Bürokratie um Blätterhaufen

Igel im Laub

Igel mögen es schön warm. Blätterhaufen sind für sie ein idealer Unterschlupf.

Miroslav Hlavko / shutterstock.com

Laub
Blätterhaufen für Igel, möglichst wenig Laubbläser-Lärm: Die Stadt Winterthur setzt sich selber neue Regeln im Umgang mit fallenden Blättern. Ein Blick darauf, wie andere Städte den Herbst handhaben.

Es ist wieder so weit: Die Bäume tragen kaum noch Blätter, dafür liegt am Boden allenthalben Laub. Für die einen ist das Blättermeer ein farbenfroher Herbstsegen, die anderen ärgern sich über verwehtes vom Nachbarn und haben Angst um den wertvollen Rasen. 

Der Herbst ist auch die Zeit des umstrittenen Laubbläsers. Er macht Lärm, aber erleichtert vielerorts die Gartenarbeit ungemein. Gerade für Gemeinden und Stadtbehörden, die Unmengen von Laub zu bewältigen haben, ist er oft unersetzlich. Trotzdem setzen einige Schweizer Städte immer mehr auf Handarbeit. 

Die Stadt Winterthur hat vor Kurzem ein Konzeptpapier mit dem schönen Titel «Laubmanagement» veröffentlicht. Darin verspricht die Stadt: «Wir arbeiten, wenn immer möglich, von Hand mit Laubrechen.» Laubbläser sollen nur noch verwendet werden, wenn die Effizienz es erfordert. Und dann, «wenn immer möglich, Elektrobläser».

Das zweite Ziel hinter dem Konzept, neben der Reduktion von Lärm und CO2-Emissionen: Der Erhalt der Biodiversität in der Stadt. Laubhaufen sind das Zauberwort. Das Laubmanagement schreibt vor: «Wir lassen das Laub, wo immer möglich, liegen oder deponieren es an Stellen, wo es Tieren und Pflanzen nützt.» Und die Stadt ruft ihre Bevölkerung auf, dasselbe zu tun («Tierwelt online» berichtete).

Martina Bosshard, Kommunikationsbeauftragte Grün Stadt Zürich

«Laubhaufen in städtischen Parkanlagen und Friedhöfen werden wo möglich zu ausgewählten Hecken gerecht und liegengelassen, damit das Laub als Winterquartier für Igel und andere Kleintiere dienen kann. Oder das Laub wird kompostiert, um natürliche Kreisläufe zu schliessen und in der Biogasanlage zu Biogas verarbeitet. Bei diesen Vegetationselementen ist der Einsatz von Laubgebläsen bei Grün Stadt Zürich aus ökologischen Gründen nicht erlaubt: Wildhecken, Ruderalflächen, Strauchbeständen, Bächen und Bachböschungen. Im Strassenraum wird das Laub zusammengekehrt, um die Sicherheit im Verkehr und für die Fussgängerinnen und Fussgänger zu gewährleisten. Dieses Laub wird im Kehrichtheizkraftwerk in Fernwärme umgewandelt.

ERZ Entsorgung + Recycling Zürich verwendet Laubgebläse bei grossem Laubanfall von Mitte September bis Mitte Dezember, Grün Stadt Zürich vor allem in den Monaten Oktober und November. Laubgebläse kommen insbesondere unter Sitzbänken, an Engstellen oder auf grossen Rasenflächen zum Einsatz. Also dort, wo das Zusammennehmen des Laubs weder manuell noch mit anderen Geräten innert nützlicher Frist bewerkstelligt werden kann. Die Verwaltungsverordnung des Stadtrats der Stadt Zürich über die naturnahe Pflege und Bewirtschaftung städtischer Grün- und Freiflächen vom 3. Mai 2017 hält zum umweltschonenden Maschinen- und Fahrzeugeinsatz (Art. 20) fest: «Maschinen und Fahrzeuge werden effizient und tierschonend eingesetzt, weshalb der Gebrauch von Fadenmähern und Laubbläsern auf ein Minimum zu beschränken und auf die Verwendung von Mulchgeräten gänzlich zu verzichten ist.» 

Hohlräume für Igel wichtig
Tatsächlich sind Laubhaufen insbesondere für Igel ein überlebenswichtiger Unterschlupf. Aber auch andere Kleinsäuger, Insekten, Würmer, Frösche oder Reptilien verstecken sich gerne unter Blättern. Wichtig dabei, schreibt etwa das Igelzentrum Zürich, sei aber, den Haufen mit Ästen zu kombinieren: «Ein Laubhaufen ohne Hohlraum sackt mit der Zeit zusammen und wird fast undurchdringbar. Igel benötigen aber Hohlräume als Schlafplätze.» (Eine Anleitung gibt es hier.)

