Reservat statt Rinderzucht

Lewa-Savanne
Die Lewa-Savanne des Zoos Zürich beruht auf einem realen Vorbild: Das «echte» Lewa liegt in Kenia und ist über die Grenzen des ostafrikanischen Landes hinweg ein Vorbild für modernen Naturschutz.

Die Könige der Savanne haben für die Störenfriede nicht mehr übrig als einen müden Blick. Ungerührt liegen die drei jungen Löwenmännchen im hohen Gras, nur dann und wann äugt eines in Richtung der zwei Jeeps, die in gebührendem Abstand angehalten haben. Fotoapparate klicken, Handys werden in die Höhe gehalten und in einem der Autos steht der Zürcher Zoodirektor Alex Rübel und gibt einem Fernsehjournalisten ein Interview. Es ist Ende Januar, vom Coronavirus spricht noch niemand.

Rübel begleitet eine Gruppe von Schweizer Medienschaffenden auf eine Pressereise nach Kenia – in jenes Gebiet, das als Vorbild für die Lewa-Savanne im Zürcher Zoo diente, die am Samstag eröffnet wird. Die Lewa Wildlife Conservancy liegt im Zentrum des ostafrikanischen Landes, etwas nördlich des Mount Kenya, mit 5199 Metern über Meer der zweithöchste Berg Afrikas. Lewa ist ungefähr so gross wie der Kanton Zug und kein staatliches Schutzgebiet, sondern gehört einer Non-Profit-Organisation.

Seine Anfänge reichen zurück in die 1980er-Jahre. Damals stand das Überleben des Spitzmaulnashorns auf dem Spiel. Die Wilderei hatte dessen Bestand in Kenia innert zweier Jahrzehnte von rund 20’000 auf weniger als 300 reduziert. Um die letzten Tiere zu schützen, errichteten die damaligen Besitzer des Lewa-Gebiets, die Farmerfamilie Craig, ein etwa 20 Quadratkilometer grosses Gehege und fingen mit der Bewilligung der Regierung 13 Nashörner in ganz Kenia ein. Unterstützt wurde das Vorhaben von Anna Merz, einer Engländerin, die mit einem Schweizer verheiratet war.

«Das Gehege war aber zu klein», erinnert sich Gründer Ian Craig. «Die Nashörner stritten miteinander und sie vermehrten sich nicht.» Als die Grösse des Schutzgebiets verdoppelt wurde, lösten sich diese Probleme, dafür entstanden neue. Weil das Gebiet vor Wilderern bewacht wurde, siedelten sich rund um das Nashorn-Gehege immer mehr Elefanten an – und verwüsteten in den umliegenden Siedlungen Felder. «Also bauten wir einen weiteren Zaun um das gesamte Gebiet und hoben den inneren auf.»

Die Wildtiere kehren zurück
Mit dem Schutz kamen weitere Wildtiere und mit ihnen die Touristen. Heute gibt es in Lewa fünf Lodges, alle im Luxussegment. Gleichzeitig begann Lewa mit Zoos und Naturschutzorganisationen aus aller Welt zusammenzuarbeiten, etwa mit dem Zoo Zürich – über dessen ehemaligen Betriebsleiter Fritz Bucher, der Anna Merz und deren Ehemann kannte. «Irgendwann», sagt Craig, «merkten wir, dass wir eine andere Organisation brauchten.» So überschrieb seine Familie das Gebiet 1995 der neu gegründeten Lewa Wildlife Conservancy.

Heute gilt Lewa als Vorzeigeprojekt des modernen Naturschutzes: Die drei Löwenmännchen, die noch immer faul und gelassen im Gras liegen, teilen sich das Gebiet mit rund 50 Artgenossen. Die Zahl der Kaffernbüffel ist in den letzten Jahren um über 40 Prozent auf 1753 Tiere gestiegen, die der Impalas um 60 Prozent auf 1817 und jene der Beisa-Oryx um ein Viertel auf 227 Tiere. Der grösste Artenschutz-Erfolg ist jedoch die Entwicklung der Nashorn-Population: Heute leben in Lewa und im benachbarten Borana-Schutzgebiet über 100 Spitzmaulnashörner (und ungefähr gleich viele Breitmaulnashörner), mehr als ein Achtel des kenianischen Bestandes. So viele, dass einige in andere Gebiete umgesiedelt werden.

