Die Geister der Gräser 

Grasgespenst

Körper wie ein Stäbchen: Das Grasgespenst. 

Accipiter (R. Altenkamp, Berlin), CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

Panorama
Es liegt im Wesen der Gespenster, dass sie sich gerne tarnen und nur dann und wann sichtbar werden. Das trifft auch auf das Grasgespenst zu. Wer die schlanke Wanze mit den langen Fühlern sehen will, sucht am besten in trockenen und grasigen Biotopen. Wer sind diese Tiere? Und wie leben Sie? 

In der Literatur und im Film scheuen Gespenster die breite Öffentlichkeit. Sie offenbaren sich nur Ausgewählten: Menschen in Märchen und Fantasygeschichten, denen sie mitunter grosse Furcht einflössen. Und denjenigen, die ein Flair fürs Übernatürliche haben, einen sechsten Sinn quasi, der sie als Medium auszeichnet. 
 
Es gibt allerdings auch vermeintliche Geister, vor denen sich niemand fürchten muss. Das Grasgespenst (Chrosoma schillingii) ist eines von ihnen. Es gehört zur Familie der Grasflügelwanzen (Rhopalidae) und hat vor allem etwas mit seinen geheimnisumwitterten Namensvettern gemeinsam: es mag nicht entdeckt werden. Oder zumindest nur von denjenigen, die sich für das Tier interessieren und aktiv nach ihm suchen. Das ist allerdings gar nicht so einfach. Denn das Grasgespenst ist klein: bei 14 bis 16 Millimetern Körperlänge muss man schon sehr genau hinschauen, um es zu entdecken. 

Kommt hinzu, dass sich Chrosmoa schillingii gerne tarnt. Auf den Sandböden trockener, grasiger Biotope fühlt es sich sicher. Hier ist es schwer zu erkennen. Die hellgrünen, strohfarbenen oder hellbrauen Körper sind gut versteckt. Am ehesten entdeckt man die Tierchen daher anhand ihrer langen Fühler.     

Kleine Stäbchen und Zylinder
Langgezogen und schmal ist auch der Körper. Dabei unterscheiden sich die beiden Geschlechter: Während die Männchen beinahe stabförmig scheinen, sind die Weibchen schon fast zylinderförmig gebaut. 
 
Wie alle Grasflügelwanzen ist auch das Grasgespenst ein Pflanzenfresser. Es labt sich an unreifen Pflanzensamen und saugt an Halmen sowie an Blättern. Sobald Samen reif werden, sind sie oft für die Tiere als Nahrungsquelle uninteressant. Dann saugen sie auch an anderen Pflanzen, etwa am Ampfer oder an diversen Süssgräsern.

Zurzeit ist die Paarung angesagt. Ab August dann werden Eier abgelegt. Die Tiere befestigen sie einzeln an Grashalmen. In dieser Form kann die Art auch harte Winter überstehen, bevor daraus dann im nächsten Frühling und Frühsommer Nymphen entstehen. So bezeichnet man die Jugendstadien verschiedener Gliederfüsser, die, anders als Larven, äusserlich dem erwachsenen Stadium bereits sehr ähnlich sind. 

Die Verbreitung 
Bei uns in Mitteleuropa bilden die Grasgespenster nur eine Generation aus. Sie sind allerdings auch in Osteuropa und im Mittelmeerraum verbreitet, wo es auch zwei sein können. Generell reicht das Verbreitungsgebiet von Nordafrika, den Britischen Inseln bis über fast ganz Europa und Kleinasien sowie Zentralasien. Dass die Art in Skandinavien sowie in höheren Gebirgslagen indes kaum vorkommt, hat damit zu tun, dass die Tiere wärmebedürftig sind. 

Die Familie, welcher das Grasgespenst angehört, hat eine beträchtliche Grösse: Über 200 Arten in mehr als 20 Gattungen sind von den Glasflügelwanzen bekannt. Allein in Mitteleuropa kommen mehr ein Dutzend vor. Keiner ihrer Vertreter zählt allerdings zu ernsthaften Schädlingen in der Landwirtschaft. Einige können den Menschen lediglich lästig werden, wenn sie in die Häuser eindringen. 

Chrosmoa schillingii hingegen scheint in dieser Hinsicht scheu zu sein und zieht es vor, für die meisten Menschen (sowie Fressfeinde) möglichst unentdeckt zu bleiben, gut getarnt im Freien. Fast so wie «richtige» Gespenster.  

Autor

Leo Niessner

Leo Niessner

Leo Niessner ist «Tierwelt»-Online-Redaktor, Social-Media-Manager und News-Feed-Leser. Er berichtet gerne über Flora und Fauna oder über Menschen, die sich um Flora und Fauna verdient machen, und schöpft in den Bergen Energie. Er mag Tiere. Und Musik. Am liebsten solche, in der Tiere vorkommen – zu hören in den Spotify-Listen zu jeder «Tierwelt»-Ausgabe, die er mit der Redaktion Woche für Woche zusammenstellt. Und ja, er spielt auch selber Musik. Sein grösster Traum: eine eigene «Arche Leo», in der alle Tiere dieser Welt Platz haben. Mit einem VIP-Sektor für bedrohte Arten.  

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