Ein Pieks beim Pinguin, Gemüse für den Gorilla

Zoo

Die Tierärztin Maria Luisa Vellasco Gallego entnimmt dem jungen, von Tierpflegerlehrling Noel Pritz fixierten Königspinguin Blut.

Raisa Durandi

Fokus: Tierspital Zürich
Die Exotentierärzte des Tierspitals betreuen den gesamten Tierbestand im Zoo Zürich. Dafür brauchen sie ein enormes Wissen über die unterschiedlichsten Tierarten. Auf Visite bei Pinguinen, Riesenschildkröten und Gorillas.

Es regnet und ist kalt an diesem Novembermorgen im Zoo Zürich. Das macht den Königspinguinen nichts aus. Im Gegenteil: Minustemperaturen wären für sie sogar noch besser. Der Tierpflegerlehrling Noel Pritz treibt ein grau-schwärzliches, längliches Wollknäuel mit spitz zulaufendem Schnabel aus der Gruppe der Frackträger, packt es und fixiert seine Stummelflügel. «Das ist ein Jungvogel von diesem Jahr», sagt Jean-Michel Hatt, Professor an der Universität Zürich und leitender Tierarzt im Zoo. 

Eine zierliche, junge Frau kauert vor dem Jungpinguin, sticht mit einer Nadel in einen fleischigen Fuss. «Es ist schwierig, Pinguinen Blut zu entnehmen», sagt Maria Luisa Vellasco Gallego. Sie ist Tierärztin, stammt aus Spanien und absolviert am Tierspital Zürich den dreijährigen Lehrgang zur spezialisierten Vogeltierärztin. Der Pinguin zappelt, Velasco versucht es an anderer Stelle. «Bei Pinguinen sieht man das Gefäss nicht»,
erklärt Jean-Michel Hatt. Blutentnahmen seien an Füssen, im Bereich der Wirbelsäule und am Hals möglich. 

Ein Tierpfleger hatte festgestellt, dass das Jungtier schwer atmet und Mühe hat, der Gruppe zu folgen. Die Ursache könnte die Wärme sein, sagt Hatt. «Wegen dem wärmeren Klima bei uns sind die Pinguine einer höheren Pilzbelastung ausgesetzt.» Im Blut stellte man eine Entzündung fest, der Pinguin erhält nun eine Breitbandsubstanz gegen Pilze und Bakterien – und es geht ihm schon besser. «Er wird zur Behandlung für kurze Zeit in eine Box gesetzt», sagt Hatt. Das Medikament werde hineingesprüht, sodass er es einatme. Schlimm scheint die Blutentnahme für den Vogel nicht gewesen zu sein. Er watschelt nicht etwa davon, sondern möchte mit den Tierärzten in die angrenzende Futterküche. 

Tierarzt untersucht Schildkröte

Auf dem Weg durch das Vivarium fragt Jean-Michel Hatt einen vorbeieilenden Tierpfleger: «Geht es dem Capybara besser?» Doch, der Durchfall habe aufgehört, antwortet dieser, alles sei in Ordnung. «Wir haben angeordnet, dass das Saftfutter reduziert wird, vornehmlich Heu, Wasser und Schilf gereicht wird», erklärt Hatt. Man habe zur Unterstützung der Darmflora mit Stullmisan behandelt. 

Blutentnahme im Regenwald
Ein Zootierarzt sollte mit allen Tierarten vertraut sein, sagt Hatt. Beim Capybara, auch Wasserschwein genannt, könne man beispielsweise Erkenntnisse, die man bei Meerschweinchen gewonnen habe, übertragen, da beide Tiere verwandt seien. Als Veterinärmediziner brauche man Zeit, sich das Wissen über Jahre anzueignen. 

Hatt hatte sich immer für exotische Tiere begeistert, hielt als Jugendlicher Reptilien und Kleinsäuger. Nach dem Studium der Veterinärmedizin absolvierte er eine Assistenz am Tierspital Zürich bei Zootierarzt Ewald Isenbügel, schrieb seine Doktorarbeit und spezialisierte sich während eines Jahres in England auf Zootiere. Später absolvierte er in den USA Prüfungen zum Spezialisten in Zootiermedizin und entwickelte Spezialausbildungen auf exotische Tiere auch in Europa. Heute ist das Tierspital Zürich darum eine weltweit renommierte Adresse für Veterinärmedizin an Exoten. 

Das Elektroauto rumpelt durch den Zoo, Jean-Michel Hatt und Maria Luisa Vellasco Gallego kurven vom Vivarium zooabwärts, Medikamente, Spritzen, Handschuhe und Chipablesegerät sind in einer Kiste auf der Ladefläche verstaut, Regen peitscht gegen die Frontscheibe, kalter Wind weht durch die offene Führerkabine. Dann plötzlich feucht-warm wabernde Luft, die Brille des leitenden Zootierarztes beschlägt sich. Er hält sie kurz unter eine Heizöffnung. Die beiden Tierärzte sind von der Antarktis in den Madagaskarregenwald entschlüpft, in die Masoalahalle. 

