Trittsichere Österreicherin

Tauernscheckenziegen

Kein Berg ist zu steil, kein Stein zu gross, als dass die Tauernscheckenziegen sie nicht meistern könnten.

Adrian Baer

Tauernschecken sind robust, wetterfest und farbenfroh gemustert. Die Ziegenrasse stammt aus dem österreichischen Hochgebirge und passt perfekt auf die steilen Alpen der Familie Schirmer im Kanton Schwyz.

Reichenburg im Kanton Schwyz. Steil geht es auf der schmalen Ussbergstras­se hinauf. Dem entgegenkommenden Traktor mit Anhänger kann man nur ausweichen, weil zum Glück gerade ein Naturweg abzweigt. Nach einigen engen Kurven erreicht man «s’Schirmers» auf ihrer Laubegg. Der wütend bellende Hund kündigt die
Ankunft von Gästen an – und ruft den eigentlichen Grund für den Besuch auf den Plan: Aufgeregtes Gemecker von Tauernscheckenziegen ertönt hinter dem Haus, neugierig recken die Gitzi ihre Köpfchen den unbekannten Menschen entgegen.

«Tauernschecken sind lebhafte Geissen mit viel Ausstrahlung», sagt Vreni Schirmer. Ein Blick auf die jungen Ziegen genügt, um ihr zuzustimmen. Hörner und ein kurzes Fell haben sie alle. Aber sonst sieht keine aus wie eine andere. Tauernschecken sind dreifarbig braun-schwarz mit weissen Flecken, manchmal zweifarbig schwarz-weiss, manchmal dominiert das Weisse. «Wichtig sind die durchgehende helle Blässe und die dunkel eingerahmten Augen sowie gescheckte Beine», erklärt Vreni Schirmer.

Aber aufgrund der Eltern ist nicht vorauszusagen, wie der Nachwuchs aussieht. «Aus schön gefärbten Eltern gibt es nicht unbedingt schönen Nachwuchs», umreisst Röbi Schirmer seine Zuchterfahrung. Davon haben die Schirmers bereits ziemlich viel gesammelt, waren sie doch die Ersten, die diese seltene, hochgefährdete österreichische Ziegenrasse 2006 in die Schweiz importierten. Sie habe in einem Fachmagazin ein Foto der Tauernschecken gesehen und gedacht, «jesses, sind die schön», erinnert sich Vreni Schirmer. Ein guter Bekannter habe ihnen die Adresse eines Vorarlberger Züchters besorgt. «Zu Vrenis Geburtstag sind wir dorthin
gefahren», sagt ihr Mann. Sie machten gleich Nägel mit Köpfen, kauften vier Muttertiere mit ihren Gitzi, darunter zwei Böcke.

Keine Probleme ob kalt oder warm
Die Quarantäne in Österreich und in der Schweiz, der Import und die Zollgebühren habe sie zu ziemlich teuren Ziegen gemacht. «Aber wir haben es nicht bereut», betont Röbi Schirmer, «denn wir haben die Nachzucht gut verkaufen können.» Derzeit besteht ihre Herde aus zwei Zuchtböcken sowie 19 Muttertieren und ihrem Nachwuchs. Vreni Schirmer melkt ihre Tauernschecken, die für schöne und straffe Euter bekannt sind, immer noch von Hand. Eine Dreiviertelstunde brauche sie für die 19 Ziegen. Dies bei einer ansehnlichen Milchleistung von durchschnittlich zwei Liter Milch pro Tag. «Wir trinken die Milch und manchmal käse ich.» Doch die meiste Milch sei für die 14 Gitzi, die für die Zucht verwendet werden, erklärt Vreni Schirmer während des Spaziergangs zu den Muttertieren.

