Gamer kennen die Natur besser

Pixel-Cowboy Arthur Morgan streift mit seinem Pferd durch die Prärie.

Pixel-Cowboy Arthur Morgan streift mit seinem Pferd durch die Prärie.

Screenshot «Red Dead Redemtion 2»

Als digitaler Cowboy durch die Prärie
Wer die Natur kennenlernen will, sollte vor die Haustür treten. Oder aber, so ein englisches Forscherteam, als digitaler Cowboy im Video-Game «Red Dead Redemption 2» durch die Prärie reiten.

Arthur Morgan ist ein ziemlich cooler Cowboy. Im 2018 erschienenen Videospiel «Red Dead Redemption 2» ballert er sich als Mitglied einer recht ruppigen Diebesbande durch einen fiktiven Wilden Westen, überfällt Postkutschen und geht Plantagenbesitzern an den Kragen.

Das Spiel, ein riesiger Erfolg sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum, geizt nicht mit Brutalität, wenn man es so spielt, wie es vom Entwickler vorgesehen ist. Man kann es aber auch ganz anders spielen. Einfach auf dem Pferderücken durch die atemberaubend hübsche Landschaft reiten zum Beispiel. Oder am See angeln und in den Wäldern auf die Jagd gehen. Oder einfach von einem Aussichtsturm aus die hiesige Vogelwelt beobachten. Denn so fiktiv die Welt im Spiel «RDR2» ist, so echt ist seine Fauna. Es gibt Schwarzbären, Weisskopfseeadler, Grauhörnchen oder Klapperschlangen.

Video: Ein Ausschnitt aus «Red Dead Redemption 2»

Die Entwickler haben Ihre Hausaufgaben gemacht

Natürlich ersetzt ein Nachmittag vor der Spielkonsole keinen Ausflug in die richtige Natur, aber wer ohne ein Flugticket zu lösen und ein paar Wochen dranzugeben mal kurz in die nordamerikanische Tierwelt eintauchen möchte, kommt hier schon ziemlich nahe an die Realität heran. Insgesamt sind fast 200 Arten im Spiel vertreten, allesamt sind sie äusserst lebensecht animiert und in ihrem natürlichen Habitat zu finden. Und sie interagieren miteinander: Wölfe reissen Hirsche im Wald, Adler stürzen sich ins Wasser und erbeuten mit den Krallen einen Fisch. Die Entwickler haben ihre Hausaufgaben eindeutig gemacht.

Das bestätigt nun auch eine Studie, durchgeführt von einem Team um Edward J. Crowley von der Universität im britischen Exeter. Crowley hat mit knapp 600 Internetnutzern ein «Tierquiz für Gamer» durchgeführt. Wie bei diesem Titel vielleicht zu erwarten, war die Mehrheit der Teilnehmenden jung und männlich; rund zwei Drittel hatten das Wildwest-Videospiel schon gespielt.

Häufige Tiere werden erkannt

In dem Quiz haben die Forschenden echte Fotos von 15 Tieren gezeigt, die auch im Spiel vorkommen, und zu jedem fünf Antwortmöglichkeiten. Dabei hat sich herausgestellt, dass Teilnehmer, die «RDR2» zuvor gespielt hatten, im Durchschnitt 10 richtige Antworten abgaben. Wer das Spiel noch nicht kannte, punktete im Schnitt nur 7-mal.

Insbesondere diejenigen Tiere, so Crowley, die im Spiel besonders häufig anzutreffen waren, etwa Huftiere, die gerne gejagt, oder Fische, die oft geangelt werden, seien deutlich öfter von den Spielern erkannt worden als von den anderen Teilnehmenden. Kein Wunder: Wer einen Schwarzbarsch angelt, bekommt dessen genauen Artnamen bei jedem Fang prompt auf den Bildschirm.

Erkennen Sie alle Tiere im Video?

Das Forscherteam schlussfolgert aus seiner Studie, dass Videospiele mit einer simulierten Natur Spielern durchaus dabei helfen können, mehr über Verhalten und Ökologie von Tieren zu lernen. Allerdings schränken sie auch ein, dass es sich zumindest bei «Red Dead Redemption 2» nicht um ein Lehrmittel handelt, sondern um ein Spiel, dessen Ziel es ist, zu unterhalten.

So seien die Tiere so programmiert, dass man sie viel einfacher und häufiger zu Gesicht bekommt, als das im echten Leben der Fall wäre. Und gerade Raubtiere wie Pumas oder Alligatoren seien viel aggressiver als in echt und würden die Spielfigur gerne mal aus dem Nichts angreifen. Das bilde ein verzerrtes Bild der Realität ab und führe im schlimmsten Fall sogar dazu, dass wir mehr Angst als nötig vor Raubtieren haben und sie deshalb lieber tot als lebendig sehen würden.

Andere Videospiele mit realistischen Tieren

«Away» ist gerade erst vor einer Woche erschienen und lässt den Spieler in den Körper eines Kurzkopfgleitbeutlers schlüpfen. Das ist eine Art australisches Flughörnchen, das auf Bäume klettert, seine Arme spreizt, abspringt und mit einer Art Wingsuit durch die Wälder gleitet. Die Macher sagen, das Spiel sei inspiriert durch Naturdokumentationen und zum Platzen voll von Leben — vom winzigen Insekt bis zum übermächtigen Räuber, der der Spielfigur ans Leder will.

www.awayseries.com

«Planet Zoo» ist die vielleicht einfachste Methode, zum Zoodirektor zu werden — wenn auch nur auf dem Computerbildschirm. Etwas mehr als 100 Zootiere — vom Pfeilgiftfröschchen bis zum Indischen Elefanten — können hier in passende Gehege gesteckt werden, jedes von ihnen mit realistischen Bedürfnissen an Platz, Futter, Gesellschaft und Unterhaltung. Das klingt nach viel Arbeit, ist aber überraschend zugänglich, auch für junge Zoodirektorinnen.

www.planetzoogame.com

Video: Planet Zoo

«Niche» ist optisch nicht halb so realistisch wie andere Videospiele, aber es gibt einen spannenden Einblick in Evolution und Genetik. Knuffige Luchs-Hasen-Fantasieviecher entwickeln sich dank Spieler-Entscheidungen immer weiter, bekommen Geweihe, werden schneller, springen höher – mit dem einzigen Ziel, über möglichst viele Generationen zu überleben und weder zu erfrieren oder zu verhungern noch gefressen zu werden. Entwickelt vom Schweizer Entwicklungsstudio Stray Fawn.

www.niche-game.com

Autor

Matthias Gräub

Matthias Gräub

Matthias Gräub kümmert sich bei der «Tierwelt» um die Wildtiere. Wenn er nach Feierabend davon noch nicht genug hat, geht er seinen Tierlidrang mit Zoobesuchen, Waldspaziergängen und Wanderungen in der Natur nach. Könnte er auswählen, bestünden seine Berner Stadtmusikanten aus Alpaka, Luchs, Laufente und Nacktmull. Das gäb ein Konzert!

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