Wiedergeborene Wildnis

Ruanda
Ruandas einst von Wilderern ausgeplünderter Akagera-Nationalpark beeindruckt heute mit einer enormen Wildtierdichte und zieht auch in Pandemiezeiten Touristen an. Und mittendrin: Nashorn Olmoti, geboren im Zoo Zürich.

Olmoti bleibt gelassen. Gerade hat die Nashorndame eine Narkose hinter sich und einen neuen Sender erhalten, doch sie scheint wieder selbstsicher auf den Beinen. Drew Bantlin lächelt zufrieden. Der amerikanische Zoologe und seine ruandischen Mitarbeiter betrachten den Dickhäuter aus der Ferne. Olmoti schenkt den Menschen kaum Beachtung und ist auch nicht für Fotos zu haben, sondern verzieht sich gleich wieder ins Unterholz, nachdem sie den Pfad der Männer gekreuzt hat. «Sie geht uns aus dem Weg», sagt Bantlin, den die Tiere sehr gut kennen. «Das ist auch gut so!»

Olmoti ist gebürtige Schweizerin. Sie kam im Zoo Zürich zur Welt und lebt erst seit Juni 2019 in der afrikanischen Wildnis. Zuvor traf sie mit vier Nashörnern in einem tschechischen Safaripark zusammen. Von dort kam die Gruppe zur Wiederansiedlung in den Akagera-Nationalpark nach Ruanda («Tierwelt online» berichtete). «Es war die grösste Aktion dieser Art überhaupt», sagt Bantlin. Nach der Eingewöhnungsphase in einem Gatter leben die Spitzmaulnashörner nun in freier Wildbahn, wenn auch ständig begleitet von Bantlin und seinem Team.

Wiederansiedlungen von Zootieren sind immer mit einem besonderen Risiko verbunden. Nicht alle Tiere sind in der Lage, sich an das Leben in der Wildnis anzupassen. Manny, eines der in Tschechien geborenen Nashörner, starb vermutlich an einer Verdauungsstörung. Die anderen Tiere scheinen sich aber bestens in ihrer neuen Heimat eingelebt zu haben. «In Akagera wurde das letzte Nashorn 2007 gewildert», erzählt Bantlin.

Das Zürcher Nashorn Olmoti im Flamingo Land in England, in dem sie lebte, bevor sie nach Tschechien kam

Wieder Big-Five-Reservat
Infolge des Völkermords von 1994 mit geschätzt über 800'000 Toten verwandelten unter anderem rückkehrende Flüchtlinge das Gebiet in eine Viehweide. Wilderer dezimierten Elefanten, Büffel und Antilopen. Ruandas letztes Savannen-Ökosystem drohte für immer zu verschwinden. 2010 übernahmen die Nichtregierungsorganisation African Parks und das Rwanda Development Board das Parkmanagement. Viehhirten erhielten den grössten Teil des einst 2500 Quadratkilometer grossen, 1934 unter belgischer Mandatsverwaltung eingerichteten Schutzgebiets.

Im Osten grenzt ein 120 Kilometer langer Elektrozaun die Weidegründe vom nun noch rund 1100 Quadratkilometer grossen Nationalpark ab. Ranger patrouillieren ununterbrochen – und die Wilderei wurde bis auf wenige Ausnahmen ausgemerzt. Anders als in anderen Schutzgebieten kam es auch während des Lockdown nur vereinzelt zu Verstössen im Park; meist griffen die Ranger Fischer auf.

Akagera gilt heute unter Afrikas Naturschützern als Erfolgsgeschichte. Die Zahl der Wildtiere wuchs in den vergangenen zehn Jahren beständig. 2015 wurde Löwen aus Südafrika angesiedelt. «Sie haben sich bestens eingelebt und hatten mehrfach Nachwuchs», sagt Bantlin, der ihre Rückkehr begleitet und erforscht. Auch die Populationen der Elefanten, Büffel und Leoparden stiegen – und sind auf Safaris regelmässig zu sehen. 

Als wiedergeborenes Big-Five-Reservat zog der Nationalpark immer mehr Touristen an. 60'000 Besucher waren es 2019, auch angelockt vom neu eröffneten «Magashi-Camp» von Wilderness Safaris. Mit seinen sechs üppig ausgestatteten Safari-Zelten entlang der atemberaubenden Kulisse des riesigen Rwanyakizinga-Sees ist das Luxus-Camp in eine einzigartige Sumpf- und Savannenlandschaft eingebettet. «Wir hatten eine sehr gute Buchungslage, bis wir im März schliessen mussten», sagt Managerin Anita Umutoni.

