Frederic hat einen schlimmen Zahn

Tierzahnarzt Gottfried Morgenegg

Nach dem Röntgen (Bilder unten) setzt Tierarzt Gottfried Morgenegg zur Operation am Kiefer von Meerschweinchen Frederic an. 

Matthias Gräub

Tiermedizin
Bei Gottfried Morgenegg landen nicht nur Hunde und Katzen auf dem Operationstisch, sondern auch Kaninchen und Nagetiere. Der Tierarzt hat sich auf die Zahnmedizin bei Kleintieren spezialisiert. Heute heisst der Patient Frederic und ist ein Meerschweinchen.

Schon vor zwei Wochen ist Frederic zum ersten Mal von Gottfried Morgenegg untersucht worden. In seiner Kleintierpraxis in Obfelden ZH hat der Tierarzt das Meerschweinchen geröntgt und festgestellt, dass sein Backenzahn eitert. Morgenegg hat den Eiter entfernt und Frederic vorerst zu seiner Besitzerin zurückgeschickt. «Die Zähne von Nagetieren wachsen ein Leben lang», erklärt der Tierarzt. Wie beim Menschen sind sie in einen weichen Halteapparat eingebettet, der etwas nachgibt. «Das sorgt dafür, dass die Zähne nicht gleich kaputtgehen, wenn wir auf einen Kirschstein beissen.» Da sie beim Meerschweinchen jedoch ständig nachwachsen, wird diese weiche Schicht immer wieder zerrissen und neu aufgebaut. 

Das hat bei Frederic zu einer Entzündung geführt. Und die wiederum hat den dünnen Kieferknochen des Tieres angegriffen und ein Loch reingefressen, wie das Röntgenbild, das vor zwei Wochen gemacht wurde, zeigt. «Da gibt es eigentlich nur eine Lösung: Der Zahn muss raus.» Doch Morgenegg will beim Meerschweinchen keine Zahnlücke hinterlassen, also hat er einen anderen Plan: Er will den Kiefer des Tieres aufbohren und die Zahnwurzel kappen. So wäre der Zahn noch da, würde aber nicht mehr nachwachsen.

Der Knochen wächst schon nach
Heute liegt das Meerschweinchen zum zweiten Mal auf dem geheizten Operationstisch des Tierarztes. Nach einer Betäubungsspritze ist es im Tiefschlaf und atmet rasch, aber ruhig ein und aus. «Auf den ersten Blick sieht Freddy viel besser aus», sagt Morgenegg, der seinem Patienten schon einen Spitznamen verpasst hat. Er schiebt ihm eine kleine, schwarze Platte unter den Kopf und bestrahlt ihn mit dem Röntgenapparat. Dann schiebt er das belichtete Plättchen in einen Scanner und schaut auf den Bildschirm, der das fertige Bild innert Sekunden anzeigt. 

Morgenegg staunt, als er die beiden Röntgenbilder nebeneinander sieht: «Das ist eine kleine Sensation! Der Kieferknochen ist schon nachgewachsen.» Tatsächlich sieht auch der Laie den Unterschied auf den Bildern, eine dünne, aber durchgehende weisse Linie ist auf dem rechten Bild zu sehen, dort, wo links noch eine Lücke klafft. «Jetzt bin ich tatsächlich etwas aufgeregt, denn eigentlich ist das in der kurzen Zeit gar nicht möglich.»Dabei hat Morgenegg schon fast alles gesehen. Seit mittlerweile 25 Jahren operiert er Nagetiere und Kaninchen. Auf die Idee gebracht hatte ihn einst seine Frau. «Sie hat mir erzählt, dass sich viele Tierheime kaum um Nager kümmern.» Während die Heime perfekt auf Hunde und Katzen ausgerichtet seien, würden Nagetiere mangels Alternativen oft in kleinen Boxen im dunklen Kämmerlein gehalten. «Meine Frau wollte sich der Nager annehmen.» Und weil sich bei ihnen jede Krankheit, jede Verletzung auf die Zähne auswirkt, hat sich Morgenegg zum Tierzahnarzt spezialisiert. «Wenn ein Tier Schmerzen hat, frisst es nicht mehr», sagt er. «Und wenn ein Nagetier nicht frisst, werden seine Zähne länger und länger.» Das führt früher oder später zwangsläufig zu Problemen. 

Millimeterarbeit
Zu tun gibt es also mehr als genug für den Tierzahnarzt. Neben Katzen und Hunden finden aus der ganzen Schweiz Kaninchen, Meerschweinchen und Hamster mit Zahnbeschwerden den Weg in seine Praxis. Die Nager werden teils für ein Vielfaches ihres Kaufpreises behandelt. Morgenegg findet das völlig in Ordnung: «Es gibt Leute, die haben keinen Platz oder keine Zeit für Hunde oder Katzen. Die haben stattdessen vielleicht Meerschweinchen und lieben sie genauso sehr.» 

