Ein Paradies für Schwarze Alpenschweine

Saugutes Leben auf der Alp
Seit drei Jahren sind die einst verloren geglaubten Schwarzen Alpenschweine zurück in der Schweiz. Sie leben ständig im Freien, fressen Kräuter und bewegen sich viel. Dies macht sie zu exquisiten Fleischlieferanten.

Erstfeld im Kanton Uri. Eine Strasse, so schmal wie ein Auto breit, windet sich in engen Kurven den Berg hinauf. Am Ende des Weges angekommen, durchbricht einzig das leise Glöggeln weidender Schafe die Stille. Und dann: ein tiefes Grunzen. Der Blick schweift über die Hänge und entdeckt im Steilen schwarze Schweine. «Das ist die Mädelsgruppe», erklärt ihr Halter Markus Renner und greift sich ein Pack Toastbrot. Die grossen Mädels Susi und Saskia und die halbjährige Sarabella können den Leckereien nicht widerstehen und mampfen sie genüsslich, derweil Saskias Nachwuchs lieber im Hintergrund auf und ab wuselt.

Die drei Sauen und sechs Ferkel helfen mit, eine neue Population einer alten, als verloren geglaubten Rasse aufzubauen: das Schwarze Alpenschwein (siehe Box «Die Vorgeschichte»). Vor drei Jahren sorgte Hans-Peter Grünenfelder, einstiger Gründer der Stiftung ProSpecieRara und seit Jahren Vorsitzender des alpinen Netzwerks «Pro Patrimonio Montano» (PatriMont), dafür, dass vier Zuchtgruppen in die Schweiz zu Landwirten und in den Tierpark Goldau kamen. Dessen Eber Gusti und Sau Vreni sind die Eltern von Giulio, den Renner «Babymaker» nennt.

Die Vorgeschichte

Vor 100 Jahren gab es vielerorts in den Alpen dunkle, langbeinige Schweine, die der Einfachheit halber so hiessen wie das Gebiet, in dem sie lebten. Im Zuge der Leistungszucht verschwanden sie und galten als ausgestorben, bis Mitarbeiter der Universität Parma in Norditalien 2013 ein paar Exemplare entdeckten. Bei einer ausgedehnten Suche in den südlichen Alpen wurden Hans-Peter Grünenfelder und seine Mitstreiter des Netzwerks PatriMont an zwei weiteren Orten fündig. Auf diesen drei Gruppen basierend, startete PatriMont eine Erhaltungszucht und fasste die verschiedenen dunklen Schläge zur Rasse «Schwarzes Alpenschwein» (SAS) zusammen. 2018 lebten in Italien, Österreich und im Süden Bayerns 48 Zuchtgruppen. Im selben Jahr kehrten nach vielen Abklärungen und einer langen Quarantäne drei Eber und sechs Sauen in die Schweiz zurück. Die Tiere haben sich seither kräftig fortgepflanzt: Es gibt hierzulande ein Dutzend Zuchteber sowie 26 Zucht- und 10 Mastbetriebe. Gesamtalpin sind es 232 Tiere in 75 Zuchtgruppen. Damit gelang gemäss Grünenfelder der Aufbau einer Population auf einer verhältnismässig breiten genetischen Basis.

Alpenschweine bekämpfen wuchernde Farne

Seit der Eber im Sommer 2020 mit Saskia und Susi den Zieriberg oberhalb Erstfelds auf 1000 Metern Höhe bezog, sorgte er dreimal für Nachwuchs. Derzeit lebt Giulio in einer «Boygroup» mit seinen drei halbjährigen Söhnen und einem Kastraten getrennt von den Mädels. «Es geht darum, Inzucht zu vermeiden, dass er also seine Tochter deckt», erklärt Renner. Der pensionierte PR-Berater kennt sich aus beim Erhalt seltener Rassen, hält er doch seit etwa 30 Jahren Spiegelschafe. Auch sie wurden im Bündnerland erst in allerletzter Minute vor dem Auslöschen gerettet.

Seine 15 bis 20 Schafe grosse Herde lebt das ganze Jahr über auf dem Zieriberg. Die Yaks dagegen, die Renner seit über zehn Jahren auch hat, weiden im Sommer weit oben in den Bergen und verbringen nur die Winter bei den Schafen und bei den Schweinen. «Das steile Gelände ist stark von Verbuschung durch Farne betroffen», antwortet Renner auf die Frage, wie er auf die Alpenschweine kam. Tatsächlich haben sie einen ökologischen Wert, da sie mit ihrem Wühltrieb dafür sorgen, dass der Boden aufgelockert wird und Farn nicht mehr nachwächst.

Ein Schlaraffenland für Schweine

Wie zum Beweis steckt eines der Mädels seinen recht langen Rüssel tief ins Erdreich und bearbeitet es so energisch, dass die Schlappohren heftig auf und ab wackeln. Während die Sau laut knackend Wurzelteile zerbeisst, erzählt Renner, wie er auf einen Artikel im Magazin des Tierparks Goldau hin Kontakt zu Grünenfelder aufnahm. Dieser habe sich die Örtlichkeiten angeschaut und für gut befunden. Es ist auch ein Schlaraffenland für die Tiere: Erdlöcher zum Suhlen und Dösen, Kräuter und viel Kleingetier im Boden, das sich rauszuholen lohnt.

