Selous darf nicht sterben!

Giraffe

Noch können sich Gabelracke (l.), Elefant (r.), Giraffe und Impalas im Wildreservat frei bewegen.

Winfried Schumacher

Selous-Reservat
Im Selous-Reservat, Unesco-Weltnaturerbe und einem der grössten Schutzgebiete Afrikas, wird ein gigantischer Staudamm gebaut. Der Protest von Umweltschützern blieb bislang fruchtlos.

Die Planierraupen sind schon da. Eine dichte Staubwolke wabert über das Selous-Wildreservat. Aus sicherer Entfernung sieht eine Giraffe zu, wie Bulldozer einen Erdhaufen nach dem anderen auftürmen, mitten im grössten Schutzgebiet Ostafrikas. Ein Staudamm soll nicht weit von hier bald schon über die Savanne ragen, zwanzig mal höher als ein ausgewachsener Giraffenbulle.

700 Meter breit soll die Staumauer werden, mit der Tansanias zunehmend autokratisch herrschender Präsident John Magufuli den Rufiji-Fluss, die Lebensader eines der grössten Schutzgebiete der Welt, zum Kraftwerk umfunktionieren will. Mit etwa 130 Metern Höhe wäre sie fast so hoch wie der Petersdom in Rom. Der Stiegler-Stausee soll mit etwa 1200 Quadratkilometern mehr als die doppelte Grösse des Bodensees umfassen. 2,6 Millionen Bäume sollen für den See Platz machen. Die ersten sind längst gefällt. Welche Auswirkungen der Bau auf das Ökosystem hat, aber auch auf Fischerei, Landwirtschaft und Tourismus, bleibt äus­serst fraglich.

Flusspferde, Reiher, Bienenfresser
Nur einige Kilometer von der neu ausgebauten Zufahrtsstrasse zur Stiegler-Schlucht stehen am Ufer des Rufiji zwei Mitarbeiter der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) und blicken auf das träge Wasser des mächtigen Stroms. Die 45-jährige Britin Kathryn Doody koordiniert im Selous die Schutzprojekte der Organisation. Ihr einheimischer Kollege, der 36-jährige Khalid Mwakoba, unterstützt als technischer Berater die Naturschützer. Flusspferde prusten Fontänen in die Abendluft. Über dem trüben Wasser ziehen immer wieder Schwärme von Kuhreihern vorbei. Scharlach- und Blauwangenspinte segeln durch die Dämmerung auf der Jagd nach Insekten. Die schillernde Farbenpracht dieser Bienenfresser aus funkelndem Bordeaux, Rubin- und Smaragdtönen wird bald erloschen sein.

«Sie nisten in Bruthöhlen an Steilufern entlang des Flusses», erklärt Mwakoba, «der Rufiji hat jede Menge davon. Wohl kaum irgendwo sonst findet man so viele Arten an Bienenfressern.» Die farbenprächtigen Spinte könnten nur eine von vielen Tierarten sein, denen der Dammbau eine wichtige Lebensgrundlage nimmt.

Die Naturschützer sprechen über die Probleme im Reservat. Über den Staudamm können sie sich jedoch nicht äussern. «Wer sich dem Projekt widersetzt, kommt ins Gefängnis», hatte der für Umweltthemen zuständige Minister Kangi Lugola im vergangenen Jahr im Parlament gefordert. Lange protestierten Umweltschützer gegen das Bauprojekt. Jetzt, nachdem die Regierung die Planierraupen geschickt hat, ist ihre Stimme verhallt. Haben Sie den Kampf aufgegeben?
 

Das Ökosystem verändert sich
Tansania braucht dringend Energie für seine enorm schnell wachsende Bevölkerung. Dezentralere Energiequellen wie Wind- und Sonnenkraft halten Experten jedoch nicht nur für nachhaltiger, sondern auch für kostengünstiger. Laut einem im Februar veröffentlichten Bericht von OECD Watch könnten sich die Kosten für das Staudammprojekt, das teuerste in der Geschichte des Landes, mit dem Magufuli einen Grossteil des Landes mit Strom versorgen will, mehr als verdoppeln. Die Regierung argumentiert, das Projekt betreffe nur einen winzigen Teil des Schutzgebiets und habe keinen bedeutenden Einfluss auf die Natur. Neben Umweltschutzorganisationen und Wissenschaftlern hält auch die Unesco diesen Standpunkt für nicht haltbar. 

