Eine Gehhilfe für Sambal

Kamelorthopädie
Selbst die Tierärzte waren ratlos: Wegen einer Arthrose konnte das 14-jährige Kamel Sambal kaum mehr gehen. Da wandten sich seine Besitzer an eine Orthopädie-Firma. Nun ist Sambal das wohl erste Kamel der Schweiz mit einer dauerhaften Gehhilfe am Bein.

Tiere können nicht mit uns Menschen sprechen, aber ein erfahrener Halter merkt natürlich, wenn einer seiner Schützlinge Schmerzen hat. So auch Ulli Runge, der gemeinsam mit seiner Partnerin Karin Stiffler den Kamelhof Olmerswil in Neukirch an der Thur im Kanton Thurgau betreibt. Vor einigen Monaten habe Sambal, eines der momentan 15 Kamele auf dem Hof, zu hinken begonnen, erzählt der diplomierte Zootierpfleger, der seit über 30 Jahren mit Kamelen arbeitet. Und es sei immer schlimmer geworden. «Mit der Zeit bewegte sich Sambal kaum mehr, er frass wenig, nahm ab – und zeigte auch immer wieder das typische Schmerzgesicht von Kamelen.»

Darüber, was Sambal derartige Schmerzen bereitete, zerbrachen sich aber selbst Tierärzte lange den Kopf. Erst eine Pferdechirurgin des Zürcher Unispitals fand heraus, dass das 14-jährige Trampeltier an einer starken Arthrose am rechten Karpal-Gelenk litt. Für Laien sieht dieses Gelenk aus wie das Knie des Kamels – in Wirklichkeit handelt es sich um das, was bei uns das Handgelenk ist. Allerdings war guter Rat teuer: Cortison-Spritzen halfen Sambal nicht und eine Operation war laut Tierärzten riskant und wenig erfolgversprechend.

«Wenn Sambal will, hat er ein ganz schönes Tempo drauf. Schmerzanzeichen zeigt er keine mehr.»
Ulli Runge
Kamelhof Olmerswil

Orthopädie für Tiere
Da kamen Stiffler und Runge eine Idee. «Wir sahen immer mal wieder Menschen mit Stützschienen an Beinen oder Armen und dachten uns, so etwas könnte auch bei Sambal funktionieren.» Gedacht, getan: Sie riefen bei der Ortho-Team AG an, einem schweizweit tätigen Orthopädie- und Reha-Technik-Unternehmen, das auch über einen Standort in St. Gallen verfügt. Dort, erzählt Runge, habe man zwar zuerst an einen Witz geglaubt, sich dann aber schnell bereit erklärt, einen Orthopädietechniker auf den Kamelhof zu schicken.

ein Unternehmen sei seit 1964 auf orthopädische Hilfsmittel beim Menschen spezialisiert, sagt Daniel Gelbart, Geschäftsleitungsmitglied bei der Ortho-Team Gruppe. Immer häufiger würden aber auch Prothesen (ein Ersatz eines Körperteils) und Orthesen (Schienen zur Stützung eines Körperteils) für Tiere nachgefragt. «Unsere häufigsten tierischen Patienten sind Hunde, wir hatten aber auch schon Katzen, Pferde und sogar Vögel.»

Es gebe verschiedene Möglichkeiten, um den Abdruck des Körperteils zu erfassen, sagt Gelbart. «Das kann mittels Gips oder auch digital mit einem 3D-Scanmodell geschehen.» Sambal wird von Ulli Runge seit Jahren darauf trainiert, sich bei medizinischen Eingriffen ruhig zu verhalten. Er liess sich in stoischer Ruhe einen Gipsabdruck seines Beines machen.

Keine Schmerzanzeichen mehr
Mit dieser Vorlage konstruierten die Orthopäden dann eine perfekt angepasste Orthese. Sie verläuft über das ganze Bein und stützt dieses, ermöglicht aber gleichzeitig grösstmögliche Beweglichkeit des Karpal-Gelenks. Die Kamelhof-Betreiber sind äusserst zufrieden mit der Lösung. «Sambal hat die Stütze sehr gut akzeptiert, und er kann wieder gehen», sagt Runge. Zwar humple er noch. «Aber wenn er will, hat er ein ganz schönes Tempo drauf – und Schmerzanzeichen zeigt er keine mehr.»

Eine derartige Orthese ist aufwendig und entsprechend nicht ganz günstig. «Doch das Ortho-Team ist uns preislich sehr entgegengekommen, was wir sehr zu schätzen wissen», sagt Runge. Und vom verbleibenden, für den Kamelhof immer noch erklecklichen Betrag, hätten inzwischen auch einige Unterstützer einen Teil übernommen. «Aber», sagt Runge, «wir hätten das so oder so gemacht. Das sind wir unseren Tieren einfach schuldig.»

Autor

Simon Koechlin

Simon Koechlin

Simon Koechlin ist Chefredaktor der «Tierwelt». Als Biologe freut er sich über jedes Tier, das er zu sehen bekommt – egal ob flauschig, flaumig oder schleimig. Um einen Schmetterling oder eine Schwebfliege zu fotografieren, rennt er auch mal in Schlarpen durch seinen Garten.

Kommentare (1)