Der Schutz der grossen Wildtiere in Afrika ist allerdings noch immer eine Herausforderung – auch in Lewa. Im Dezember fielen zwei Nashörner Wilderern zum Opfer. Dass es die einzigen waren in den letzten sechs Jahren ist einzig den rigorosen Schutzmassnahmen zu verdanken: bis zu drei Meter hohen Zäunen und einer Antiwilderer-Einheit, die auf modernste Überwachungsgeräte, Bluthunde und einen mit Nachtfluggeräten ausgerüsteten Helikopter zurückgreifen kann.

Die Einheit rückt auch bei sonstigen Konflikten zwischen Mensch und Wildtieren aus. «Rund um unser Schutzgebiet leben viele Bauern», erklärt Mike Watson, der Geschäftsführer der Lewa Wildlife Conservancy. «Ein Bauer hat vielleicht zehn Kühe, sie sind seine ganze Ersparnis. Wenn ein Löwe oder ein Leopard sie reisst, ist das, wie wenn ein Dieb einem Europäer über Nacht das Sparkonto plündert.»

Menschen profitieren von Tieren
Für Watson ist es deshalb nicht nur wichtig, die Menschen möglichst gut vor Raubtierangriffen und herumtrampelnden Elefanten zu schützen, sondern die Bevölkerung ins Projekt einzubinden. «Wir müssen den Menschen zeigen, dass sie in Zukunft von den Wildtieren profitieren können», sagt er. Die Lodges, die Arbeitsplätze schaffen und Devisen ins Land bringen, sind dabei ein wichtiger Aspekt, aber nicht der einzige: Die Conservancy engagiert sich mit diversen Projekten zum Wohl der Bevölkerung.

Der Lohn für den Aufwand ist eine einmalige Landschaft mit einer enormen Dichte an Tieren, die die meisten Menschen in Europa einzig aus dem Zoo kennen. Giraffen, Impalas, Grey-Antilopen und Zebras sind so häufig, dass sie den Besuchern aus der Schweiz nach den ersten zwei, drei Safari-Fahrten kaum mehr einen Ausruf wert sind – nicht einmal die gefährdeten Grevyzebras, von denen Lewa mit ungefähr 2800 Tieren elf Prozent des globalen Bestandes beherbergt.

Eine Elefantenunterführung
Höhepunkte bleiben dagegen die Begegnungen mit Elefanten. In Herden von bis zu 20 Tieren sieht man sie gemächlich weidend durch die hügelige Landschaft ziehen. Der Umgang mit ihnen sei besonders anspruchsvoll, sagt Watson. Zum einen können Elefanten nicht nur Felder verwüsten, sondern auch ganze Akazienwälder zerstören, weswegen sogar innerhalb Lewas einige Gebiete eingezäunt sind. Zum anderen sind Elefanten Wandertiere. «Sie bewegen sich vom Mount Kenya durch Lewa bis in den Norden des Landes und wieder zurück», sagt Watson.

Deshalb arbeitet Lewa mit anderen Schutzgebieten zusammen. Am nördlichen Grenzzaun etwa gibt es einen Durchgang, bei dem die Elefanten über eine niedrige Mauer und kniehohe Pfosten ein- und ausgehen können. Nashörner hingegen schaffen es nicht, diese Hindernisse zu überwinden. Und im Süden wurde vor einigen Jahren mit Unterstützung des Zoos Zürich eine Elefantenunterführung unter einer Hauptstrasse errichtet. «Es dauerte nur ein paar Tage, bis die ersten Elefanten sie nutzten», erzählt Watson. Und nicht nur sie: Kameras haben inzwischen rund 80 Tierarten erfasst, welche die Unterführung nutzen. Natürlich auch der König der Savanne, wenn er sich nicht gerade faul im Gras räkelt.

Autor

Simon Koechlin

Simon Koechlin

Simon Koechlin ist Chefredaktor der «Tierwelt». Als Biologe freut er sich über jedes Tier, das er zu sehen bekommt – egal ob flauschig, flaumig oder schleimig. Um einen Schmetterling oder eine Schwebfliege zu fotografieren, rennt er auch mal in Schlarpen durch seinen Garten.

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