Niemand will Martina

Nutztiere
An einer Viehauktion werden Kühe nicht einfach verkauft, sondern an den Meistbietenden versteigert. Doch die Preise fürs Rindvieh sind im Keller, mitbieten tut fast keiner. 

Martina steht seelenruhig da, im Stall, streckt ihren Kopf unter der Eisenstange durch, fährt ihre lange Kuhzunge aus und schaufelt sich damit ein Büschel Heu ins Maul. Martina ist eine schöne Kuh. Für den Laien: oben rotbraun, unten weiss, dazu ein weisses Dreieck auf der gelockten Stirn. Treuherzig-braune Augen, prall gefülltes Euter. Dem Kenner bietet das Schild über ihrem Kopf mehr Infos: Swiss Fleckvieh, gekalbt am 2. Januar, 35 kg Milch pro Tag. Katalognummer 65. Die Zahl ist mit blauem Filzstift auf ihren Hintern geschrieben. 

Martina soll heute unter den Hammer kommen. Nicht unter den Fleischklopfer, dafür ist sie zu rentabel als Milchlieferantin, sondern unter den Auktionshammer. Heute ist Versteigerungstag in Brunegg AG. In der Vianco-Arena, einer Halle, extra gebaut für Vieh­auktionen. Die grösste der Schweiz. Neben Martina sollen 59 andere Kühe und Rinder einen neuen Besitzer finden. Wer am meisten bietet, erhält den Zuschlag.

Die Wunschkuh im Katalog
Die Kühe, in Reih und Glied aufgestellt, bekommen jetzt Besuch. Eine Dutzendschaft Bauern in grobkarierten Flanelljäckchen und dunkelblauen Faserpelzpullis tröpfelt in den Stall. Hier ein Bub, der seinen Grossvater begleitet, dort ein Mädchen mit seinen Eltern, sonst ist der Stall in Männerhand. Die machen die Runde, begutachten die Tiere, streichen im Auktionskatalog an, wer sie überzeugt, und notieren, wie viel sie dafür zahlen würden.

Hoffentlich mehr, als Auktionator Michael Rüegsegger dafür ausgegeben hat. Der 32-jährige Berner ist bei der Vianco als Einkäufer angestellt. Mit seinen Kollegen hat er in den Wochen vor der Auktion alle Kühe, die heute zur Versteigerung stehen, in ihrem Heimatstall be- und untersucht, hat mit ihren Besitzern verhandelt und ihnen die Tiere abgekauft. Um sie heute weiterzuverkaufen. «Wir holen die Tiere auf dem Hof ab, füttern und pflegen sie hier bis zur Auktion und liefern sie dann direkt beim Käufer ab», sagt Rüegsegger. «Weil wir die Kühe versteigern, bringen wir dem Bauern den maximalen Erlös statt einem fixen Betrag.» Und: «Der Verkäufer muss nicht einmal anwesend sein.»

Die meisten Bauern, die ihre Kühe an der Auktion loswerden wollen, sind denn auch heute zu Hause geblieben. Daniel Bloch, der Besitzer von Martina, ist eine Ausnahme. Der Landwirt aus Mümliswil SO ist mit drei Kollegen aus dem Dorf vorbeigekommen – ein echtes Bauernreisli. Bloch will schauen, ob seine Martina heute verkauft wird. Er ist einer der wenigen Verkäufer, die von der Vianco keine Übernahmegarantie verlangen. Kommt die Kuh nicht weg, bleibt sie nicht in Brunegg, sondern landet wieder im Solothurner Jura. «Meine Mutter hätte Freude, wenn Martina zurückkäme», sagt er. Bloch findet die Vieh­auktion «eine gute Option». Hier könne er Kühe verkaufen, ohne etwas dafür zu tun. «Dafür nehmen sie recht viel Provision.» Sieben Prozent des Verkaufspreises geht an die Vianco. Plus Transport- und Futterkosten. 

Kurz vor zehn: Daniel Bloch sitzt an einem der langen Festtische, die auf dem Betonboden der viel zu grossen Mehrzweckhalle stehen, im Halbkreis um ein Sägemehlviereck angeordnet. Dort werden gleich die Kühe präsentiert. Die Plätze füllen sich spärlich, die rund fünfzig Bauern rüsten sich mit Petflaschencola, Milchkaffee und Gipfeli aus und warten darauf, dass die Versteigerung losgeht. «She came to me one morning …», trällert Uriah Heep leise aus den Lautsprechern. Halbvolle-Hallen-Musik. Bloch hat kein gutes Gefühl. Eigentlich wollte er 3500 Franken für Martina haben. «Aber die sind wohl heute etwas hoch geschätzt.»