Die Behandlung von Frederic stellt sich nach dem Blick auf das Röntgenbild als nicht mehr ganz so kompliziert heraus wie angenommen. Der Kiefer muss nicht aufgebohrt, die Zahnwurzel nicht gekappt werden. Das Skalpell kommt trotzdem zum Einsatz. Morgenegg schneidet dem Meerschweinchen die Backenhaut auf und holt das Spreizwerkzeug hervor. Mit vier Metallhaken, die er an einem blauen Plastikring fixiert, sorgt er dafür, dass die Wunde weit offen bleibt, während er daran arbeitet. «Das System kommt aus der Humanmedizin.» Für so einen kleinen Patienten sei es genau das Richtige, erklärt Morgenegg: «Wenn mir jemand assistieren würde, würde er mir nur im Weg stehen.» 

Mit Wattebäuschen tupft der Tierarzt Blut und Eiter aus der Wunde, mit einer Pinzette gräbt er sich vorsichtig immer tiefer hinein, bis es heikel wird: «Was da pulsiert, ist eine Arterie. Wenn ich die verletze, können wir mit der Arbeit aufhören.» Morgenegg verlangt bei seiner Praxisassistentin nach der Stirnlampe. Für einen Moment lässt er das Plaudern bleiben, konzentriert sich voll darauf, das hauchdünne Knochengewebe zu reinigen, das in den letzten zwei Wochen frisch entstanden ist. Dann ist er zufrieden und holt das Nähzeug. «Ich nähe die Wunde nicht zu, sondern auf», erklärt Morgenegg. So muss er sie für die Nachkontrolle nicht wieder aufschneiden. «Sonst wäre sie innert fünf Tagen wieder zugewachsen.»

Unzufrieden mit den Unis
Wenn Gottfried Morgenegg nicht am Operationstisch steht, engagiert er sich für seinen Berufsstand. Er war Präsident des europäischen Tierzahnarzt-Verbandes, im Schweizer Verband ist er Kassier und organisiert Informationsanlässe und Tagungen für Tierärzte. Denn die Zahnmedizin bei Tieren fristet ein Schattendasein – im Gegensatz zu weniger häufigen Krankheiten. «Jede 253. Katze wird zuckerkrank. Für die gibt es Spezialfutter und alles Mögliche», beklagt sich Morgenegg, «Aber die Zähne der Tiere werden an der Universität in zwei Lektionen abgehandelt, dabei haben vier von fünf Katzen Zahnprobleme.» 

So setzt sich der Experte dafür ein, dass jeder angehende Tierarzt künftig zumindest eine kleine Ahnung von Tierzähnen hat. Mit dem europäischen Tierzahnarzt-Verband arbeitet er derzeit eine Strategie aus, um ein Netzwerk aus interessierten Veterinären zu erstellen und Druck auf die Unis auszuüben. Einfach wird das nicht, weiss Morgenegg: «Die Universitäten blocken in den meisten Ländern ab. Ich habe mit vielen von ihnen gesprochen und staune über ihre Ignoranz.»

Zwei Wochen nach dem Operationstermin ist Frederic wieder fit und munter. Seine Wunde ist bis auf ein kleines Loch zugeheilt. «Das bleibt wohl für immer so, aber es geht ihm gut», rekapituliert Morgenegg, der noch immer fasziniert ist von der wundersamen Knochenheilung beim Meerschweinchen. Ob sich der Kieferknochen mittlerweile wieder vollständig aufgebaut hat, weiss der Tierarzt nicht. «Dafür müsste ich Frederic noch einmal narkotisieren.» Das will er dem Tier nicht aus reiner Neugier antun: «Es würde mich schon interessieren, aber die Patientengesundheit geht vor.» Text und Bilder: Matthias Gräub

➡️ Dieser Artikel ist erstmals in der «Tierwelt»-Nummer 4, 2016 erschienen. 

Autor

Matthias Gräub

Matthias Gräub

Matthias Gräub kümmert sich bei der «Tierwelt» um die Porträts. Weil er dort mehr mit Menschen als mit Tieren zu tun hat, kompensiert er seinen Tierlidrang mit Zoobesuchen, Waldspaziergängen und Wanderungen in der Natur. Könnte er auswählen, bestünden seine Berner Stadtmusikanten aus Alpaka, Luchs, Laufente und Nacktmull. Das gäb ein Konzert!

Kommentare (0)