Faszinierende kleine Krebse

Einsiedlerkrebs

Einsiedlerkrebse sind stets auf der Suche nach dem passenden Schneckenhaus. 

konjaunt/Shutterstock

Panorama
Die Touristen bleiben aus, die Strände und ihre tierischen Bewohner erholen sich vielerorts. In Thailand beispielsweise kommt die Ruhe den Einsiedlerkrebsen zugute: Nun finden sie wieder leere Muscheln, in denen sie leben können. Davon werden viele benötigt: Im Laufe des Wachstums weichen die Krebse auf stets grössere Behausungen aus.

Wer schon einmal Zeit an einem der wenigen weitgehend unberührten Strände Thailands oder der Malediven verbracht hat, wird das Schauspiel nicht so schnell vergessen. Sobald die sengende Sonne am Horizont verschwindet, kriechen Tausende kleiner Landeinsiedlerkrebse (Coenobita brevimanus) aus kleinen Löchern und Verstecken und krabbeln über den Sand.

Es ist nicht nur die Suche nach Nahrung, die sie antreibt, sondern auch die Suche nach einem Zuhause. Besonders begehrt sind leere Schneckenhäuser, in welche die Tiere kriechen, um ihre Hinterkörper zu schützen. Diese sind weichhäutig und somit verletzlich. Dass die ergatterten Behausungen mitunter leicht zerbrechen können, da ihre Schalen äusserst dünn sind, spielt keine Rolle.

Einsiedlerkrebse auf den Malediven

Eine Rolle spielt hingegen, dass durch den Eingriff der Menschen ins Ökosystem Meer auch die Anzahl der Schnecken abnimmt. Für die Krebse wird das immer häufiger zum Problem. Denn ihre Behausung wächst nicht mit ihnen mit, und so werden sie gezwungen, sich immer wieder eine neue, grössere zu suchen, etwa das Häuschen der Wellhornschnecke (Buccinum undatum).

Was geschieht, wenn Schneckenhäuser rar werden, zeigt sich auf zahlreichen Bildern im Internet: Darauf zu sehen sind Einsiedlerkrebse, die sich in Plastikflaschen oder anderen Müll verkriechen, weil sie keine passenden Muscheln finden. Jetzt, da die Touristen wegen der Corona-Pandemie ausbleiben, ist dem Meer zumindest ein Durchatmen vergönnt, und die Lage dürfte sich zumindest kurzfristig leicht entschärft haben.

Treffen zur «Immobilienparty»
Es gibt aber auch noch eine andere Art und Weise, wie die Tiere zu einem neuen passenden Schutz kommen – sofern sie am Strand ungestört sind. Wie Mark Laidre von der University of California in Berkeley im Journal «Current Biology» schreibt, treffen sich mitunter ganze Scharen Schneckenhäuschen tragender Krebse.

An der «Versammlung» versuchen sie, diejenigen mit grösseren Häusern aus ihrem Heim zu zerren. Gelingt es einem Tier ins Nachbargehäuse einzudringen, krabbeln auch Nachfolgende gleichzeitig in das nächst grössere Gehäuse. Als eine Art «Immobilienparty» bezeichnete die Zeitung «Die Welt» dieses Gebahren auch schon augenzwinkernd.

Es gibt aber auch andere Wege, um zumindest zu einem robusteren Schneckenhaus zu gelangen – ohne sich mit anderen anlegen zu müssen. Dazu sind die Krebse im Laufe der Evolution eine Art der Symbiose mit Stachelpolypen (Hydractinia echinata) eingegangen. Gleich in grosser Zahl besiedeln sie den Aussenrand des Gehäuses, vergrössern und verstärken es auf diese Weise. Dadurch können die Einsiedlerkrebse ihr Schneckenhaus länger bewohnen.

Auf den Gehäusen wurden auch schon andere Nesseltiere wie die Schmarotzerrose (Calliactis parasitica) gefunden, eine Seeanemone. Auch hier profitiert man vom Miteinander: Der Krebs wird von den Nesselkapseln der Nesseltiere geschützt. Gleichzeitig trägt er die Nesseltiere zu neuen Nahrungsgründen.

Eine Armee von Putzkräften
Für die Tourismusbranche sind die Landeinsiedlerkrebse eigentlich ein Segen. Sie sind nicht nur Hingucker für die Gäste, sondern halten auch den Strand sauber. Immer wieder findet man in Reportagen den Vergleich mit einer «Armee von Putzkräften»: Sie wird nachts tätig und befreit die Strände von Essensresten und angeschwemmtem organischen Material. Landeinsiedlerkrebse sind Allesfresser. Nahrung im Überfluss gibt es für sie auch dort, wo Restaurants ihre Essensreste oder Fruchtschalen am Strand oder in Strandnähe lagern.

Die Rolle der Landeinsiedlerkrebse als Saubermacher wird auch von Aquaristik-Fans geschätzt. So schreibt das Online-«Meerwasser-Lexikon»: «Einsiedler(krebse) stellen im Meerwasseraquarium eine wichtige Hilfe dar. Sie sind ein Teil der Gesundheitspolizei, indem sie einerseits Algen, andererseits auch Futterreste fressen. Einsiedler sollten unserer Ansicht nach immer in einer grösseren Stückzahl im Aquarium gehalten werden. Sie sind eine Art Vorsorge gegen mögliche Algenplagen».

Gleichzeitig ermahnt das Portal die Aquariumbesitzer, stets verschieden grosse Ersatz-Häuschen für die Tiere bereithalten, «denn die Häuschen wachsen nicht mit». Und auch an Klettermöglichkeiten muss in der Gefangenschaft gedacht werden. Sonst seien sie dafür anspruchslos und so zutraulich, dass sie ihren Besitzern mit der Zeit sogar aus der Hand fressen.  

Als schwierig bis unmöglich gilt jedoch die Zucht im Aquarium. Denn die Larven der Landeinsiedlerkrebse entwickeln sich von Natur aus planktonisch im Meer. Zudem lassen sich die Geschlechter bei in Schneckenhäusern sitzenden Tieren nicht unterscheiden.

Obwohl es in der Natur schon mal zu den erwähnten Rangeleien um das passende Häuschen kommen kann: Landeinsiedlerkrebse als friedlich – nicht nur in Gefangenschaft, sondern auch in ihrem angestammten Lebensraum: Von Thailand her haben sich vor allem in den Küstenbereiche des Indopazifiks angesiedelt. Die Friedfertigkeit trifft auf die Beziehungen untereinander sowie auf das Zusammenleben mit anderen Meeresbewohnern zu.

Gleichzeitig lieben die Tiere die Abwechslung: Wo immer die Möglichkeit besteht, baden sie gerne in Süss- und kurz darauf im Salzwasser.

Autor

Leo Niessner

Leo Niessner

Leo Niessner ist «Tierwelt»-Online-Redaktor, Social-Media-Manager und News-Feed-Leser. Er berichtet gerne über Flora und Fauna oder über Menschen, die sich um Flora und Fauna verdient machen, und schöpft in den Bergen Energie. Er mag Tiere. Und Musik. Am liebsten solche, in der Tiere vorkommen – zu hören in den Spotify-Listen zu jeder «Tierwelt»-Ausgabe, die er mit der Redaktion Woche für Woche zusammenstellt. Und ja, er spielt auch selber Musik. Sein grösster Traum: eine eigene «Arche Leo», in der alle Tiere dieser Welt Platz haben. Mit einem VIP-Sektor für bedrohte Arten.  

Kommentare (0)