Gut gewühlt, Grimbart!

Dachse auf einer Waldlichtung

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Heimlichtuer
Der Dachs ist das wohl heimlichste Wildtier der Schweiz. Weil er fast nur nachts unterwegs ist und viel Zeit in seinem Bau verbringt, haben ihn viele Menschen noch nie zu Gesicht bekommen. Obwohl Meister Grimbart in den letzten Jahren deutlich häufiger geworden ist.

Zur falschen Zeit am falschen Ort auf der faulen Haut zu liegen, kann tödlich enden. Das mussten Schweizer Dachse vor 50 Jahren zu Tausenden am eigenen Leib erfahren. Damals grassierte die Tollwut. Zwar ist der Dachs nicht besonders anfällig auf diese tödliche Krankheit. Doch ihm wurde zum Verhängnis, dass er sich seinen Bau oft mit dem Fuchs teilt. Diesem stellten die Behörden Anfang der 1970er-Jahre mit Vergasungsaktionen nach – bloss dass in den ausgeräucherten Bauen oft mehr tote Dachse als Füchse zurückblieben.

So hätte der Mensch den Dachs in der Schweiz beinahe ausgerottet. Erst als die Entwicklung von Fuchsimpfködern die Tollwut gegen Ende der 1970er-Jahre unter Kontrolle brachte, erholten sich auch die Dachsbestände. Und wie! Zwar kann niemand genau sagen, wie viele dieser Tiere heute in der Schweiz leben. Aber als Näherungen gelten die Zahlen der abgeschossenen und überfahrenen Tiere aus der Eidgenössischen Jagdstatistik. Und diese sind heute so hoch wie nie  – fünf Mal höher als Anfang der 1980er-Jahre.

Der eine Teil dieser Zunahme ist schlicht ein Nachhol­effekt. Allerdings ist der Dachsbestand in der Schweiz heute sogar deutlich höher als vor den Tollwutjahren. Ein wichtiger Grund dafür könnte der verstärkte Maisanbau sein, sagt der Dachsspezialist Emmanuel Do Linh San von der Universität Fort Hare in Südafrika. Zwar ist der Dachs ein Allesfresser, der kaum eine Nahrungsquelle verschmäht: weder Kleinsäuger noch Regenwürmer, Insekten, Obst, Beeren, Wurzeln und Getreide.

Ein richtiger «Stubenhocker»

Doch Mais ist laut Do Linh San gerade im Herbst eine besonders wichtige Kohlenhydratquelle. «Jungdachse legen dadurch rasch an Gewicht zu und haben damit grössere Chancen, ihren ersten Winter zu überstehen», sagt Do Linh San. Und gut genährte Weibchen brächten im Frühjahr mehr Jungtiere zur Welt.

Do Linh San schrieb vor ungefähr 15 Jahren seine Doktorarbeit über Dachse in den Kantonen Waadtland und Freiburg. Es war die wohl umfassendste Studie über das Leben dieses heimlichen Tieres in unserem Land. Der Forscher beobachtete dafür insgesamt 125 Dachsbaue. Meister Grimbart, wie der Dachs in Märchen und Fabeln auch heisst, ist nämlich ein «Stubenhocker», wie er im Buche steht. Einen Grossteil des Winters und ansonsten jeweils bis es abends dunkel wird, verbringt er unter Tage – im Kreis seiner Liebsten.

Die Liebsten, das ist ein Clan von meist zwei bis acht Tieren – allerdings habe man in Grossbritannien und Irland auch schon über 20 Tiere beobachtet, erzählt Do Linh San. Solch ein Clan kann über Generationen bestehen – und seine Wohnungssiedlung über Jahrzehnte immer wieder ausbessern, verändern und vergrössern.

Claude Fischer von der Fachhochschule Westschweiz untersuchte und vermass vor einigen Jahren drei Dachsbaue in Genf. Deren Ausmasse waren enorm: Der grösste hatte 42 Wohn- und Futterkammern, 24 Eingänge, eine Tunnellänge von 300 Metern und war ungefähr 50 Jahre alt.

