Ein Terrarien-Trend, der Fragen aufwirft

Bartagame

Bartagamen gibt es nicht nur in Gelb, sondern auch in roten, weissen oder grünen Farbtönen.

Stephen Clarke / shutterstock.com

Farbmorphen
Hunderte neue Farbformen haben Terraristiker in den letzten Jahren bei Schlangen und Echsen herausgezüchtet. Das wirft ethische Fragen auf und stellt den Gesetzgeber vor Herausforderungen.

Mehr als 300 Hunderassen hat der Mensch erschaffen – grosse, kleine, schwarze, weisse, niedliche, weniger niedliche. Hunderte Pferde- und Hühner-, Dutzende Katzen- und Kaninchenrassen. Alle aus jeweils einer einzigen Wildtierart, allein durch gezielte Auslese und künstliche Selektion. Und nun nehmen Tierhalter, so scheint es, den Königspython, die Kornnatter und die Bartagame ins Visier ihres züchterischen Ehrgeizes. Denn der grosse Trend in der Terraristik heisst Morphenzucht.

Morphen, so nennt der Biologe unterschiedliche Gestalten, Farben und Formen, die innerhalb einer Tierart auftreten können. So kommen bei einigen Wildkatzenarten ab und zu Tiere mit schwarzem statt geflecktem Fell zur Welt – bei Leopard oder Jaguar nennt man sie Schwarze Panther. Doch auch bei fast allen anderen Tieren gibt es hin und wieder eines, das sich äusserlich deutlich von der «Normalform» unterscheidet. Und mit gezielten Verpaarungen können Züchter solche Veränderungen fördern. 

Goldgräberstimmung unter Züchtern

Bei einigen Schlangen- und Echsenarten tun sie dies seit einigen Jahren im Akkord. Wer einschlägige Websites durchforstet, findet zum Beispiel eine Liste von 684 Farbvarianten der Kornnatter, eine mit 111 Leopardgecko-und eine mit 40 Bartagamen-Morphen. Eine andere Seite wiederum bietet 81 Morphen der Boa constrictor zum Verkauf. 

Der König der Morphen ist jedoch der Königspython. «Von ihm sind heute mehrere Tausend verschiedene Farbmorphen bekannt», sagt Beat Akeret, Leiter der Landesgruppe Schweiz der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT). Die Farbmuster reichen dabei von schneeweiss über zitronengelb bis zu schokoladenbraun, von fein gestreift bis zu bunt gescheckt. Jede Morphe trägt einen – oft klingenden – englischen Namen, zum Beispiel Banana Spider Mojave, Vanilla Pastel, Blaze Fire oder gar 50 Shades of Grey. 

Akeret macht keinen Hehl daraus, dass er selbst kein Fan solcher Züchtungen ist. Er halte seine Reptilien viel lieber in der Wildform, sagt er. Und wie ihm gehe es den meisten älteren Terrarianern. «Die Morphenzucht ist eher etwas für die Generation Smartphone.» Er stelle fest, dass junge Reptilienhalter oft Hunderte Morphennamen herunterbeten könnten, jedoch kaum mehr Kenntnisse hätten über Arten und deren ökologische Bedürfnisse. «Das birgt die Gefahr, dass die Tiere nicht artgerecht gehalten werden.»

Verstärkt wird diese Gefahr dadurch, dass die Morphenzucht ein Geschäft sein kann. «Zum Teil herrscht eine Art Goldgräberstimmung», sagt Bruno Mainini, Leiter der Gruppe Artenschutz beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). «Jeder hofft, als Erster eine neue Form oder Farbe hervorzubringen.» Denn noch nie Gesehenes lässt sich teuer verkaufen, wie ein Blick ins Internet zeigt. Die Preise auf spezialisierten Online-Verkaufsplattformen reichen von einigen Hundert bis zu Tausenden Franken. Ein Züchter aus Kalifornien etwa bot Mitte Januar einen Königspython der Morphe Enchi Sunset für umgerechnet rund 35 000 Franken zum Verkauf.

Durch Zucht geschädigte Tiere

Weil sich die Neuzüchtungen Schlag auf Schlag folgen, geraten Morphen aber auch rasch ausser Mode. «Es kommt vor, dass jemand für viel Geld Jungtiere einer neuen Morphe kauft – doch bis sie selbst Nachkommen haben, interessiert sich schon niemand mehr dafür», sagt Beat Akeret. Er bekomme regelmässig Anfragen, wo sich solche überzähligen Tiere platzieren liessen.

