Gemeinsame Erziehung macht Primaten selbstlos

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Forschung
Schimpansen tun es nie, Menschen dafür sehr oft – und Krallenäffchen trotz bescheidener Intelligenz ebenso: Sie stehen Artgenossen spontan und unaufgefordert bei und teilen auch ihr Futter mit ihnen.

Es ist nicht die Gehirngrösse, die entscheidet, wie selbstlos sich Primaten untereinander verhalten. Während etwa Schimpansen, die dem Menschen in Sachen Intelligenz am meisten ähneln, nur selten altruistisch handeln, ist selbstloses Handeln bei Löwenäffchen gang und gäbe, obwohl sie über ein deutlich kleineres Gehirn verfügen.

Ein internationales Forscherteam mit Schweizer Beteiligung hat nun den Faktor identifiziert, der den Unterschied ausmacht: Es ist die gemeinsame Jungenaufzucht, wie das Team um Judith Burkart vom Anthropologischen Institut und Museum der Universität Zürich im Fachjournal «Nature Communications» berichtet.

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 Das Weissbüscheläffchen rechts verhilft seinem Artgenossen zu Futter.
 Bild: Judith Burkart

Dies fanden die Wissenschaftler mit Hilfe einer ausgeklügelten, standardisierten Testeinrichtung heraus. Insgesamt beobachteten sie das Verhalten von 24 Sozialverbänden bei insgesamt 15 verschiedenen Primatenarten, sowie bei Kindergartenkindern im Alter von vier bis sieben Jahren.

Die Versuchsanordnung bestand aus einem Brett, auf das die Forscher Leckerbissen legten. Mit einem Griff konnte dieses Brett in Reichweite des Käfigs gezogen werden. Für den Versuch mit den Kindern war das Brett in einer Plexiglasbox eingeschlossen. Die Belohnung war für das Tier oder Kind, das den Griff betätigte, ausser Reichweite.

Die Forschenden erfassten nun, wie oft Individuen jeder Art den Hebel für ihre Artgenossen betätigten, obwohl sie dabei leer ausgingen.

Menschen und Löwenäffchen am selbstlosesten 
Es zeigten sich markante Unterschiede zwischen den Primatenarten: «Menschen und goldene Löwenäffchen handelten hochgradig altruistisch und ermöglichten den anderen Gruppenmitgliedern nahezu immer, an die Leckerbissen zu gelangen», erklärte Burkart in einer Mitteilung der Universität Zürich.

«Schimpansen dagegen taten dies nur sporadisch.» Andere Primatenarten, wie zum Beispiel Varis und Kapuzineraffen, betätigten den Griff, der einem anderen Gruppenmitglied Futter spendete, überhaupt nicht (siehe Video unten). Dabei verfügen gerade Makaken, zu denen die Bartaffen gehören, über hohe kognitive Fähigkeiten.


Kapuzineraffen kooperieren nicht. Video: YouTube/SNFinfo

Bisherige Erklärungen für spontanes altruistisches Verhalten bei Primaten reichten von den kognitiven Fähigkeiten, der Gehirngrösse, sozialer Toleranz, der gemeinschaftlichen Futtersuche bis zu starken Männchen-Männchen-, Weibchen- Weibchen- oder Paarbindungen in den Gruppen.

Pflegemutterverhalten
Wie die neuen Daten zeigen, liefern all diese Faktoren keine zuverlässigen Vorhersagen, ob sich eine Primatenart uneigennützig verhalten wird oder nicht. Der einzige Faktor, den altruistische Primaten und Menschen gemeinsam hatten, war die gemeinschaftliche Aufzucht des Nachwuchses.

«Spontanes selbstloses Verhalten findet man ausschliesslich bei Arten, bei denen Jungtiere nicht allein von der Mutter, sondern auch von anderen Gruppenmitgliedern wie Geschwistern, Vätern, Grossmüttern, Tanten und Onkeln betreut werden», sagte Burkart.

Dies werde auch als «Pflegemutterverhalten» bezeichnet. Beim Menschen sei dieses sehr ausgeprägt und unterscheide ihn grundlegend von den Menschenaffen, sagte die Anthropologin. Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass die gemeinschaftliche Aufzucht der Jungen auch die hochgradige Kooperationsfähigkeit begünstigte, die dem Menschen eigen ist.

«Als unsere menschenartigen Vorfahren begangen, ihren Nachwuchs gemeinschaftlich aufzuziehen, legten sie damit die Basis für unseren Altruismus und unsere Hyper-Kooperation», erklärte Burkart.

Originalpublikation:
J. M. Burkart, O. Allon, F. Amici, C. Fichtel, C. Finkenwirth, A. Heschl, J. Huber, K. Isler, Z. K. Kosonen, E. Martins, E. Meulman, R. Richiger, K. Rueth, B. Spillmann, S. Wiesendanger & C. P. van Schaik (2014). The evolutionary origin of human hyper-cooperation. Nature Communications 5:4747
doi: 10.1038/ncomms5747

Und dann wären da noch die Makaken, die für Slapstick sorgen: Kooperation ist zwar vorhanden, das Futter wird dem Nutzniesser allerdings nicht gegönnt. Video: YouTube/SNFinfo

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