Tiefe Nachfrage wegen Futtermangel
Die Preise für Milchkühe gehen rauf und runter. Im Moment sind sie tief, es gibt zu wenig Futter, weil der Sommer so trocken war. «Da spielt es eine Rolle, ob man eine Kuh mehr oder weniger im Stall hat», sagt Bloch. Die wenigen potenziellen Käufer in der Halle wecken kaum Hoffnung, Auktionator Rüegs­egger teilt Blochs Einschätzung: «Das wird nichts Grosses heute.» Er steigt aufs Podest. Hinter ihm ein herbstblätterbraunes Tarnnetz, vor ihm das Rednerpult aus Eisenstangen und Riffelblech. «Test-test-test», brummt er ins Mikrofon. Funktioniert. Es geht los. Die erste Kuh wird in die Manege geführt.

«Das ist Haiti, eine Vigor-Tochter, gutes Euter, wir fangen an bei 2900. Wer bietet neunundzwanzighundert? Neunundzwanzigneunundzwanzigneunundzwanzig?» Rüegsegger bringt Schwung in die Bude. Fast zu viel Schwung angesichts der desinteressierten Bauern. «Einunddreissig Kilo Milch, 4,4 Prozent Fettgehalt, ein tolles Tier, wer bietet neunundzwanzig?» Der Auktionator lobt das Tier, den hohen Eiweissanteil, die tiefe Zellzahl in der Milch. Die Bauern verstehen. Nicken. Wollen Haiti aber dennoch nicht. «Dann schicken wir sie wieder in den Stall.» 

So geht das weiter. Die ersten paar Kühe finden keinen Abnehmer, drehen eine Runde im Sägemehlquader und werden wieder abgeführt. Ab und an streckt ein Bauer in der Runde zaghaft seinen Prospekt in die Höhe, ergattert sich das Tier zum Mindestgebot, man überbietet sich nicht an diesem Donnerstagmorgen. Langsam nähert man sich der Nummer 65. Daniel Bloch hat noch leise Hoffnung für seine Martina. «Es ist eine Lotterie», sagt er. Aber er hadert, zusammen mit seinen Mümliswiler Mitbauern: «Anfang Januar wäre die locker für 3500 gegangen», raunt einer, als eine gute Kuh zum Einstiegspreis von knapp 3000 Franken verkauft wird.

Auch das raue Klima hilft nicht
Dann ist Martina dran. Rüegsegger bemüht sich, sie unters Volk zu bringen, betont das raue Klima im Solothurner Jura. Die Kühe dort seien besonders robust. Wer es dort schafft, schafft es überall, «New York, New York», möchte man à la Sinatra beipflichten. Mümliswil, Mümliswil. Doch auch das hilft nichts. Martina muss zurück in den Stall.

Nach der Auktion zeigt sich Rüegsegger enttäuscht. «Es gibt sicher Kühe, an denen ich nichts verdient habe», sagt er. «Für die nächste Auktion gehe ich anders Kühe einkaufen.» Billiger. Die Versteigerung lief lau, kaum die Hälfte der Tiere sind verkauft. Dafür ist jetzt im Stall drüben Ausverkauf. Auf den Täfelchen über den Kühen sind Fixpreise notiert. Alles muss weg. Die Bauern nützen die Gelegenheit, greifen doch noch zu. Ein Vianco-Mitarbeiter stelzt in Gummistiefeln durch den Stall und streicht eine Nummer um die andere von den Kuhhinterteilen. Keine halbe Stunde nach Auktionsende sagt Rüegsegger: «Jetzt bleiben vielleicht noch zehn.»

Martina ist eine davon. Daniel Bloch besucht sie im Stall. Er lässt die Schultern hängen, versucht aber doch noch, potenziellen Käufern seine Kuh schmackhaft zu machen. «Dabei ist das so eine gute Kuh ...», sagt er, etwas zu laut, als dass es nur für seine Kollegen bestimmt wäre. Ein älterer Bauer mit Zürcher Dialekt findet offensichtlich Gefallen an Martina. Versucht zu handeln. Doch man wird sich nicht einig. Letztlich gewinnt der Hunger. Das Solothurner Trüppchen zieht sich zum Zmittag zurück. Und Bloch verspricht, zu melden, was mit seiner Kuh noch passiert. 

Am nächsten Morgen kommt prompt die SMS: «D Martina isch de wider deheime im Stall. Schöne Tag.» Die Mutter wird’s freuen.

Dieser Artikel erschien erstmals 2016 in der «Tierwelt».

Autor

Matthias Gräub

Matthias Gräub

Matthias Gräub kümmert sich bei der «Tierwelt» um die Porträts. Weil er dort mehr mit Menschen als mit Tieren zu tun hat, kompensiert er seinen Tierlidrang mit Zoobesuchen, Waldspaziergängen und Wanderungen in der Natur. Könnte er auswählen, bestünden seine Berner Stadtmusikanten aus Alpaka, Luchs, Laufente und Nacktmull. Das gäb ein Konzert!

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