Überhaupt fallen in der Morphenzucht zwangsläufig unerwünschte Tiere an. Meist erfolgt die Vererbung eines Farbtyps nämlich rezessiv. Das heisst: Nur wenn ein Tier von beiden Elternteilen genau jene Genvariante erbt, die für eine bestimmte Färbung verantwortlich ist, zeigt sich die Farbe wirklich – ansonsten wird sie von der anderen Genvariante unterdrückt. Oft hat deshalb nur ein Viertel eines Wurfes die gewünschte Färbung. 

Er finde das problematisch, sagt Akeret: Denn im Gegensatz zu Kaninchen oder Hühnern kann man überzählige Schlangen nicht schlachten und essen. Bedarf besteht höchstens bei Haltern der Königskobra, die sich von Schlangen und Echsen ernährt. Aber davon gebe es auch nicht wie Sand am Meer, sagt Akeret.

Der problematischste Punkt der Morphenzucht aber, da sind sich Akeret und Mainini einig, ist ein anderer: Manche farb- oder gestaltgebenden Gene gehen nämlich einher mit anderen, unerwünschten Eigenschaften oder Verhaltensweisen. So werden schneeweisse Vollalbino-Schlangen und schuppenlose Bartagamen gezüchtet, die äusserst empfindlich gegenüber UV-Licht sind. Bei anderen Farbvarianten gibt es Hinweise auf eine gleichzeitige Beeinträchtigung des Sehvermögens, und bei einigen Morphen des Königs-, des Teppichpythons und des Leopardgeckos ist ein gehäuftes Auftreten von neurologischen Störungen nachgewiesen.

Behörden hinken hinterher

Eine der besorgniserregendsten von ihnen wird in Fachkreisen Wobbling genannt. Im Internet kursieren diverse Videos, in denen Schlangen zu taumeln und schwanken beginnen und ihren Kopf in unkoordinierten, krampfartigen Bewegungen hin- und herbewegen. Für Bruno Mainini vom BLV ist klar, dass solche Züchtungen gegen das Schweizer Tierschutzgesetz verstossen: «Wenn ein Tier nicht in der Lage ist, seinen Kopf ruhig zu halten, ist das eine Qualzucht.»

Allerdings sei es für die Behörden schwierig, solchem Tun Einhalt zu gebieten. «Die Morphenzucht ist in den letzten paar Jahren explodiert», sagt Mainini. Es gebe noch kaum Untersuchungen zuchtbedingter Beeinträchtigungen von Reptilien und keine Listen von unzulässigen Zuchtformen. «Zudem», sagt er, «ist Wobbling für Tierschutzkontrolleure schwierig festzustellen – vielleicht schläft das Tier ja gerade.» Seines Wissens sei in der Schweiz noch kein unter Wobbling leidendes Reptil beschlagnahmt worden. «Aber das wird passieren.»

Rechtlich gesehen gelten Farbmorphen von Reptilien als Wildtiere – auch wenn sie kaum mehr ausgewildert werden könnten und auch wenn mit ihrer Herauszüchtung der erste Schritt hin zu einer Domestizierung gemacht worden ist. Für Einfuhr und Haltung gälten also dieselben Vorschriften wie für Wildfänge derselben Art, sagt Bruno Mainini.

Trotz der Tierschutzprobleme und trotz vieler offener Fragen wollen weder Mainini noch DGHT-Schweiz-Chef Akeret die Morphenzucht verteufeln. Dass man an der Farbenvielfalt Freude haben könne, verstehe er absolut, sagt Akeret. Und wenn man auf die gezielte Zucht von Farben und Formen verzichte, die zu gesundheitlichen Problemen führten, sei gegen Morphen nichts einzuwenden. Sogar eine gute Seite gewinnen beide Experten der Morphenzucht ab. Der Zuchtboom und die Nachfrage nach neuen Farbvarianten entlastet nämlich die Wildbestände der betreffenden Reptilienarten. «Es sind mehr als genug Zuchttiere auf dem Markt, sodass es viel weniger Wildfänge braucht», sagt Akeret. Und Mainini ergänzt: «Beim Königspython zum Beispiel ist die Zahl der Wild­importe praktisch auf null gesunken.»

Autor

Simon Koechlin

Simon Koechlin

Simon Koechlin ist Chefredaktor der «Tierwelt». Als Biologe freut er sich über jedes Tier, das er zu sehen bekommt – egal ob flauschig, flaumig oder schleimig. Um einen Schmetterling oder eine Schwebfliege zu fotografieren, rennt er auch mal in Schlarpen durch seinen Garten.

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