Ein Wurm wie ein Faden

Saitenwurm

Irgendwann muss er wieder raus, um ein eigenes Leben zu führen: Sobald ein Saitenwurm geschlechtsreif ist, verlässt er seinen Wirt, wie hier eine Heuschrecke.

Necrophorus / wikimedia.org

Panorama
Ein kurioser Wurm, der nach den Fingern seines Entdeckers schnappt: Ein solches Video tauchte letzte Woche in den Medien auf. Dabei handelt es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um einen Saitenwurm, der sich in einen Wirt einbohren und bis zu zwei Meter lang werden kann. Wie leben diese Tiere? Und was weiss man über sie?

Fast hätte man denken können, einer der Sandwürmer aus der «Dune»-Neuverfilmung von Denis Villeneuve hätte zugeschnappt. Die Art und Weise, wie ein Leser der Pendlerzeitung «20 Minuten» Mitte des Monats über die Begegnung mit einem Wurm berichtete (Link zum Video), verleitete zur Annahme, dass es sich um ein grosses Exemplar aus dem Science-Fiction-Epos handle. 

In Wahrheit muss man genau hinsehen, um den kleinen Parasiten überhaupt zu erkennen – geschweige denn das, was man als Mundöffnung bezeichnen könnte. Denn Saitenwürmer (Nematomorphia) sind sind extrem dünn: nur gerade 0,5 bis 3 Millimeter beträgt ihr Durchmesser. Dafür werden sie umso länger, bis zu 50 Zentimeter. Der Name passt daher perfekt. Er leitet sich aus dem Altgriechischen ab: «Nema» steht für «Faden», «Morphe» für Gestalt. Sie gehören zum Überstamm der Häutungstiere (Ecdysozoa). 

Lange beschäftigte sich die Wissenschaft nur stiefmütterlich mit den Saitenwürmern. Das bestätigt auch Otfried Wüstemann, Gewässerökologe beim Nationalpark Harz. Er sei erst auf die Tiere gestossen, als er sich mit Fischen im deutschen Harzgebiet beschäftigte, die von den Parasiten befallen waren. Im «Harzkurier» vom 29. Januar 2019 stellte er weiter fest: «Wie und wann die Saitenwürmer entstanden sind, ist bis heute unklar. Was wir aber wissen, ist, dass sie sich seit dem Tertiär in ihrem Äusseren kaum verändert haben.» 

Saitenwurm

«Wie ein dünnes Stück Draht» 
Wüstemann aber widmete sich den Tieren. Aufmerksame Naturbeobachter finden sie im Spätsommer: in sauberen Bächen, Tümpeln, Quellen, wassergefüllten Fahrspuren und selbst in Viehtränken oder tieferen Pfützen. Im «Harzkurier» sagt Wüstemann weiter: «Das Aussehen der Tiere erinnert an ein dünnes graubraunes oder rötliches Stück Draht, welches teilweise spiralig gewunden oder zu einem Knäuel zusammengerollt ist». 

Welcher Teil des Wurms nach dem Leserreporter der Gratiszeitung geschnappt hat, ist indes nicht klar. Denn die ausgewachsenen Würmer besitzen weder genau definierten Mund, After noch Kreislauforgane. Das ist jedoch nicht die einzige Auffälligkeit. Ihnen fehlen ausserdem Atmungs-, Verdauungs- und Ausscheidungsorgane. Nerven hingegen besitzen sie. Ein Nervenring, der am Kopfende angebracht ist, bildet das Gehirn der Tiere. 

Das Leben als Parasit
Zu recht werden Saitenwürmer als Parasiten bezeichnet. Bereits ihre Larven sind auffällig: Sobald sie aus den Eiern schlüpfen, ist ihr Bohrapparat unter dem Mikroskop sichtbar. Er besteht aus Haken am Vorderende der Tierchen, wo sich auch drei Stilette und Dornenkränze finden. Damit können sie sich durchs Fleisch eines Wirtes bohren. Oft geschieht dies bei Fischen und Krebsen. In den Körper eines Wirtes gelangen die Saitenwürmer aber auch durch Nahrungsaufnahme. In einem ungeeigneten Wirt, etwa einer Schnecke, überleben sie, bis diese von einem Raubinsekt gefressen wird, zum Beispiel einer Gottesanbeterin. Diese wird von den Parasiten befallen. 

Im Inneren des Wirtes wachsen die Saitenwürmer bis zur Geschlechtsreife heran. Danach verlassen sie ihn durch den After oder durch die Gelenkhäute. Während tierische Wirte von den Parasiten unter anderem am Nervensystem geschädigt werden, besteht für den Menschen kaum Gefahr durch Saitenwürmer. Es sind nur wenige Fälle bekannt, in denen Menschen befallen wurden, und in denen schienen die Tiere keine Schädigungen hervorgerufen zu haben. 

Sollte sich der eingangs erwähnte Leserreporter Sorgen gemacht haben, so sind diese unbegründet: Der kleine Wurm, der nach seinen Fingern geschnappt haben soll, ist für ihn völlig ungefährlich. 

Autor

Leo Niessner

Leo Niessner

Leo Niessner ist «Tierwelt»-Online-Redaktor, Social-Media-Manager und News-Feed-Leser. Er berichtet gerne über Flora und Fauna oder über Menschen, die sich um Flora und Fauna verdient machen, und schöpft in den Bergen Energie. Er mag Tiere. Und Musik. Am liebsten solche, in der Tiere vorkommen – zu hören in den Spotify-Listen zu jeder «Tierwelt»-Ausgabe, die er mit der Redaktion Woche für Woche zusammenstellt. Und ja, er spielt auch selber Musik. Sein grösster Traum: eine eigene «Arche Leo», in der alle Tiere dieser Welt Platz haben. Mit einem VIP-Sektor für bedrohte Arten.  

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