Die schockierende Realität des Klimawandels

Abgemagerter Eisbär auf Spitzbergen
Das Foto dieses abegmagerten Eisbären löste in den sozialen Medien ein Riesenecho aus. Es zeigt, dass der Klimawandel real ist und ihre Konsequenzen jetzt schon spürbar sind. Nur wenn wir die Erderwärmung auf maximal zwei Grad begrenzen können, haben Eisbären eine Überlebenschance.
Kerstin Langenberger
Verhungernde Eisbären
Das Bild dieses völlig ausgemergelten Eisbären ging um die Welt. Jeden Sommer schmilzt das arktische Eis mehr und mehr, die sonst so imposanten Tiere finden immer weniger Nahrung. Doch auch für uns Menschen können die Folgen der Erderwärmung unangenehm werden. 

«Ich kenne die Arktis erst seit den Zeiten des Klimawandels und für mich gehören dünne Tiere zum Bild der Eisbären dazu», sagt die Fotografin und Umweltwissenschaftlerin Kerstin Langenberger, die das Bild des völlig ausgehungerten Eisbären, das in den Medien weltweit für Aufruhr sorgt und bei Facebook schon über 50'000 Mal geteilt wurde, diesen Sommer auf Spitzbergen geschossen hat. Sie betont, dass dieses Exemplar ein absolutes Extrem sei: «Die meisten Bären sehen ‹normal› aus. Einige von ihnen sind sogar herrlich dick, besonders jene, die das ganze Jahr auf dem Packeis bleiben.» 

Unberechenbares Wetter
Doch genau dieses Meereis geht in seiner Ausbreitung und Dicke seit zehn Jahren extrem zurück und erreicht jedes Jahr wieder einen neuen Negativ-Rekord. «Das bedeutet, dass der Lebensraum der Eisbären schmilzt und die Tiere öfter und länger an Land ‹stranden›, wo es viel weniger Nahrung für sie gibt», erklärt Langenberger. Die Deutsche lebt und arbeitet seit vielen Jahren an verschiedenen Orten der Arktis, nicht nur als Fotografin, sondern unter anderem auch als Expeditionsleiterin und Rangerin, und kann den Klimawandel aus erster Hand beobachten. «Die Gletscher schmelzen so schnell, dass man Sommer für Sommer Unterschiede erkennen kann», sagt sie. «Das Wetter ist völlig unberechenbar. Mal warm, mal kalt, mal windig – es gibt keine Verlässlichkeit mehr. Ausserdem verändern sich die Tierpopulationen lokal teilweise sehr stark.» 

Besonders zu leiden hätten die Arten, die sich auf Kälte spezialisiert haben, meint Arkis-Expertin Langenberger. «Sie können nirgendwo mehr hin, denn sie sind ja schon dort, wo es am kältesten ist.» Würden diese Arten aussterben, hätte dies nicht nur Folgen für die Biodiversität, sondern auch für den Menschen, der sich von diesem Ökosystem ernährt. Viele Fische, die auf unsern Tellern landen, stammen aus arktischen Meeren.

Erde wird lebensfeindlicher
Die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich nicht nur im hohen Norden. «Die Arktis ist die Wetterküche Europas: Ändert sich das Klima da oben, hat das direkte Auswirkungen auf das Wetter in Deutschland und in der Schweiz», warnt Langenberger. «Wenn es wärmer wird, kann die Luft mehr Feuchtigkeit halten, die Niederschläge können also mehr werden und die Stürme intensiver, auch viel windiger. Was der Klimawandel tun wird, ist, dass es in Zukunft immer unangenehmere Jahreszeiten geben wird. Sommer mit Temperaturen von oft über 35 Grad und andere Sommer, in denen es nur regnet. Winter, in denen die Bäume spriessen und dann im Sommer keine Früchte tragen, und andere Winter, die so kalt sind, dass man die Erderwärmung bezweifelt. Die Erde wird für uns Menschen lebensfeindlicher werden.»

Um maximal zwei Grad darf sich die Durchschnittstemperatur auf der Erde erhöhen, damit das Schlimmste verhindert werden kann, meinen Wissenschaftler. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten allerdings unsere Emissionen innerhalb von fünf bis zehn Jahren drastisch eingeschränkt werden. Bei einem Temperaturanstieg von zwei Grad geht man zwar davon aus, dass fünf Prozent aller Tierarten aussterben werden, dass sich die Erde jedoch teilweise erholen und das Eis an den Polen in kleinem Masse sogar noch existieren oder zurückkehren könnte.

«Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen»
Um dieses Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, müssen Politik und Industrie reagieren. «Klimaschutz muss überall in grossem Stil umgesetzt werden», sagt Kerstin Langenberger. «Wir hören viel negative Berichterstattung, die uns glauben lässt, es sei schon alles zu spät. Und wenn wir jetzt nichts Drastisches tun, ist es auch zu spät. Aber das Letzte, was wir brauchen können, ist uns entmutigen zu lassen.»

Tatsächlich tut sich etwas. Die Problematik und die Realität des Klimawandels finden ihren Weg in das Bewusstsein von immer mehr Menschen. Und jeder, der aktiv werden will, kann auch aktiv werden, meint Langenberger: «Jedes bisschen CO2, das wir einsparen unterstützt das grosse Ziel, die Erderwärmung zu bremsen. Weniger Auto fahren, seltener fliegen, weniger Fleisch essen oder sich gar vegan ernähren, Müll vermeiden, Energie sparen, bewusster einkaufen: Klimaschutz fängt im Kleinen an und jeder kann seinen Beitrag leisten, Tag für Tag.»

Mehr Fotos von Kerstin Langenberger aus der Arktis und Informationen zu ihrer Arbeit finden Sie auf Langenbergers Facebook-Seite oder auf ihrer Webseite Arctic Dreams.

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