Der Schädelsammler

Tierpräparate
Die Vielfalt der Schädelformen im Tierreich fasziniert Peter Zimmermann derart, dass er in 30 Jahren eine Hunderte Schädel umfassende Sammlung angelegt hat. Fast alle hat er mit einer speziellen Methode selbst präpariert.

Peter Zimmermann zieht eine Schublade in seinen Archivschränken auf. Darin liegen dicht an dicht filigrane Vogelschädel. «Diesen Singvogelschädel hier habe ich gerade erst fertig präpariert», sagt er. «Den Vogel hat eine Katze nach Hause gebracht. Wie so viele andere auch.»

Nachbarn und Bekannte wissen längst von seinem speziellen Hobby. Sie bringen ihm Funde aus ihren Gärten vorbei, auch überfahrene Tiere oder exotische Vögel, die friedlich in der Voliere gestorben sind, gelangen auf diese Weise zu ihm. Wenn Peter Zimmermann einen überfahrenen Kadaver am Stras­senrand sieht, steigt er schon mal aus und überprüft, ob der Schädel noch intakt ist. Auch seine Frau ist längst gewohnt, mit etwas seltsamer Fracht im Kofferraum unterwegs zu sein. «Igel liegen dieses Jahr wieder massenweise auf den Strassen. Meistens sind sie allerdings flach wie ein Teppich», sagt er und man spürt, dass es ihn ehrlich mehr um die Tiere reut – und nicht um die Schädelform. Ungewöhnlich ist seine spezielle Sammelleidenschaft aus Zimmermanns Blickwinkel eigentlich nicht – schliesslich arbeitet er als Humanpräparator am Anatomischen Institut der Universität Basel. Dort stellt er Präparate für Forschung und Lehre her oder auch für die Ausstellung des Anatomischen Museums.

Eine Sammlung von 900 Exemplaren
Es ist für ihn nur konsequent, dass er auch in seiner Freizeit mit so viel Freude wie Akribie präpariert. Er hat sich so etwas vermutlich Einmaliges aufgebaut. Seine Tierschädelsammlung umfasst etwas mehr als 900 Exemplare. Fast ausnahmslos selbst präpariert selbstverständlich. «Mein erstes Stück habe ich vor dreissig Jahren gemacht. Da war ich als Treiber auf der Jagd dabei. Jemand hat einen Eichelhäher erlegt und mir geschenkt», erinnert sich Zimmermann. Damals, er war noch in der Lehre zum Biologielaboranten, hatte er beim Oberstift beobachtet, wie dieser einen Tierschädel präparierte. Mit dem Eichelhäher wollte er selbst einen Versuch wagen. Als das funktionierte, kamen Laborratten an die Reihe.

Seitdem hat ihn die Faszination für die winzigen, fragilen Schädelkonstruktionen nicht losgelassen, wie er sagt. «Gerade bei vielen Vögeln habe ich längst mehrere von derselben Art. Dem Jagdtrieb der Katzen im Quartier fällt so einiges zum Opfer. Mag die Art auch dieselbe sein – keine zwei Schädel sind jemals exakt gleich. Das finde ich immer wieder spannend.»

«Mag die Art auch dieselbe sein – keine zwei Schädel sind jemals exakt gleich. Das finde ich immer wieder spannend.»
Peter Zimmermann
Schädelpräparator

Manchmal rufen auch hilfsbereite Bürger im Anatomischen Institut an, um zu fragen, ob die Präparatoren an bestimmten verendeten Tieren interessiert seien. Nun, Zimmermann ist es manchmal, wenn er das Tier noch nicht in seiner Sammlung hat. Für die Ausbildung der angehenden Mediziner und das angeschlossene Anatomische Museum braucht es solche Tiere nicht. Wichtig ist Zimmermann die Feststellung, dass er noch kein Tier nur wegen des Schädels getötet habe, auch wenn er ein Jagdpatent hat.