«Nein, nein, keine Angst», sagt Maria Luisa Vellasco Gallego  zu einer Riesenschildkröte, die Beine und Kopf einzieht. «Er hat geschlafen», meint sie schmunzelnd. Sie streichelt das Urtier an den Beinen, Jean-Michel Hatt am Kopf. Er sagt: «Wir nennen ihn den grossen Buben.» Jetzt stemmt sich die Aldabra-Riesenschildkröte in die Höhe, reckt den schrumpeligen Hals. Auch hier entnimmt die Tierärztin Blut. Hatt erklärt warum: «Bisher gelang es uns nicht, die Art zu züchten. Wir stellen nun monatlich im Blut den Hormonzyklus fest und machen bei den Weibchen Ultraschall der Eierstöcke.»

Den Verdauungstrakt verstehen
Hatt wertet zudem Wetterangaben aus Aldabra aus. «Wir hoffen, dass uns diese Informationen helfen, diese seltene Art zur Fortpflanzung zu stimulieren.» Ein Rotstirnmaki hangelt sich von einem Baumstamm und äugt interessiert auf die Utensilien der Tierärzte. «Wir müssen aufpassen, dass er nichts stiehlt», sagt Maria Luisa Vellasco Gallego und lacht.

Weiter geht es ins Haus der Menschenaffen, zu NGola, dem Silberrücken. Mit seinen 42 Jahren ist er ein betagtes Gorillamännchen. «Wir haben für alte Zootiere ein Welfare Assessment entwickelt», sagt Jean-Michel Hatt. Mit dieser «Wohlfühlbewertung» könne man sicherstellen, dass es ihnen auch im Alter gut gehe. «Wir haben diese Tiere auf dem Radar und analysieren aufgrund der regelmässigen Kontrollen ihren Gesundheitszustand systematisch.» Nicole Cathomen, die Abteilungsleiterin des Zoos für Menschenaffen und Australien, ist ganz zufrieden mit NGolas Gesundheitszustand.

«Aha, Durchfall», murmelt Jean-Michel Hatt, als er mit runzliger Stirne das Patientenblatt liest. «Hat man Würmer im Kot festgestellt?», will er wissen. Nein, alles in Ordnung. «NGola hat Durchfall, wenn er Stress mit den Weibchen hatte», sagt Nicole Cathomen. Die Situation sei vergleichbar mit einem Greis, der in einer Gruppe junger Frauen lebe. Das werde ihm manchmal zu viel. An diesem Morgen räkelt NGola sich im hinteren Bereich in der Strohwolle und scheint ganz wohl zu sein in seinem Harem. Hatt hat angeordnet, den Früchteanteil zu reduzieren, ihm mehr Gemüse und Pellets zu geben. 

Der Tierarzt ist für die Futterpläne aller Tiere im Zoo zuständig. «Man muss die Anatomie und den Verdauungstrakt eines jeden Tieres kennen. Daraus lese ich, was es an Nahrung benötigt.» Zusätzlich ziehe er Informationen aus der Fachliteratur bei, diskutiere mit anderen Fachleuten. Gute, auf die Art abgestimmte Pellets seien eine ideale Ernährung für die meisten Tiere, auch für Vögel. Bei der freien Aufnahme von natürlichen Nahrungsmitteln, etwa Früchten und Körnern, sei man nie sicher, ob sie wirklich von allem kosten würden.

Es geht gegen Mittag. Hatt stellt das Elektroauto in die Garage. Er und Maria Luisa Vellasco Gallego schreiben jetzt Krankenberichte in einem Büro. «Die Zoos sind heute weltweit vernetzt», lobt er. Er könne die Krankengeschichten von Tieren, die neu in den Zoo kämen, im Voraus online einsehen. «Worüber die Humanmedizin diskutiert, das gibt es bei uns schon lange.»

Der Text erschien erstmals 2019 in der «Tierwelt». 

Autor

Lars Lepperhoff

Lars Lepperhoff

Lars Lepperhoff ist Redaktor der «Tierwelt» und des «Kleintierzüchters», wo er wöchentlich Porträts über Tierhalter schreibt. Ziervögel sind sein Spezialgebiet. Darum pfeifen in seiner Wohnung Graupapageien aus einer Zimmervoliere, Wasser plätschert im Aquarium und exotische Pflanzen wuchern. Auf Reisen besucht er nicht nur Ursprungsgebiete tropischer Vögel, sondern besonders auch Zoos, Botanische Gärten und Tierhalter. Er ist Autor von Büchern und zahlreichen Fachartikeln.

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