Immer der Spürnase nach

Auf dem Förderband rollt Koffer an Koffer vorbei, da muss der Hund auf Trab sein.

Auf dem Förderband rollt Koffer an Koffer vorbei, da muss der Hund auf Trab sein. 

Adrian Baer

Schnüffelprofis
Die beiden Schäferhunde Jack und Yukon sind darauf trainiert, illegale Schmuggelware wie Gürteltiere, Korallen oder Glasaale zu finden. Am Zürich Airport testen sie ihre Spürnasen am Gepäck der Flugpassagiere.

Es ist 16.38 Uhr, soeben ist das Flugzeug aus Kiew gelandet, nun dauert es noch einige Minuten, bis die Passagiere ihr Gepäck vom Rollband gefischt haben, um anschliessend den Zoll zu passieren und Richtung Ausgang des Zürich Airport zu steuern. Neben dem «grünen» Durchgang («nichts zu verzollen») warten einige Mitarbeiter der Eidgenössischen Zollverwaltung EVZ, um einzelne Reisende herauszupicken, in den angrenzenden Raum zur stichprobenmässigen Kontrolle von Koffer und Handgepäck zu bitten. 

Hier warten auch Yukon und Jack, zwei ausgebildete Artenschutz-Spürhunde, auf ihren Einsatz. Yukon, ein Deutscher Schäferhund, muss in seiner Box verharren, bis er Jack ablösen darf; denn die Hunde können nicht stundenlang im Einsatz stehen, der Schnüffeldienst geht an die Substanz. Jack ist bereits ganz aufgeregt, nachdem ihm Hundeführer Fausto Fedele das Halsband angezogen hat – das ist für den Malinoisrüden das Zeichen, es geht los!

Spielerisches Lernen

«Er freut sich, denn nun darf er nach seinem Spielzeug suchen», sagt Fedele. Die Vierbeiner werden in der Ausbildungsstätte in Interlaken spielerisch an ihre Aufgabe herangeführt (siehe Box). Sie erhalten ein gerolltes Frottiertuch, Muff genannt, dazu eine der Geruchsproben, zum Beispiel Elfenbeinspäne. Dann geht es ums Aufspüren eines versteckten Gegenstandes, der genauso riecht. Zeigt der Hund den Fund an – indem er sich setzt oder hinlegt, bellen ist nicht erwünscht – erhält er Lob und seinen Muff. Das, plus der Spass, den die Hunde beim «Suchspiel» entwickeln, ist Motivation genug. 

Und Jack ist motiviert, sehr sogar. Aufgeregt wedelnd umkreist er drei grosse Rollkoffer, die auf den Boden gelegt werden. Zur Sicherheit, damit der Hund sie nicht umstos­se oder ein Koffer davonrolle, erklärt der Hundeführer. Ebenfalls zum Schutz der Gepäckstücke tragen die Hunde spezielle Schutzschuhe an den Vorderpfoten, damit sie keine Kratzspuren hinterlassen. Jack beschnuppert nicht nur die Koffer, er schnüffelt auch an den Hosenbeinen und Jackentaschen der Reisenden. Das ist nicht sehr angenehm für Menschen, die sich vor Hunden fürchten; was je nach Herkunftsland der Flugpassagiere häufig der Fall sein kann. 

Die drei jungen Leute, die zur Stichprobe herhalten müssen, zeigen jedoch keine Berührungsängste gegenüber dem Belgischen Schäferhund. Jack entfährt ein kurzes Bellen – das ist nicht das Zeichen, dass er einen verdächtigen Geruch wahrgenommen hat, sondern pure Erregung. Also Fehlanzeige, die drei Reisenden sind «sauber», dürfen mit ihren Koffern in Richtung Ausgang davonziehen. Jack wird von Hundeführer Fedele sanft zurückgezogen, und wartet nun auf die nächste Kontrollgruppe. 

«Achten Sie auf den Mann mit der Sonnenbrille», sagt Andreas Akeret, der Hundeführer von Yukon (welcher noch geduldig in seiner Box wartet, bis er an der Reihe ist) und technischer Leiter Diensthundewesen der Grenzwachtregion II. Dem habe man etwas zugesteckt, damit Hund Jack zu einem Erfolgserlebnis komme. Denn es handelt sich an diesem Mittwochnachmittag um ein Training; für Artenschutzhunde wie Hundeführer. Während Yukon mit seinen neun Jahren schon vieles gesehen und erschnüffelt hat, ist Jack mit seinen vier Jahren noch vergleichsweise unerfahren, obwohl er mit Herrchen Fedele bereits regelmässig an den Grenzübergängen im Tessin Dienst tut. 