Dass sich die Stadt Winterthur eigens ein Laubkonzept auferlegt hat, heisst übrigens nicht, dass die anderen Schweizer Städte nichts für die herbstliche Artenvielfalt in Blätterhaufen tun. Luzern beispielsweise hat im vergangenen Jahr ebenfalls ein eigenes, ähnliches Laubkonzept erstellt. Eine Umfrage bei einigen anderen Schweizer Städten zeigt vielerorts ein ähnliches Bild.

Adrian Stolz, Leiter Stadtgrün Stadt St. Gallen

«Die Stadt St.Gallen hat kein spezifisches, festgeschriebenes Laubkonzept. Unsere Mitarbeitenden halten sich an folgende Punkte:

Grundsätzliches:

  • Wo möglich wird das Laub liegen gelassen (Randbereiche/Hecken/Gehölzrabatten)
  • Bei Wildhecken womöglich Laubhaufen machen
  • Ein Teil der abgeführten Laubmenge wird auf dem Friedhof Ost kompostiert

Maschineneinsatz:

  • Sinnvoller Einsatz von Maschinen in Zusammenarbeit mit Handarbeit
  • Auf grossen Flächen: Kombination Laubbläser und Aufnahmegerät
  • Wenn möglich werden Elektrogeräte eingesetzt (Innenstadt zwingend)
  • Stärkere Benzinbetriebene Laubbläser werden nur bei grossen Mengen und bei Nässe eingesetzt»

Adrian Stolz von Stadtgrün St. Gallen sagt etwa: «Die Stadt St. Gallen hat kein spezifisches Laubkonzept», die Mitarbeitenden würden aber darauf achten, Laub wo möglich liegenzulassen und gerade bei Wildhecken Laubhaufen zu machen. Martina Bosshard von Grün Stadt Zürich tönt ähnlich: «Laubhaufen in städtischen Parkanlagen und Friedhöfen werden wo möglich zu ausgewählten Hecken gerecht und liegen gelassen, damit das Laub als Winterquartier für Igel und andere Kleintiere dienen kann.» 

Und bei Stadtgrün Thun gibt es laut Markus Weibel ein Biodiversitätskonzept: «Darin enthalten sind Richtlinien, in welchen Gebieten der gärtnerische Unterhalt naturnah oder konventionell ausgeführt werden muss.» Es soll laut Weibel in den kommenden Jahren überarbeitet und mit einem expliziten Laubkonzept ergänzt werden.

Markus Weibel, Leiter Stadtgrün Stadt Thun

«Stadtgrün Thun hat ein Biodiversitätskonzept und entsprechende Pflegepläne für den Unterhalt der unterschiedlichen Anlagen. Darin enthalten sind Hinweise und Richtlinien, in welchen Gebieten der gärtnerische Unterhalt z.B. einer Schul- oder Parkanlage naturnah oder bei starkem Nutzungsdruck konventionell ausgeführt werden muss. Zudem führen wir in regelmässigen Schulungstagen direkt in der Anlage im praktischen Einsatz die Gärtner schrittweise auf einen den Ansprüchen der Biodiversität und der Nutzung gerecht werdenden Unterhalt hin.

Die Konzepte werden in den kommenden Jahren weiter überarbeitet und mit spezifischen Inhalten wie Laubkonzept, Bedürfnisse der Tiere und Insekten und selbstverständlich den Bedürfnisse des Menschen aktualisiert.»

Im Herbst braucht Bern die Benziner
Bei den Laubbläsern bemüht man sich vielerorts um einen minimalen Einsatz, will aber die Effizienz nicht allzu sehr leiden lassen. In Basel hat die Stadtgärtnerei etwa eigens ein «Grundsatzpapier zum Einsatz von Laubbläsern». Darin steht unter anderem: «Grundsätzlich kommen Laubbläser nur dort zum Einsatz, wo sie eine wesentlich grössere Leistung bringen als Besen und Rechen.» Die Weisungen sollen nicht nur den städtischen Angestellten dienen, sondern auch Vorbild sein, wie Yvonne Aellen von der Basler Stadtgärtnerei sagt: «Bewusst kommunizieren wir diese Grundsätze über die Homepage, um möglichst auch Private zu diesem gezielten Umgang zu motivieren.»