Warum aber ausgerechnet Schädel? «Die erzählen enorm viel über das Tier. Nachtaktive Tiere haben riesige Augenhöhlen, Raubvögel haben ganz andere Schnäbel als Körnerfresser.» Da er wissenschaftliches Arbeiten gewohnt ist, gleichen seine Schubladen denen in den Depots der naturwissenschaftlichen Museen. Jedes Präparat ist systematisch in Schächtelchen eingeordnet und mit deutschem und lateinischem Namen beschriftet. Da sind winzig kleine Schädelchen zu sehen, wie jenes von einem Kolibri, den Zimmermann einst auf einer Reise in Südamerika tot und von Ameisen abgefressen gefunden hatte. Oder Spitz- und Zwergmäuse. Der grösste ist ein Flusspferd aus einer alten Trophäensammlung von etwa 1900. Den überwiegenden Teil machen aber Vogelschädel aus. Zimmermann nennt dafür einen schlichten Grund: «Es gibt in der Schweiz einfach sehr viel mehr Vogel- als Säugetierarten.»

Workshop Knochenarbeit

Wer sich selbst in der Präparation versuchen möchte – das Anatomische Museum in Basel bietet Workshops zum Thema «Knochenarbeit». Die Teilnehmenden präparieren unter der fachkundigen Anleitung von Peter Zimmermann einen Hühner- oder Rattenschädel.

www.anatomie.unibas.ch → museum → aktivitaeten

Käfer als willige Assistenten
Die Präparationsmethoden für seine Schädel hat er sich anfangs aus der Fachliteratur selbst beigebracht. Schnell aber stellte er fest, dass gerade die kleinen, feinen Knöchelchen des Schädels sehr heikel sind. Wenn man nicht extrem umsichtig mit ihnen umgeht, braucht es hinterher viel Feinmotorik und Leim, um sie wieder zusammenzusetzen. Irgendwann stiess er auf eine Methode, die perfekte Ergebnisse liefert.

Seitdem setzt er auf sechsbeinige Helfer: Dornspeckkäfer (Dermestes macelatus) aus dem Präparationsfachhandel. «Die sind total super. Sie freuen sich immer, wenn es neue Arbeit für sie gibt. Und sie arbeiten unglaublich präzise. Da kann keine andere Methode mithalten», lobt er seine bereitwilligen Assistenten bei der Präparation der feinen Knöchelchen. Sie arbeiten unermüdlich und so gründlich, dass sie sogar Fleischreste noch aus den feinsten Ritzen entfernen. Zimmermann weiss die Vorteile der Feinarbeit zu schätzen: «Wenn man das Skelett nicht versehentlich zu lange bei den Käfern lässt, fleischen sie nur ab und lassen sogar die Bänder stehen. So kann ich mit wenig Montageaufwand ganze Vogelpräparate herstellen oder auch mal einen Maulwurf mit all seinen zarten Knöchelchen.»

Für feine Schädel wie die von Vogel oder Maulwurf braucht es besonders präzise Arbeit. Hier setzt er auf die ganz jungen Larven des Speckkäfers. Den Schädel legt er in diesem Fall in eine Schachtel, die mit sehr feinen Bohrungen versehen ist. So können nur die kleinsten Larven hineingelangen. «Wenn sich zu viele schwere Larven und Käfer auf den feinen Strukturen tummeln, brechen die womöglich ab.»

Es hat seinen Grund, dass er diese aus dem Mittelmeerraum stammende Art Speckkäfer einsetzt; schliesslich gibt es auch heimische. Dornspeckkäfer brauchen es deutlich wärmer als die heimischen Arten. Daher überleben sie nicht lange, falls doch versehentlich ein Exemplar entkommt. Einen Vorratsschädling hat niemand gern frei in der Wohnung.

Für grosse Schädel setzt Zimmermann auf die klassische Präparationsmethode mit Enzymen. Enzyme arbeiteten schnell und nahezu geruchlos. Bei kleinen Gebilden bestehe aber die Gefahr, dass sich feine Knöchelchen wie das Nasenbein ablösen. «Wenn es ganz dumm läuft fällt der ganze Schädel auseinander und ich stehe mit einem dreissigteiligen Puzzle da. Da sind die Käfer die bessere Wahl.»

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