Genial angepasst

Bergpieper

Der Bergpieper (Anthus spinoletta) lebt oberhalb der Baumgrenze. Logischerweise hat er dort keine Bäume zum drin nisten. Also versteckt er seine Eier im Schutz von Gras und Steinen.

Harsche Bedingungen
Tiere in den Bergen müssen sich besonders gut an die äusseren Umstände anpassen. Tun sie das, lebt es sich in luftigen Höhen aber ganz gut.

Wer auf seiner Bergwandertour einmal einen richtigen Älpler gesehen hat, weiss: Dort oben sind knorrige, bodenständige Typen gefragt. Was für den Menschen gilt, gilt für Tiere schon lange. Und so haben sich im Laufe der Jahrmillionen Säugetiere, Insekten, Vögel und Pflanzen an das harsche Leben in den Bergen angepasst. Wer Wind, Schnee und Kälte trotzt, hat einen grossen Vorteil: Er muss sich nicht vor Konkurrenten fürchten.

Einige Beispiele von besonders angepassten Alpenbewohnern:

Die offensichtlichste Anpassung des Alpenschneehuhns (Lagopus muta) ist seine Gefiederfarbe, die sich – je nach Jahreszeit – seiner Umgebung anpasst. Im Winter ist es schneeweiss, im Frühling sprenkeln sich braune Flecken ein und im Herbst, wenn auch auf mehr als 2500 Metern fast der ganze Schnee geschmolzen ist, zuckelt das Huhn steingrau über die Geröllfelder.

Das Alpenschneehuhn hat aber noch mehr zu bieten: Dank gefiederten Zehen vergrössert es seine Auftrittsfläche und sinkt so kaum im Schnee ein. Zum Überwintern gräbt es sich in einer Schneehöhle ein. Das klingt nach einem kühlen Bett, ist aber wesentlich wärmer und angenehmer als die Temperaturen draussen.

Der Alpensalamander (Salamandra atra) ist als einziges Amphib nicht zwingend auf Wasser angewiesen, um sich fortzupflanzen. Zum Glück, denn in Höhen von bis zu 2400 Metern sind selten anständige Tümpel zu finden. Statt wie üblich für Amphibien ins Wasser abzulaichen, behält das Salamanderweibchen seine Brut bei sich im Bauch.

Dort drin schlüpfen nur gerade ein oder zwei der Jungtiere aus ihren Eiern aus, die anderen Eier dienen den glücklichen Schlüpflingen als Nahrung – bis zu zwei Jahre lang. Erst dann sind die kleinen Kannibalen etwa vier Zentimeter gross und stark genug, um an Land auf eigene Faust zu überleben.

«Die Leute haben immer das Gefühl, das Überleben in den Bergen habe mit Sauerstoff und Sonnenstrahlen zu tun», sagt Schmetterlingsexperte Jürg Schmid. «Dabei ist der entscheidende Faktor die Temperatur.» Deshalb haben sich Gebirgs-Schmetterlinge so angepasst, dass sie immer warm genug haben. Und das geht am besten ganz in Bodennähe, zwischen von der Sonne aufgeheizten Steinen, auf Polsterpflanzen, die Wärme speichern. Einige Sommervögel verzichten sogar auf das, was sie eigentlich überhaupt auszeichnet. Die Weibchen der Gespinstmotte Kessleria burmanni beispielsweise hat sich das Fliegen abgewöhnt. Seine Flügel sind stark verkürzt, «damit sie ihre ganze Energie in die Eiproduktion stecken kann», vermutet Schmid. Das Männchen derweil hat voll ausgebildete Flügel und geht von Pflanzenpolster zu Pflanzenpolster auf Begattungstour.

Der König der Berge ist vor allem ein Kletterkünstler. Zwar ist sein Körper gut an die karge Vegetation in den Bergen angepasst. Sein dickes Winterfell isoliert den Steinbock (Capra ibex) perfekt gegen kalte Zugluft. Und er schafft es wiederkäuend, den letzten Rest Nährwert aus den mageren Berggräsern zu saugen und sich erst noch eine Fettreserve für den Winter anzufressen.

Waghalsiges Steingitzi erklettert eine Staumauer, um an Salz zu kommen

Ohne seine Trittsicherheit in den steilsten Hängen würde ihm das alles aber wenig bringen. Dank harter Hufkanten kann er sich in die kleinsten Felsritzen einhängen; seine weichen Fussballen wiederum sorgen für einen Rutschstopp, als wäre er auf Gummisohlen unterwegs. Die Kombination ermöglicht ihm, schneefreie Steilhänge nach Grasbüscheln zu durchforsten, während der Rest der Landschaft zugeschneit ist.

Der Gegenblättrige Steinbrech (Saxifraga oppositifolia) ist europaweit die höchstwachsende Blütenpflanze. Auf mehr als 4500 Metern, auf dem Gipfel des Dom in den Walliser Alpen wurde er gefunden – zusammen übrigens mit Springschwänzen und Milben, ihrerseits rekordverdächtige tierische Gipfelstürmer. Wie alle Pflanzen in grossen Höhen nutzt der Steinbrech windgeschützte Nischen zwischen Felsen, um es etwas wärmer zu haben.

Noch viel weiter oben halten es Moose und Flechten aus. Die Fransen-Nabelflechte (Umbilicaria cylindrica) etwa wächst auch im Himalaya, auf mehr als 7000 Metern. Die Lebensform, zusammengesetzt aus Pilz und Alge, hat eine dunkle Oberfläche, die jeden Sonnenstrahl speichert. Wird es ihr zu kalt oder sogar mal zu warm, fährt sie notfalls monatelang auf Standby und wartet, bis die Verhältnisse wieder besser sind, um wieder «aufzuwachen».

Ausstellung in Winterthur

Das weisse Tarnkleid des Alpenschneehuhns, das körpereigene Frostschutzmittel der Bergeidechse, die zwei Jahre dauernde Entwicklungszeit des Kleinen Scheckenfalters: So anfällig Berg-Spezialisten auf Klimaveränderungen und auf Konkurrenzsituationen sind, so perfekt sind ihre Anpassungen an die harschen Bedingungen, die ihnen ihr Lebensraum bietet. Eine sehenswerte Sonderausstellung, ursprünglich konzipiert für das Bündner Naturmuseum in Chur, ist zurzeit zu Gast im Naturmuseum Winterthur. Sie nimmt den Besucher mit in die Schweizer Alpen und zeigt, was dort lebt – und vor allem: wie.

«Gipfelstürmer und Schlafmützen –Tiere und Pflanzen im Gebirge», im Naturmuseum Winterthur, noch bis am 8. November 2020.

Autor

Matthias Gräub

Matthias Gräub

Matthias Gräub kümmert sich bei der «Tierwelt» um die Porträts. Weil er dort mehr mit Menschen als mit Tieren zu tun hat, kompensiert er seinen Tierlidrang mit Zoobesuchen, Waldspaziergängen und Wanderungen in der Natur. Könnte er auswählen, bestünden seine Berner Stadtmusikanten aus Alpaka, Luchs, Laufente und Nacktmull. Das gäb ein Konzert!

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