Yvonne Aellen, Leiterin Grünflächenunterhalt, Stadtgärtnerei Basel

«Ein sorgsamer Umgang mit dem Laub und ein umsichtiger Einsatz von Laubbläsern sind bei der Stadtgärtnerei Basel schon seit vielen Jahren eingeführt. Laub wird nur entfernt wo es nötig ist. Wo der Standort es zulässt wird Laub in Gehölzrabatten geblasen, wo es direkt vor Ort zu wertvollem Humus verrotten kann. Auf Rasenflächen, wo Laub nicht liegen bleiben kann, wird es in der Regel mit dem Rasenmäher mit Aufnahmegerät im Rahmen des letzten Rasenschnittes aufgenommen. Damit kann der Einsatz des Laubbläsers minim gehalten werden. Wo immer es mit ausreichender Effizienz möglich ist, wird Laub mit Besen und Rechen beseitigt. Wenn Laubbläser eingesetzt werden, ziehen wir die leiseren Elektrogeräte denjenigen mit Benzinmotor vor. Aus den Grünanlagen abgeführtes Laub wird in unserer eigenen Kompostierungsanlage kompostiert und als wertvoller Humus in die Anlagen zurückgeführt, zum Beispiel zur Düngung unserer biologisch bewirtschafteten Rasenflächen in den Parkanlagen.

Informationen zu unserem Umgang mit Laub und Laubbläser sind auf der Homepage kommuniziert. Auf dieser Seite kann auch das Grundsatzpapier zum Einsatz der Laubbläser eingesehen werden. Dieses dient als Arbeitsanweisung für die Mitarbeitenden und ist Grundlage für regelmässige Praxisschulungen für unsere Mitarbeitenden. Bewusst kommunizieren wir diese Grundsätze über die Homepage, um als Vorbild zu wirken und möglichst auch Private zu diesem gezielten Umgang zu motivieren.»

In Bern, so der städtische Strassenmeister Andreas Niklaus, hätte man ohne Laubbläser keine Chance, auch wenn viele Beschwerden aufgrund des Lärms bei der Stadt eingehen. «Letztes Jahr mussten wir 1140 Tonnen Laub beseitigen. Da mögen wir auch mit elektrischen Laubbläsern nicht nach.» Von Rechen und Schaufeln ganz zu schweigen. Also werden im Herbst in Bern jeweils die Bläser mit Benzinmotoren hervorgeholt, auf die ansonsten wenn möglich verzichtet wird.

Insgesamt macht man in Bern kurzen Prozess mit der herbstlichen Blätterschwemme. «Wir entfernen die Laubhaufen bewusst und bauen dafür an geeigneten Stellen an der Aare oder in Friedhöfen Unterschlupfe für Tiere mit Ästen und Laub.» Die Stadt hat vor ein paar Jahren sogar eigens die Universität Bern mit einer Studie beauftragt, die herausfinden sollte, ob Laubbläser der Artenvielfalt von wirbellosen Kleintieren schaden. Das Ergebnis: Für Schnecken, Insekten und Würmer macht es keinen Unterschied, ob ihr Lebensraum per Rechen oder per Laubbläser gezügelt wird.

Claudius Berchtold, Fachbereichsleiter öffentliche Anlagen, Stadt Zug

«Die Förderung der Biodiversität ist der Stadt Zug ein grosses Anliegen. Mit der Aktion Wildstauden und dem Pflanzen von Wildblumenwiesen machen wir die Bevölkerung seit Jahren darauf aufmerksam und fördern aktiv die Biodiversität. Solche Orte sind auch für die Tierwelt von grosser Bedeutung. Für den Unterschlupf und die Überwinterung von Tieren werden Äste und Zweige sowie Gras und Laub liegengelassen, wo es nicht zu Schäden führen kann oder die Sicherheit gefährdet.»

Autor

Matthias Gräub

Matthias Gräub

Matthias Gräub kümmert sich bei der «Tierwelt» um die Porträts. Weil er dort mehr mit Menschen als mit Tieren zu tun hat, kompensiert er seinen Tierlidrang mit Zoobesuchen, Waldspaziergängen und Wanderungen in der Natur. Könnte er auswählen, bestünden seine Berner Stadtmusikanten aus Alpaka, Luchs, Laufente und Nacktmull. Das gäb ein Konzert!

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