Ein Winzling aus der Urzeit

Winziger Urzeit-Vogel

Das winzige Dinovögelchen Oculudentavis khaungraae war noch kleiner als der kleinste heute lebende Vögel.

Han Zhixin

Paläontologie
In Myanmar haben Paläontologen den Schädel eines winzigen Urzeittierchens gefunden – eingeschlossen in Bernstein. Handelt es sich um einen Dinosaurier oder um einen Vogel?

Vor 100 Millionen Jahren, in der Kreidezeit, schritten Herden von riesigen Sauropoden über die Erde. Es waren die grössten Lebewesen, die jemals die Erde bevölkerten. Vor 100 Millionen Jahren schwirrte aber auch ein winziges Tierchen namens Oculudentavis khaungraae zwischen den urzeitlichen Pflanzen herum. Dieses Tierchen war so klein wie der kleinste heute lebende Vogel der Welt, die Bienenelfe. Diese Kolibriart wiegt gerade mal zwei Gramm.

Damit ist Oculudentavis der wahrscheinlich kleinste jemals entdeckte Dinosaurier. Das schrieb ein Paläontologenteam um Lida Xing von der Chinesischen Universität für Erdwissenschaften in Peking letzte Woche in der Fachzeitschrift «Nature». Äusserlich sieht Oculodentavis aber viel mehr aus wie ein Vogel. Es war komplett befiedert und hatte voll funktionsfähige Flügel, vermuten die Forscher.

Nun sind ja alle Vögel Dinosaurier, da sie aus diesen hervorgegangen sind. Zur Zeit von Oculudentavis gab es beides noch: Dinosaurier und gewisse Linien von Dinosauriern, die sich schon zu Vögeln weiterentwickelt hatten. Wo zieht man also die Grenze? 
 

Xing und Kollegen haben zwei Theorien. Einerseits könnte es sein, dass Oculudentavis zu einer in der Kreidezeit verbreiteten Gruppe von frühen Vögeln gehört. Es könnte aber ebenfalls sein, dass das Tierchen doch näher mit den Dinosauriern verwandt ist und irgendwo zwischen der berühmten Übergangsform Archaeopteryx und den Vögeln der Kreidezeit einzuordnen ist. 

Denn Oculudentavis fehlen einige typische Merkmale, welche die Schädel der damaligen Vögel schon aufwiesen, das winzige Schädelchen von Oculudentavis aber nicht. Überhaupt ist der Schädel der einzige Hinweis darauf, dass es die Art überhaupt gab. Er wurde eingeschlossen in Bernstein in Myanmar entdeckt und ist gerade mal 1,5 Zentimeter lang. 

Trotzdem gibt er Aufschluss über die Lebensweise von Oculudentavis, was übersetzt «Augenzahnvogel» heisst. Denn besonders auffällig sind die riesigen Augenhöhlen und die vielen kleinen Zähne. Wahrscheinlich frass Oculudentavis Insekten und andere kleine Wirbellose und war tagaktiv.

Der Fund des kleinen Schädels ist für die Forschung von grosser Bedeutung, denn bis anhin, wusste man nicht, dass es so eine Minifauna damals schon gab. In ihrer Studie schreiben Xing und Kollegen von einer bislang «unentdeckten Ökologie». Winzig kleine Knochen wie die von Oculudentavis bleiben nur in Bernstein erhalten, als Fossilien im Gestein sind sie längst zu Pulver zermahlen. Die Paläontologen sehen deshalb im Bernstein aus Myanmar, in dem in letzter Zeit viele Entdeckungen gemacht wurden, grosses Potential. Welches urzeitliche Geheimnis als nächstes aufgedeckt wird, bleibt abzuwarten.

Autor

Meret Signer

Meret Signer

Meret Signer ist «Tierwelt»-Online-Redaktorin, Biologin und Ornithologin. Genau so sehr wie Vögel liebt sie aber ihre flauschige Katze Redi, weswegen sie oft im Dilemma ist. Während Redi jedoch lieber zuhause faulenzt als auf die Jagd zu gehen, wandert Meret durch die Gebirge dieser Welt. Immer mit dabei: ihr Feldstecher.

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