Kaum hören diese ihre Stimme, hüpfen sie den Hang herab. «Ja, Vreni ist die Chefin der Geissen», sagt ihr Mann lachend. Sofort folgen die Tiere ihren Lockrufen zum Fototermin. Einzig die beiden ältesten Damen mögen nicht zurück ins Steile und bleiben so lange meckernd hinter dem Besuch stehen, bis die jüngeren Tiere sich umdrehen. Gemeinsam rast der Trupp mit laut bimmelnden Glocken um den Hals auf eine flachere Weide und zeigt dabei, was Tauernschecken dank ihrer harten Klauen auszeichnet: Geländegängigkeit und Trittsicherheit über Stock und Stein.

Dies wundert nicht. Die Rasse stammt von dort, wo Österreich am höchsten ist, aus den Hohen Tauern rund um den Grossglockner. Ihre ursprüngliche Heimat in den Tauern und ihre gescheckte Färbung haben den Ziegen den Namen gegeben. Die Vielfarbigkeit sei ideal, wissen Schirmers: Man sehe sie sowohl im Schnee als auch in der sattgrünen Wiese. Sie sind robuste und wetterfeste Tiere, die zwar wie Geissen generell Feuchtigkeit nicht mögen, sich aber Kälte und Wärme gleichermassen anpassen können.

Arbeit, Hobby und Freizeit
All dies macht die genügsamen Tauernscheckenziegen zu idealen Landschaftspflegerinnen in unwegsamen Gebieten. «Sie sind perfekt für die Alp-Säuberung», sagt Röbi Schirmer, der den Laubegg-Hof mit seinem Sohn in dritter und vierter Generation betreibt. Mit den Enkeln steht die fünfte Generation bereits in den Startlöchern. Gemeinsam halten sie eine bunt gemischte Schar an Tieren: Hühner, Gänse, Tauben, Kaninchen, Ponys, Schweine, Mutterschafe mit Lämmern sowie Milchkühe, Rinder und Aufzuchtkälber. «Nur eine Tiersorte zu haben, ist langweilig», findet Ziegen-Chefin Vreni Schirmer. Jedes Familienmitglied habe seine eigenen Zuständigkeiten. «Der Betrieb ist für uns Arbeit, Hobby und Freizeit zugleich.»

Im Winter sind die Betonbrunnen, die  Sohn Ueli herstellt, ein wichtiger Nebenerwerb des Mehrgenerationenunternehmens Schirmer. Die Sommer dagegen verbringe die Familie gemeinsam mit dem Braunvieh, den Schweinen und den Ziegen auf dem Berg. Zuerst auf den unteren Alpen «Au» und «Stofel», und wenn alles weggefuttert ist, geht es weiter hinauf zu den Alpen «Schwanten» und «Laui». Mitte September verlassen die Tiere den Berg wieder. Seit fast 40 Jahren organisieren Schirmers eine spezielle Alpabfahrt. Dann werden die Tiere mit selber hergestellten Naturblumen geschmückt und marschieren mit der Familie Schirmer und ihren Helfern über schmale Strassen bis ins Tal hinunter.

 

Dieser Artikel erschien erstmals 2019 in der «Tierwelt».

Jüngste Herdebuchrasse

Sechs Jahre, nachdem die ersten Tauernschecken in die Schweiz kamen, gründeten 2012 zehn Züchter aus den Kantonen Schwyz, St. Gallen, Zürich und Bern den Tauernscheckenziegen-Verein Schweiz. Seit 2017 ist die Rasse – als jüngste – dem Herdebuch des Schweizerischen Ziegenzuchtverbandes angeschlossen. Stichtag für die offizielle Erhebung ist jeweils im Juni. Vor einem Jahr waren 106 weibliche und 11 männliche Tiere von 22 Eigentümern im Herdebuch registriert.

Autor

Petra Stöhr

Petra Stöhr

Petra Stöhr ist «Tierwelt»-Redaktorin und geht als Historikerin gerne der Geschichte der Schweizer Nutztiere auf den Grund. Noch lieber geht sie für Geschichten ins Feld und macht sich für ihre Begegnungen mit den medidativen Kühen, den gmögigen Schafen und den quirligen Geissen auch die Gummistiefel dreckig oder lässt es über sich ergehen, dass sich Schweine überaus gerne an ihren Beinen reiben.

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