Für Geier gibt es kein Aufatmen

Gänsegeier
Der Gänsegeier kommt auch in Spanien vor und wird von der IUCN noch als «nicht gefährdet» gelistet.
Pierre Dalous/CC BY-SA 3.0
Greifvögel in Bedrängnis
Geier sind die Gesundheitspolizei der Natur. Aber den Aasfressern geht es schlecht – viele stehen vor dem Aussterben. Schuld ist der Mensch.

Geier haben ein schlechtes Image, fehlt ihnen doch der Stolz eines Adlers oder die Eleganz eines Albatrosses. Mit starrem Blick auf die Erde kreisen Geier über Tierkadavern, um sich zu gegebener Zeit auf das Aas zu stürzen und es zu verspeisen.  

Gleich mehrere negativ besetzte Redewendungen rund um die mächtigen Greifvögel gibt es: «Hol's der Geier!» als Ausdruck der Verärgerung etwa oder, mit Blick auf die vermeintliche Gier der Tiere, «sich wie ein Geier auf etwas stürzen». Derlei Sprichwörter könnten bald obsolet werden: In weiten Teilen der Welt ist die Zahl der Geier so dramatisch geschrumpft, dass sie aussterben könnten.  

In Afrika und Asien etwa, wo die sogenannten Altweltgeier leben, sei ihre Zahl in den vergangenen Jahrzehnten um 95 Prozent zurückgegangen, hiess es vor wenigen Tagen bei einem Expertentreffen in der spanischen Stadt Toledo, bei dem ein Aktionsplan zur Rettung der Tiere ausgearbeitet wurde.  

Von den insgesamt 23 Geierarten sind 16 global bedroht. Vier asiatische und vier afrikanische Arten werden auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) bereits als «vom Aussterben bedroht» geführt.

Gründe für Ausrottung    
Zu ihrer Ausrottung tragen mehrere Faktoren bei. Der bei weitem verheerendste ist die – oft unabsichtliche – Vergiftung der Vögel. Geier nehmen etwa die Kadaver von vergifteten Hunden, Schakalen oder Hyänen auf, die vor allem in Afrika wegen der Gefahr, die sie für Haustiere darstellen, konsequent verfolgt werden. Oft stürzen sich gleich Dutzende Greifvögel verschiedener Arten auf ein verendetes Tier – und sterben dann selbst einen qualvollen Tod.  

Aber auch Wilderer, die eigentlich Elefanten und Nashörner jagen, machen den Geiern zu schaffen. Sie wollen verhindern, von Wildhütern entdeckt zu werden – und über einem toten Elefanten kreisende Geier könnten sie verraten. Deshalb präparieren sie die Tierkadaver mit Gift, um möglichst viele Geier gleichzeitig zu töten.  

Auch die «traditionelle Medizin» in Teilen Afrikas und Asiens trägt zum grossen Geiersterben bei. Die Ausmasse seien erschreckend, schreibt der deutsche Naturschutzbund (Nabu) auf seiner Webseite und zitiert Mark Anderson, den Direktor von BirdLife Südafrika: «Seit der Fussballweltmeisterschaft 2010 wird das Hirn von Geiern von Wettbesessenen gegessen, um den Ausgang eines Fussballspiels vorhersagen zu können und so den Einsatz von Wettgeld zu generieren.»

Auch in Europa bedroht  
Selbst in Europa sind Geier nicht sicher. So ist in Spanien und Italien – wo 80 Prozent aller europäischen Geier leben – seit einigen Jahren die Behandlung von Weidetieren wie Rindern und Schweinen mit dem Wirkstoff Diclofenac erlaubt.   Das Medikament hatte Mitte der 1990er Jahre in Indien ein Geier-Massensterben verursacht: Fast 99 Prozent des Gesamtbestands wurde vernichtet.  

Jetzt befürchten Experten Ähnliches in Europa. «Der Wirkstoff ist für Menschen ungefährlich, aber für Geier tödlich», warnte Juan Carlos Atienza von SEO/BirdLife nach dem Treffen in Toledo.  

«Spanien ist das letzte Land in Europa mit einer hohen Dichte an Geiern und jetzt ist auch dies kein sicherer Ort mehr für sie», sagte er und forderte die Regierung in Madrid auf, den Einsatz von Diclofenac umgehend zu unterbinden, zumal es geeignete unbedenkliche Alternativen gebe.

Massnahmen nötig  
«Drastische Massnahmen sind nötig, um dieser Notsituation zu begegnen», sagte Iván Ramírez, Leiter des Bereichs Naturschutz von BirdLife in Europa und Zentralasien. «Es handelt sich nicht nur um ganz wundervolle Tiere, die unbedingt erhalten werden müssen, sondern auch um die Gesundheitspolizei unserer Ökosysteme.»  

Denn ohne Geier würden viele Tierkadaver liegenbleiben. Das wiederum könnte ganze Ökosysteme destabilisieren und zudem zur Verbreitung von Krankheiten unter Tieren, aber auch Menschen beitragen.

Der neue Aktionsplan, der im Oktober in Manila verabschiedet werden soll, schlägt 100 Massnahmen für die nächsten zwölf Jahre vor, mit denen die Geier gerettet werden sollen. Dazu gehören vor allem strengere Gesetze und eine bessere Überwachung ihrer Einhaltung.

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