Ameisen im Teufelskreis

Treiberameisen
Treiberameisen können ganze Gebiete leerfressen. Sie können sich aber auch selbst überlisten – und so lange im Kreis laufen, bis sie vor Erschöpfung sterben.

Treiberameisen gehören zu den gefürchtetsten Insekten überhaupt: Es handelt sich um eine tropische Ameisenfamilie, die etwa 200 Arten umfasst. Arten, die aus riesigen, wandernden Heeren bestehen. Gemeinsam und regelrecht militärisch strukturiert, gehen sie äusserst effizient auf Beutefang. Daher rührt auch der englische Name der Tiere: Army ants.

Treiberameisen können innerhalb kürzester Zeit, mithilfe ihrer grossen und scharfen Mundwerkzeuge, ein Gebiet von Beutetieren leerfressen. Und da die kleinen Insekten oft in Heeren von Millionenstärke auftreten, handelt es sich bei ihren Opfern nicht nur um andere Insekten oder kleine Wirbeltiere, sondern durchaus auch um Tiere von beachtlicher Grösse. So wurde zum Beispiel vor einigen Jahren ein angebundener Leopard von Treiberameisen innerhalb weniger Stunden bis auf die Knochen abgenagt. Der amerikanische «Ameisenpapst» Edward Wilson hat die kleinen räuberischen Insekten einst eindrücklich charakterisiert: «Treiberameisen sind wie ein einziges Tier mit Millionen von Mäulern und Stacheln – die fürchterlichste Erscheinung in der Welt der Insekten.»

Auch der Transport der Beutetiere in das Nest erfolgt nach militärischen Gesichtspunkten. Die Transporte werden beispielsweise immer von Wachposten gesichert. Das Nest der Treiberameisen ist übrigens mobil. Ist in einem Gebiet keine Beute mehr vorhanden, zieht die Ameisenarmee weiter.

BBC-Doku über Treiberameisen

Ein Heer, das Häuser säubert
Ab und an dringen Wanderameisen auf ihren gefürchteten Raubzügen auch in Häuser ein. Das klingt zunächst einmal schlimmer, als es tatsächlich ist. Den Bewohnern bleibt nämlich durch den langsamen Vormarsch des Ameisenheeres genügend Zeit, sich und ihre Haustiere in Sicherheit zu bringen. Und aus­serdem bringt die Invasion der gefrässigen Krabbeltiere noch einen nicht zu verachtenden Vorteil mit sich: Wenn die Ameisen nach wenigen Stunden das Haus wieder verlassen haben, gibt es dort keinen einzigen Schädling mehr. Die sind nämlich alle im Magen der Wanderameisen gelandet.

Viele Treiberameisenarten sind im Gegensatz zu anderen Ameisenarten blind und kommunizieren deshalb mit Duftstoffen, sogenannten Pheromonen, miteinander. Um etwa Artgenossen zu einer Beute zu führen, markieren vorausmarschierende Ameisen den Weg mit Duftrichtungshinweisen, denen die nachfolgenden Tiere dann nur noch folgen müssen. So folgt eine Ameise sozusagen blind der vor ihr marschierenden. Die Nachfolger wiederum verstärken diese Duftmarken, sodass allmählich aus einem Duftsträsschen eine Duftautobahn wird.

Allerdings kann diese Art der Orientierung zur tödlichen Falle werden. Probleme tauchen auf, wenn eine Ameise bei ihrem Marsch auf eine ältere Spur trifft, die zu einem zurückliegenden Punkt führt. Die erste Ameise entscheidet sich dadurch für einen falschen Weg und beginnt im Kreis zu gehen – die anderen folgen ihr getreulich. Die kleinen Tiere geraten in einen Teufelskreis – oder wie es die Wissenschaft nennt: eine Ameisentodesspirale oder eine Ameisenmühle. Die im Kreis laufenden Ameisen sind nämlich nicht in der Lage, den Kreis zu verlassen und laufen alle solange, bis sie an Erschöpfung sterben.

«National Geographic»-Film über die Angriffe der Treiberameisen

Eine Todesspirale kann gewaltige Dimensionen erreichen. Die wohl bisher grösste war auch zugleich die erste, die man im Jahr 1921 entdeckte. Diese Todesspirale hatte, nach ihrem Entdecker dem amerikanischen Biologen William Beebe, einen Umfang von unglaublichen 365 Metern. Das bedeutet, eine Ameise brauchte rund zweieinhalb Stunden für eine einzige Umrundung.

Prozession bis zur Erschöpfung
Offensichtlich ist es ihre Schwarm­intelligenz und ihre Disziplin, die den Ameisen zum Verhängnis wird. Sie folgen im wahrsten Sinne des Wortes blind dem Verhalten ihres unmittelbaren Vorgängers. Deshalb werden Ameisenmühlen oft als Beispiel herangezogen, wenn es darum geht, die Schwachstellen einer Gemeinschaft deutlich zu machen. Und zwar eines Kollektivs, in dem alle einem Anführer blindlings vertrauen und die Auswirkungen seines Handelns nicht prüfen wollen.

Todesspiralen wurde übrigens nicht nur bei Treiberameisen, sondern auch bei anderen Tieren beobachtet: Bei den Larven von Prozessionsspinnern. Prozessionsspinner sind eine Schmetterlingsfamilie, deren Raupen sich im Gänsemarsch hintereinander, wie bei einer Prozession, von ihren Nestern aus auf Nahrungssuche begeben. Dabei können bis zu 30 Raupen nebeneinander herwandern und Bänder von mehr als zehn Metern Länge bilden. Das sieht dann ein bisschen wie eine dicht befahrene Autobahn aus.

Vor mehr als 100 Jahren manipulierte der Insektenforscher Jean-Henri Fabre Prozessionsspinner, sodass sie im Kreis um eine Futterquelle liefen. Damit wollte der Wissenschaftler testen, wie lange es dauert, bis die «Führungsraupe» ihr Fehlverhalten bemerken und die Richtung ändern würde. Das geschah jedoch nie. Die Larven liefen unermüdlich im Kreis. Nicht ein Tier brach aus der Todesspirale aus. Über eine Woche lang dauerte das Drama, bis letztlich alle Larven an Erschöpfung, Hunger und Durst gestorben waren.

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