Die Grösse der Baue habe ihn nicht überrascht, sagt Fischer. «Es ist ziemlich häufig, dass Dachsbaue mehr als 20 Eingänge haben, in Genf gibt es solche mit 60 Eingängen.» In England fand man einst sogar einen Dachsbau mit 178 Eingängen, 50 Kammern und einem Tunnelsystem von 879 Metern Länge.

Ruhekammern und Nebengebäude

Weshalb Dachse solch riesige Wohnbauten brauchen, ist noch wenig erforscht. «Verschiedene Tiere scheinen unterschiedliche Kammern zu bewohnen, vor allem wenn Jungtiere da sind», sagt Fischer. Zudem benützten sie wohl einzelne Kammern als Kotstellen, andere als Ruheräume. Es gebe sogar die Hypothese, dass die Dachse von Kammer zu Kammer wechselten, wenn sich in einer zu viele Parasiten angesammelt hätten. 

Seine zum Teil luxuriösen Hauptwohnsitze sind dem Dachs jedoch nicht genug. Jeder Clan verfügt auch über mehrere Nebenbaue. In Do Linh Sans Studie waren 99 der 125 Baue solche Nebenwohnungen. Nebenbaue können mehrere Kilometer vom Hauptbau entfernt liegen. «Sie werden temporär benutzt, wenn eine Futterquelle verfügbar ist, die weit entfernt vom Hauptbau liegt», sagt Fischer.

Noch viele Geheimnisse birgt das Sozialleben des Dachses. Bekannt ist, dass das ganze Jahr über Paarungen stattfinden – wobei die eigentliche Tragzeit nicht sofort beginnt. Die befruchtete Eizelle begibt sich in eine Art Keimruhe – und entwickelt sich erst ab ungefähr Mitte Dezember. Im März, pünktlich auf den Frühling hin, werden dann ein bis fünf Jungtiere geboren. 

Unbekannt ist hingegen, weshalb Dachse mancherorts grössere, andernorts kleinere Gruppen bilden – und was sie überhaupt für einen Nutzen ziehen aus dem Leben im Clan. «Sie arbeiten weder beim Graben, noch bei der Futtersuche oder der Verteidigung vor Fressfeinden zusammen», sagt Emmanuel Do Linh San. Auch das Kommunikationsverhalten der Tiere steckt voller Rätsel. Dachse kommunizierten vor allem über Düfte und Laute, sagt Do Linh San. «Aber was all ihre Duftbot­schaften bedeuten, wissen wir nicht.»

Verfolgt, aber nicht bedroht

Zwar hat sich das Verhältnis zwischen Mensch und Dachs seit Tollwutzeiten gebessert. Verfolgt wird er aber weiterhin: 2017 schossen Jäger schweizweit 3770 Dachse ab. Der Dachs könne nämlich verschiedene Schäden anrichten, sagt Erwin Osterwalder, Fachbereichsleiter Jagd beim Kanton Aargau. In Mais- und Getreidefeldern ebenso wie in Rebbergen oder aufgrund ihrer Grabtätigkeit an Strassen.

Die Abschüsse erfolgen nicht nur, wenn bereits ein Schaden angerichtet ist, sondern auch präventiv. Die Jäger seien aber innerhalb der Jagdzeit vom 16. Juni bis zum 15. Januar frei, auf die Dachsjagd zu gehen, sagt Osterwalder, eine Abschussquote bestehe nicht. Im Jagdjahr 2018 wurden im Aargau 487 Dachse erlegt.

Die Bestände gefährden solche Abschüsse gemäss Experten vorderhand nicht. Der Dachs sei eine enorm flexible Art, sagt
Emmanuel Do Linh San. «Er frisst praktisch alles und gewöhnt sich auch an Lärm und menschliche Aktivitäten.» Das Wichtigste für ihn sei der Zugang zu einem sicheren Ruheplatz. Einem, in dem er seine Gabe zum Graben ungestört ausleben kann.

Autor

Simon Koechlin

Simon Koechlin

Simon Koechlin ist Chefredaktor der «Tierwelt». Als Biologe freut er sich über jedes Tier, das er zu sehen bekommt – egal ob flauschig, flaumig oder schleimig. Um einen Schmetterling oder eine Schwebfliege zu fotografieren, rennt er auch mal in Schlarpen durch seinen Garten.

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