«Sie sind sehr einfach in der Haltung», betont Renner, «sie grasen fast wie Kühe und fressen, was das Gelände hergibt.» Deshalb wachsen sie langsam. Gäbe man ihnen Kraftfutter, würden sie nur verfetten. Besser seien Küchenabfälle. Renner hat eine Vereinbarung mit einem Grossverteiler, der ihm Ware liefert – alles ausser Fleisch und Wurst. Und auch wenn Schweine als Allesfresser gelten, haben Saskia, Giulio und Co. durchaus ihre Vorlieben. Käse und Süsses mögen sie, Pilze und Zitrusfrüchte verschmähen sie. Gemüse steht nicht bei allen hoch im Kurs. Einige jedoch mögen Fenchel besonders gerne.

Da gibts das Fleisch
  • Das Bio-zertifizierte Fleisch der Schwarzen Alpenschweine ist eine Rarität. Salami, Rohschinken und Mischpakete von 2,5 bis 10 Kilogramm gibt es bei der Erzeugergemeinschaft im Naturpark Beverin GR. Bestellen bei: schwarzes.alpenschwein@naturpark-beverin.ch
  • Die Bestellungen werden gesammelt und zum nächsten Schlachttermin an den jeweiligen Landwirt weitergeleitet.
  • Website mit Hofläden, Metzgereien und Restaurants, wo es das Fleisch gibt: alpenschwein.market
Ringelschwänzchen vom Alpschwein

Am allerliebsten schnüffeln sie herum und bearbeiten den Boden auf der Suche nach Würmern und Käfern. «Sie haben den ganzen Tag etwas zu tun», erklärt ihr Besitzer. Einzig am Morgen ist nicht viel los im Schweinetrupp. «Sie sind keine Frühaufsteher, sondern liegen gerne lange herum.» Und dies täten sie selbst im Winter am liebsten draussen. Er habe ihnen Iglus gebaut. «Es braucht aber viel, dass sie da reingehen.»

Die robusten Alpenschweine sind in jeder Hinsicht perfekt an das Leben in den Bergen angepasst. Die Sommersonne kann ihnen dank der dunklen Haut und Borsten nichts anhaben. Im Winter schützt sie ein dichteres und gröberes Fell vor Kälte. Dank ihrer hohen Beine sind sie berggängig und wendig. Auch büxen sie gerne aus, wenn ihnen etwas nicht passe. Irgendwie kommen sie überall durch. Mittlerweile könne er ihren Spuren gut folgen, sagt Renner schmunzelnd. «Und wenn ich sie rufe, kommen sie schon zurück.»

Die Sauen suchen tatsächlich den Kontakt zu den Menschen und holen sich ihre Streicheleinheiten bei ihrem Besitzer und beim Besuch. Die sechswöchigen Ferkel aber rasen quiekend davon, wenn man sich ihnen nähert. Mama Saskia hat ihre Kleinen stets im Blick. «Sie beschützt sie», weiss Renner aus schmerzhafter Erfahrung. «Als eines beim Setzen der Ohrenmarken heftig schrie, hat sie mich in den Oberschenkel gebissen.»

Saskia wird die Gruppe verlassen. Sie habe nur auf einer Seite Milch, erklärt Renner. Ein Makel, den sie vererben könnte, weshalb sie nicht mehr in der Zucht eingesetzt werden soll. Künftig sorgen entweder Susi und Giulio für Nachwuchs oder Renner holt einen neuen Eber, der Sarabella deckt. Saskia wird wohl beim Metzger landen, was zur Frage führt, wie das Fleisch der Alpenschweine schmeckt. Das wisse er nicht, erklärt Markus Renner, «wir haben noch kein Tier geschlachtet».

Vorausgesetzt die Schweine wurden – wie Renners Gruppe – richtig gefüttert und hatten stets viel Bewegung, ist das Fett weiss und fest und schmeckt nussig, wie Hans-Peter Grünenfelder erklärt. Das Fleisch sei gut marmoriert und schmore in der Pfanne nicht zusammen. Der Schinken lasse sich mit spanischem Serrano vergleichen. Und der ist bekanntlich saugut.

Autor

Petra Stöhr

Petra Stöhr

Petra Stöhr ist «Tierwelt»-Redaktorin und geht als Historikerin gerne der Geschichte der Schweizer Nutztiere auf den Grund. Noch lieber geht sie für Geschichten ins Feld und macht sich für ihre Begegnungen mit den medidativen Kühen, den gmögigen Schafen und den quirligen Geissen auch die Gummistiefel dreckig oder lässt es über sich ergehen, dass sich Schweine überaus gerne an ihren Beinen reiben.

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