«Die Jagd ist ein barbarisches Volksfest für Feiglinge»

Marion Theus
Jagdkritikerin Marion Theus liebt Tiere nicht nur, sondern setzt sich auch für sie ein.
Jörg Weber
Marion Theus: Wildtierschützerin
Sie lebt im Kanton Graubünden, wo ­neben dem Wallis und dem Tessin die meisten Jäger der Schweiz auf die Pirsch gehen. Als sich Marion Theus für die bejagten Wildtiere zu engagieren begann, bekam sie Morddrohungen. Aber sie kämpft unbeirrt weiter. 

«Frau Theus, gibt es etwas, das Sie gut finden an der Jagd?» – Die Präsidentin des Vereins Wildtierschutz Schweiz lacht. Sie muss nicht lange überlegen. «Etwas Postives an der Jagd? Nein. Ausser, dass die Leute dabei an die frische Luft und in den Wald gehen.» Marion Theus macht keinen Hehl daraus, dass sie eine überzeugte Gegnerin der Jagd ist, so wie wir sie heute in der Schweiz kennen. Und sie habe ihre Gründe dafür, sagt sie. 

«Es beginnt damit, dass viele Tiere von Jägern angeschossen werden und dann eines qualvollen Todes sterben.» Die Nachsuche könne Stunden dauern bis zum tödlichen Schuss. «Die schwer verletzten Tiere schleppen sich mit heraushängenden Eingeweiden, gebrochenen Knochen, zerfetzten Körpern oft stunden- und tagelang durch den Wald.» Viele Jäger könnten nicht genügend gut schiessen oder gingen angetrunken auf die Jagd, behauptet sie. Jedes zweite Tier verendet qualvoll, so die Schätzung von Wildtierschutz Schweiz, die auf Recherchen bei Jägern und Fleischbeschauern wie Metzgern oder Restaurateuren beruht. «Ich bin selbst erfahrene Schützin», sagt Theus, «und ich weiss, dass es nicht leicht ist, auf 150 bis 200 Meter Distanz ein Ziel zu treffen. Vor allem, wenn es sich bewegt.»

Aufgewachsen in tierliebender Familie
Insbesondere auf der Patentjagd in den Gebirgskantonen bestehe ein akutes Alkoholproblem. Dort hausen die Jäger drei bis vier Wochen in ihren Hütten. «Wir haben oft beobachtet, wie vor der Jagd unglaubliche Mengen an alkoholischen Getränken in diese Hütten transportiert werden. Sicher nicht, um damit zu kochen», berichtet Theus. Und sie ergänzt: «Was heute in den Kantonen Graubünden, Tessin, Wallis alljährlich passiert, ist ein barbarisches Volksfest für mehrheitlich ein paar wenige Lust-Töter, die sich wie Feiglinge hinterhältig mit modernen Schusswaffen dem Tiermorden widmen. Von Tradition und richtigen Männern und Frauen kann keine Rede sein.»

Marion Theus wuchs in Chur auf. In ihrer Familie war die Jagd kein Thema. Diskussionen mit Verwandten, die auf die Jagd gingen, führten meist zu unüberbrückbaren Positionen. Fleisch gabs im Hause Theus höchstens einmal pro Woche. Als Marion als Kind klar wurde, dass das Fleisch auf ihrem Teller von Tieren stammte, verzichtete sie ganz darauf. Obwohl sie Fleisch eigentlich mochte. Ihre Entscheidung revidierte sie auch dann nicht, als sie ihre Eltern warnten, sie könne ohne Fleischkonsum krank werden. Als ihre Grossmutter, eine Bäuerin, an Ostern einmal Lammfleisch servierte, verliess sie den Tisch und redete fortan kein Wort mehr mit ihr.

«Wir hatten immer viele Tiere zu Haus» erinnert sie sich. «Meist ausgestossene, oder solche aus schlechter Haltung.» So gab es Vögel, junge Igel, die man aufpäppelte, vor dem Schlachter gerettete Schafe und Pferde, Geissen und natürlich Hunde und Katzen. Als Primarschülerin begann Marion Theus mit Reiten. Heute sagt sie: «Tierschutz kann man eigentlich nur machen, wenn man keine Tiere isst. Ich finde, jede Schulklasse sollte einmal ein Schlachthaus besuchen. Um zu sehen, was passiert, bevor das Fleisch auf der Metzger­theke oder in der Supermarkt-Kühltruhe liegt.»