«Der Damm könnte dramatische Folgen für das Ökosystem haben», sagt der Geschäftsführer der ZGF, Christof Schenck. «Ausgerechnet die Region am Oberlauf des Flusses, wo der Staudamm errichtet werden soll, gilt als besonders artenreich. Das Wasserkraftwerk würde das biologische System und die Physik des Flusses verändern, bis zu den Mangroven an der Mündung zum Indischen Ozean.» Die ZGF setzt sich seit über 50 Jahren für Tansanias Schutzgebiete ein und ist seit den 1980ern auch im Selous engagiert. «Man geht davon aus, dass über 10 000 Arbeiter im Schutzgebiet leben werden», sagt Schenck. «Die müssen mit Nahrung und Energie versorgt werden – Abfall und Wilderei könnten zum Problem werden.»

Das Selous-Wildreservat ist eines der ältesten und grössten Schutzgebiete Afrikas. Es ist grösser als die Schweiz. Wegen seiner aussergewöhnlichen Biodiversität und Bedeutung für zahlreiche bedrohte Arten wurde es schon 1982 von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. Mehr als 450 verschiedene Vögel und 50 Säugetiere haben Zoologen im Selous verzeichnet. Die grösste Population der seltenen Afrikanischen Wildhunde hat hier einen Rückzugsort gefunden. Noch immer gibt es grosse Herden an Büffeln, Elefanten und etliche Antilopenarten. 

Bis vor wenigen Jahren geriet das Wildreservat jedoch immer wieder wegen anhaltender Elfenbein-Wilderei in die Schlagzeilen. Etwa 90 Prozent der Bestände sollen laut WWF inzwischen Wilderern zum Opfer gefallen sein. Noch dramatischer steht es um die Nashörner. Heute weiss niemand, ob von den einst Hunderten Tieren auch nur ein einziges überlebt hat.

Wo sind die Nashörner?
«Die letzten Spuren stammen aus dem vergangenen Jahr», sagt Kathryn Doody. Zudem sorgten Pläne zur Förderung des Uran-Bergbaus für Proteste von Umweltschützern. Seit 2014 steht das Selous auf der Liste des gefährdeten Welterbes.

Immerhin scheint die Elefanten-Wilderei in den letzten beiden Jahren zunehmend unter Kontrolle. «In den letzten Monaten wurden kaum noch Kadaver gefunden», sagt Doody. Wegen der schieren Ausmasse und der Unzugänglichkeit des Reservats hat jedoch niemand verlässliche Zahlen. «Grosse unberührte Wildnisregionen werden weltweit immer weniger und damit wertvoller», sagt Doody, «wir müssen die Gebiete, in denen noch immer riesige Elefantenherden und Löwenrudel umherstreifen, dringend erhalten.» Wer aber protestiert gegen zerstörerische Bauprojekte, wenn nicht die Umweltschutz-Organisationen vor Ort? «Wir sind keine Aktivisten», sagt Doody, «unsere Arbeit für den Naturschutz muss weitergehen.»

Kritik aus dem In- und Ausland scheint Magufuli systematisch zu ignorieren. Bereits als Arbeitsminister versuchte er 2010 eine Strasse durch die Serengeti gegen den Protest von Umweltschützern durchzusetzen. Das Projekt scheiterte nur am vehementen Widerstand westlicher Geberländer, von deren Entwicklungsgeldern Tansania abhängt.

Im Selous fehlt nun für die Naturschützer die Zeit. Gerade hat Tansania eine erste Rate von 310 Millionen Dollar an zwei ägyptische Baufirmen überwiesen. Magufuli wird sich seinen Traum vom Megastaudamm erfüllen. Den Preis dafür zahlen andere.

Dieser Artikel erschien erstmals 2019 in der «Tierwelt».

Kommentare (0)