Bei der Kollision mit einem Schiff verliert der Wal

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Wale, die mit Schiffen zusammenstossen, sterben oft erst später an ihren Verletzungen.
Symbolbild: Steve Spezz/Flickr/CC-BY
Tierwelt 25/2013
Wo sich Wale und Schiffe im Meer den Platz teilen müssen, kommt es zu Zusammenstössen. Diese haben für die Säuger fatale Folgen. Fachleute fordern nun Geschwindigkeitsbegrenzungen. 

Der moderne Verkehr ist für Wildtiere eine ständige Bedrohung. In der Schweiz wurden im Jahr 2011 knapp 15 000 Tiere von Autos und 1000 von Zügen getötet. Auf den Strassen starben 8000 Rehe und fast 6000 Füchse. Autos und Eisenbahnzüge sind einfach zu schnell für die Natur. Genau das Gleiche gilt auf dem Meer. Die grossen Wale werden von schnellen Schiffen über den Haufen gefahren, denn sie sind zu langsam, um auszuweichen. 

Solche Zusammenstösse sind zwar seltener als Wildunfälle an Land, aber im Gegensatz zu Rehen und Füchsen sind viele Walarten in ihrem Bestand ernsthaft gefährdet. Da sich die Meeressäugetiere nur langsam fortpflanzen, fällt jeder Verlust für eine Herde schwer ins Gewicht. «Schiffskollisionen sind zunehmend ein Problem», sagt Bruno Mainini. Der Zoologe ist beim Bundesamt für Veterinärwesen (BVET) der Kontaktmann zu den Artenschutzorganisationen und hat 2012 die Jahreskonferenz der Internationalen Walfangkommission (IWC) präsidiert. Auch wenn die Schweiz kein Küstenstaat ist, redet das Bundesamt für Veterinärwesen beim Tierschutz im Meer mit. 

Besonders im Mittelmeer besteht ein grosses Risiko von solchen Kollisionen
Die Wanderrouten der Wale und die Zonen mit reichlicher Nahrung decken sich an manchen Stellen auf dem nur scheinbar grenzenlosen Meer genau mit den Routen der Frachter und Fähren. Diese Schiffe sind schnell, sie wollen ihren Fahrplan einhalten. Für Mainini ist klar: «Selbst schnelle Schwimmer unter den Walen, wie etwa die Pottwale, können nicht mehr immer rechtzeitig ausweichen. Das gilt noch viel mehr für langsame Schwimmer wie etwa die Glattwale.»

30 Prozent des weltweiten Schiffsverkehrs spielen sich in einem Gewässer ab, das nicht einmal ein Prozent der Meere umfasst: im Mittelmeer. Dort sind laut einem Expertenbericht der EU-Kommission zu jeder Zeit etwa 2000 Handelsschiffe und 3000 Finnwale unterwegs. Finnwale sind nach den Blauwalen die zweitgrössten Tiere überhaupt, ausgewachsen sind sie mehr als 20 Meter lang. Die grosse Körperlänge erhöht die Gefahr, von einem Schiffsbug erfasst zu werden. Grosse Schiffe sind doppelt so breit wie ein Finnwal lang ist. Zwar fahren Tanker und Containerschiffe heute nicht mehr mit vollem Tempo – die Reedereien müssen beim teuren Treibstoff sparen – doch sind sie immer noch fast so schnell wie die Finnwale. Und die Schnellfähren, welche die Inseln im westlichen Mittelmeer mit dem Festland verbinden, sind nicht nur schnell, sondern auch zahlreich. Die EU-Fachleute haben herausgefunden, dass sich in einer bestimmten Region die Wale und die Schiffe besonders in die Quere kommen: nämlich dort, wo die Wale ihre Hauptnahrungsquelle finden. 

Jeder vierte gestrandete Finnwal ist das Opfer eines Zusammenstosses
Die Forscher haben auch festgestellt, auf welchen Routen die Schiffe bevorzugt verkehren und wie schnell sie fahren. Im Sommer, wenn die Wale im ligurisch-provenzalischen Becken des Mittelmeers westlich von Korsika und Sardinien ihre Beute finden, ist der Fährverkehr für die Feriengäste besonders intensiv. Das Risiko für Zusammenstösse steigt vor allem bei einem Schiffstempo von mehr als etwa 15 Knoten (28 km/h), Schnellfähren bringen es auf mehr als 30 Knoten (fast 60 km/h). Sicher für die Wale wäre eine Geschwindigkeit von 10 Knoten (19 km/h).

Tempobeschränkungen für Schiffe gebe es bereits an einigen wenigen Orten, sagt Bruno Mainini. Etwa an der Ostküste der USA. Die Massnahme gelte dort jeweils in den Zeiten, in denen die Tiere auf ihrer Frühjahrs- oder Herbstwanderung die Schifffahrtswege kreuzen. Für Wale und Schiffe wäre es das Beste, wenn die Schiffsbesatzungen jeweils genau wüssten, wo die Tiere sich aufhalten: Denn dann könnten die Schiffe ausweichen.

Es gibt bereits ein System, mit dem sich die Seeleute über Funk Meldungen von Walsichtungen schicken können. Das Meldesystem ist aber nicht obligatorisch und garantiert keine Informationen über den Standort von Walen. Auf jedem Schiff muss deshalb die Besatzung Ausschau halten. Ausweichen ist jedoch oft schwierig bis unmöglich, denn ein grosses Schiff ändert seine Fahrtrichtung nur sehr langsam. Auch ein Bremsmanöver kommt zu spät: Ein Containerschiff, das mit 18 Knoten unterwegs ist, braucht 10 Kilometer, bis es die Geschwindigkeit auf 15 Knoten senkt. 

Geprüft wird nun die Idee, grosse Schiffe mit einer Art Unterwasserhupe auszustatten, die ein Geräusch erzeugt, das Wale auf sichere Distanz hält. Die Internationale Walfangkommission, in der Bruno Mainini die Schweiz vertritt, kann keine Vorschriften oder Verbote erlassen oder technische Systeme einführen, mit denen Kollisionen zwischen Walen und Schiffen zu vermeiden wären. Die Kommission fördert aber die Forschung auf diesem Gebiet, denn es ist den Fachleuten bewusst, dass hier ein zunehmendes Problem besteht. Bei Zusammenstössen werden die Tiere nicht immer getötet. Oft sterben sie erst später an ihren Verletzungen. Laut einem Bericht von Tom Vaes und Jean-Noël Druon vom EU-Wissenschaftszentrum ist schätzungsweise jeder vierte gestrandete Finnwal Opfer eines Zusammenstosses mit einem Schiff. Sogar an den Gerippen von Walen in den Museen liessen sich Spuren von Verletzungen nachweisen, die von Schiffen stammen müssen.

Fachleute müssen diskutieren, wie man Sterbehilfe für Wale umsetzen kann
Zu den Walstrandungen gebe es noch sehr viele offene Fragen, sagt Bruno Mainini. Nicht immer sei den Verletzungen anzusehen, ob sie von einem Schiff verursacht worden seien. Das Thema der gestrandeten Wale, das jeweils viele Emotionen auslöst, wird diesen Herbst eine Expertenrunde der Walfangkommission beschäftigen. Unter dem Titel «Sterbehilfe für Wale» werden die Fachleute diskutieren, wie man den grossen Meeressäugern, wenn ihnen nicht mehr zu helfen ist, wenigstens ein qualvolles Verenden ersparen könnte. Dass über dieses heikle Thema gesprochen wird, ist unter anderem der Schweizer Delegation in der Kommission zu verdanken.

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