Damals verhängte Ruanda, mit 12 Millionen Einwohnern das am dichtesten besiedelte Land des Kontintens, früher als die meisten afrikanischen Länder einen rigorosen nationalen Lockdown. Und blieb konsequent: Strikte Hygienevorschriften wie die allgemeine Maskenpflicht sind bis heute in Kraft und werden weitgehend mit beachtlicher Selbstverständlichkeit eingehalten. Bis im Dezember verzeichnet Ruanda nach offiziellen Angaben knapp 6200 Corona-Fälle und 51 Menschen, die am Virus starben.

Auch in Magashi ist seit der Wiedereröffnung Ende September ein strenges Hygieneprotokoll selbstverständlich. Abstandhalten, Fiebermessen, Maskenpflicht, Hände­desinfektion: Was inmitten der Wildnis bisweilen merkwürdig wirken mag, wird in der Lodge sehr ernst genommen.

Modell für Afrika
In Afrika wird Ruanda vielerorts für seinen Umgang mit der Pandemie bewundert und gilt als Vorbild, wie es nach dem Völkermord zu einem beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung geschafft hat. Staatspräsident Paul Kagame ist zwar berüchtigt für die harte Unterdrückung der Opposition. Seine Verdienste um die Wirtschaft und eine progressive Umweltpolitik brachten ihm aber auch international Anerkennung ein. Mit der wachsenden Population an Berggorillas im Vulkan-Nationalpark, dem Erhalt des artenreichen Nyungwe-Waldes im Südwesten und der Wiederbelebung Akageras hat Ruanda zuletzt bewiesen, dass Naturschutz sich lohnt. 

Reisetipps

Anreise: Flug nach Kigali via Amsterdam oder Brüssel. Einreisebestimmungen: Touristen müssen vor ihrem Abflug ein Online-Formular mit persönlichen Gesundheits- und Aufenthaltsdaten ausfüllen und einen negativen PCR-Covid-19-Test vorweisen. Bei Ankunft wird in ausgewählten Hotels erneut getestet. Meist liegt das Ergebnis innert 24 Stunden vor. Nach einem negativen Testergebnis dürfen Touristen ihre Reise fortsetzen.

Unterkünfte und weitere Infos auf: www.africanparks.org und www.wilderness-safaris.com.

Auch aus anderen Gründen hat Akagera Potenzial, ein Modell in Afrika zu werden. Schon vor der Pandemie waren über die Hälfte der Besucher Einheimische und in Ruanda wohnhafte Ausländer. Wildhüter und Ranger behielten ihre Jobs und bekommen ihre Gehälter weiter. Müssen Schutzgebiete andernorts immer noch ohne touristische Einnahmen überleben und kämpfen gleichzeitig immer mehr mit Wilderei, kamen viele Ruander bereits ab Juni wieder nach Akagera. African Parks unterstützt in umliegenden Dörfern Projekte, die unabhängig vom Safari-Tourismus weiterlaufen: Kleine Kooperativen produzieren Honig, nachhaltig angebautes Gemüse und Eier aus Freilandhaltung. Fischer betreiben Fischteiche, Baumschulen ziehen Obstbäume und verteilen einheimische Setzlinge zur Wiederaufforstung. Die Nationalparkverwaltung fördert auch die Umwelterziehung an Bildungseinrichtungen, in Naturclubs und Dorfschulen.

«Ruanda zeigt, dass Erfolg im Naturschutz auch in schwierigen Zeiten möglich ist, wenn ein politischer Wille da ist», sagt Sue Snyman von der School of Wildlife Conservation an der African Leadership University. «Durch die Pandemie wird deutlich, dass wir beim Unterhalt von Schutzgebieten nie alle Eier in einem Korb haben sollten.» Für Länder, die früher allein auf ausländische Gäste setzten, seien die Herausforderungen nun besonders gross. «Ich hoffe, wir haben unsere Lektion gelernt», sagt Snyman. «Wir müssen überall in Afrika die Einnahmemöglichkeiten von Schutzgebieten diversifizieren.»

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