Heute braucht Jack allerdings ein Weilchen, bis ihm der Duft des versteckten Shatoosh-Schals in die Nase sticht. «Wir haben den Schal dem Freiwilligen erst gerade vorher im Durchgang zugesteckt, da sind die Geruchsmoleküle noch nicht so stark ausgebreitet», erklärt Marc Michel, Technischer Leiter und stellvertretender Chef des Diensthundewesens EVZ. 

Spürhunde

Duftarten und Ausbildung

Artenschutzhunde können rund 70 verschiedene Duftkategorien (Spezies) erkennen und finden exotische Dinge wie die Zähne einer Klapperschlange. Tarnungen und Verpackungen verwirren die Hunde nicht. Sie riechen Elfenbein sogar, wenn es in Kampfersalbe eingelegt ist. Die Spürhunde, die im Dienst der Eidgenössischen Zollverwaltung stehen, werden alle am Kompetenzzentrum für Sicherheit, Intervention und Technik (Kosit) in Interlaken geschult. Nach der Grundausbildung erfolgt die Spezialisierung auf folgende Substanzen:
> geschützte Arten (Cites)
> Betäubungsmittel
> Sprengstoff
> Tabak

Drei Antilopenleben für einen Schal

Shatoosh-Schals, so unbekannt sie vermutlich für einen Grossteil der hiesigen Bevölkerung sein mögen, gehören zu häufig geschmuggelten Objekten. Einzelne Schals könnten bis zu 20 000 Franken wert sein, erklärt Grenzwächter David Leclerc. Shatoosh-Stoffe werden aus Bauchhaaren der geschützten Tibetantilope gewebt – dafür müssen die Tiere ihr Leben lassen. Noch
lukrativer sei der zurzeit boomende Handel mit Glasaalen; das sind Baby-Fischchen, die vor allem in Asien als Delikatesse verspeist werden, wodurch der Bestand der Aale stark gefährdet wird. 

Knapp 800 Verstösse gegen den Artenschutz hat die Eidgenössische Zollverwaltung im letzten Jahr aufgedeckt. 5000 Tierarten, zusammengefasst in rund 70 Spezies, umfasst das internationale Artenschutzabkommen Cites. Darunter exotische Schuppentiere,
Lederwaren aus Schlangen oder Krokodilen, Schnitzereien aus Elfenbein, Aschenbecher aus Affenschädeln, und vieles mehr. «Jack hat sogar mal zwei Boa constrictor gefunden. Lebendige, aber noch ganz kleine», erzählt Fausto Fedele. Das sei sein erster grosser Fund gewesen. Die zwei Jungschlangen befanden sich in der Handtasche einer Dame am Zoll von Chiasso.

Am Abend noch Schildkrötensuche

Nun ist Jack nach seinem rund einstündigen Einsatz eine Pause gegönnt und Yukon darf an seine Stelle treten. Der neunjährige Rüde, der seit sechs Jahren im Einsatz steht, ist weitaus weniger aufgeregt als Jack. Yukon ist einer der ersten ausgebildeten Cites-Spürhunde der Schweiz und gleichzeitig Schutzhund sowie Spürhund für Betäubungsmittel – eine häufige Kombination notabene. Nicht kombinierbar sind einzig Sprengstoff-Spürhunde – aus sicherheitsrelevanten Gründen. «Wenn der Hund etwas anzeigt, sollte man besser wissen, ob es sich um einen Schal oder eine explosive Substanz handelt», sagt Ausbildner Marc Michel.

Yukon darf nun quasi hinter die Kulissen wechseln und sich in die Halle begeben, wo die Koffer der soeben entladenen Flugzeuge angekarrt und auf die Laufbänder geworfen werden. Das geht schnell, Yukon bleibt nicht viel Zeit, um die einzelne Gepäckstücke zu beschnuppern, da muss der Schäferhund ganz schön auf Trab sein. Stundenlang muss er natürlich nicht auf dem Förderband zugange sein, nach Ankunft der Maschine aus Amsterdam ist dann auch mal Schluss und wohlverdienter Feierabend – für die Hundeführer, Jack und Yukon. 

Obwohl – Yukon musste auch schon mal eine Sonderschicht ausserhalb der Arbeitszeit einlegen. «Als eines Abends im Dorf eine Schildkröte entlaufen war, haben wir bei der Suche mitgeholfen», erzählt Grenzwächter Andreas Akeret. Für den Spürhund natürlich ein Kinderspiel. 

Autor

Yvonne Vogel

Yvonne Vogel

Yvonne Vogel ist Alphirtin, Olivenbäuerin und Textproduzentin. Als letztere war sie jahrelang bei diversen Schweizer Printmedien für knackige Schlagzeilen besorgt. Bei der «Tierwelt» hat sie zudem gelernt, auch mit den kleineren Buchstaben zu jonglieren. Am liebsten trifft sie wilde Bären, neugierige Kälber, nützliche Hunde und andere liebe Tiere – um darüber zu schreiben, natürlich.

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