Nach der Schulzeit absolvierte sie eine Lehre als Dekorateurin. Anschliessend stieg sie bei Jet Aviation, einem Wartungsunternehmen für die Geschäftsluftfahrt, bis ins Kader auf, arbeitete beim Reiseveranstalter Kuoni, kaufte und managte in Klosters GR ein Hotel, betrieb eine Snowboarder-Unterkunft für Junge, erwarb ein Baugeschäft und baute das erste Minergie-Mehrfamilienhaus im Bündner Kurort. Aber dann gewann ihr Tierschutz-Gen wieder die Oberhand.

Auf Ungereimtheiten gestossen
Theus schöpfte Verdacht, dass bei der 1986 eingeführten Sonderjagd «nicht alles stimmte». Werden während der regulären Hochjagd im September zu wenige Hirsche und Rehe geschossen, wird im Oktober und November zur Sonderjagd geblasen. «Zuerst dachte ich 20 Jahre lang, dass da alles in Ordnung sei. Doch dann erfuhren einige meiner Kolleginnen und ich immer mehr von Ungereimtheiten. Wir begannen uns näher zu informieren. Das war damals noch relativ einfach, denn die Jäger hielten uns für ‹Greenhorns›, denen man alles erzählen konnte. Wir stellten unter anderem fest, dass man Hirschkälber und Rehkitze von ihren Müttern wegschoss. Mit der Begründung, diese Jungen seien krank. Da wir das nicht glauben konnten, begannen wir tiefer zu schürfen. Und stiessen auch auf die Fallen- und Vogeljagd.»

Vor fünf Jahren beschloss sie zusammen mit einigen ihrer Bekannten den Verein Wildtierschutz Schweiz zu gründen, den sie seither präsidiert. Zu den zentralen Forderungen des Vereins gehören etwa der generelle Schutz trächtiger und führender Hirschkühe und Rehgeissen sowie ihrer Jungen. Auch soll eine Blutalkoholgrenze für die Ausübung der Jagd gemäss dem Strassenverkehr festgelegt und die Jagdeignung und Treffsicherheit periodisch überprüft werden. Für alle Wildtiere soll ab 1. November eine generelle Winterruhe gelten. Geht es nach dem Willen des Vereins, gehört das reine Hobby-, Spass- und Freizeitjägertum abgeschafft.

In den ersten zwei Jahren stiessen Marion Theus und ihre Mitkämpferinnen bei den Jägern in ein Hornissennest. Aber auch viele Medien wollten sich auf keine Diskussion bei der Jagd einlassen. «Ich bekam fast täglich Morddrohungen. Man drohte mir, meine Katzen und Hunde zu töten. Mein Auto wurde demoliert. Auch meine Kollegin, die Vizepräsidentin des Verbands, wurde grob verbal und tätlich angegriffen und bespuckt.» Und heute, nach fünf Jahren? Wie kommen die Forderungen des Vereins an? «99,6 Prozent der Bevölkerung sind keine Jäger. Von ihnen haben wir praktisch nur positives Echo. Auch die meisten Medien sind uns heute gewogen und unterstützen unsere Kernforderungen», stellt Theus fest.

Mangel an Informationen
Viele Menschen seien sich der durch die Jagd verursachten Probleme indes noch gar nicht bewusst. Darum habe Information für ihren Verein erste Priorität. Viele Leute meinten, ohne Jagd gäbe es zu viele Tiere. Das Gegenteil sei wahr: Durch die Jagd fühlten sich die Wildtiere in ihrem Leben bedroht. Dies führe zu einer stärkeren Reproduktion. Es gebe schon Rehe, die drei oder vier Junge werfen, normal sei eines. Der Slogan der Jäger vor einigen Jahren lautete: «Ohne Jäger kein Wild», sagt Theus und schmunzelt. Irgendwie stimme das, aber nicht so, wie es die Jäger meinten. Die Jagd zerstöre die Sozialstruktur der Tiere und verhindere so eine artgerechte Geburtenkontrolle.

Was sie auch ärgert: Noch immer werden in gewissen Kantonen getarnte Fallen gestellt. Füchse werden angefüttert, vor Hochsitze oder Passhütten gelockt und dort erschossen. Das Töten von Füchsen sei unsinnig. Der Fuchs sei der beste Mäusejäger. Mangels Füchsen müsse der Kanton Mäusefänger einstellen und bezahlen. Auch Vögel würden sinnlos abgeknallt, etwa 50 000 pro Jahr. Dabei sage die Vogelwarte Sempach klar, dass sich die Bestände selber regulieren. Allein im Kanton Graubünden wurden in einem Jahr 814 Eichelhäher, 363 Schneehühner oder 117 Birkhähne geschossen. «Der Eichelhäher ist den Jägern darum ein Dorn im Auge, weil er ruft, wenn Gefahr droht. Und damit das Wild vertreibt, das die Jäger zur Strecke bringen wollen!» 

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