem Bau verarbeitet.

Arno Müller stellt Schindeln her

Wie ein gut sitzendes Jackett
Die Schindelfabrik Müller hat vier Mitarbeiter und beschäftigt zudem Heimarbeiter als Schindelmacher. «Die Maschinen sind so gut ausgelastet, dass wir zusätzlich noch Schindeln von Hand herstellen. Die machen Glattschirmschindeln, eine Spezialschindel», erklärt Beat Dönni. Früher hat man die Schindeln von Hand hergestellt – als Zeitvertreib in den langen, dunkeln Winterabenden. Arno Müller, den alle «Schindeli-Müller» nennen, hat das Handwerk selber noch gelernt, wie er in den Verkaufsräumen demonstriert. Auf einer Bank sitzend spaltet er mit Hammer und Spalteisen vorsichtig den «Mösel» – durch das Spalten bleiben die einzelnen Holzzellen erhalten.

«Eine Schindelfassade ist wie ein gut sitzendes Jackett», philosophiert Müller, «sie gibt warm, sieht schön aus und hält bei guter Pflege fast ewig.» Müller führt zu einem Glasschrank, in dem besonderes Werkzeug lagert. Spalteisen in allen Grössen und Formen. «Das hier gab es schon zu Zeiten von Napoleon», erklärt er. Seine Familie habe es selber hergestellt, denn solches Werkzeug kann man nicht kaufen. Da ist sie wieder – die Tradition, die den Firmenraum mit Leben füllt.

Autor

Luc Müller

Luc Müller

Luc Müller ist «Tierwelt»-Redaktor und kümmert sich neben den Kaninchen um das breite Feld «Natur & Umwelt», wobei er je nach Thema zur Wühlmaus, zum Trüffelschwein oder Sperber mutiert. Auch zu Hause geht es tierisch zu und her, wo die getigerte Hauskatze mit ihrem ganz eigenen Willen für viel Unterhaltung sorgt. Zum Abschalten auf dem Nachhauseweg an den Zürichsee hört der Schreibende gerne Jazz ­– am liebsten natürlich das Stück «Bird of Paradise» von Album «Ornithology».

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