Grosse Touren für kleine Schmetterlinge

Insekten
Die meisten der rund 3000 Kleinschmetterlinge sind klein und unspektakulär. Der Ilanzer Jürg Schmid hat sie während 15 Jahren in seiner Freizeit erforscht; zu 383 Arten hat er jetzt ein umfassendes Werk vorgelegt.

Als Berggänger nimmt man die Kleinschmetterlinge kaum wahr – anders als die grossen «Brüder» Schwalbenschwanz oder Apollofalter. Dabei machen die Tagfalter gerade einmal fünf Prozent aller Schmetterlingsarten der Schweiz aus. 40 Prozent sind dagegen Nachtfalter und die restlichen 55 Prozent Kleinschmetterlinge (oder Motten). «Über die Entwicklungszyklen der alpinen Kleinschmetterlinge wissen wir nach wie vor wenig – über ihren Lebensraum, ihre Nährpflanzen, oder wie die Raupe aussieht», sagt der Ilanzer Schmetterlingsexperte Jürg Schmid.

Viele Kleinschmetterlinge, von denen die kleinsten wie die Zwergminiermotte nur drei bis fünf Millimeter Flügelspannweite messen, leben im Verborgenen. Viele weisen unter den extremen Bedingungen der Bergwelt ungewöhnliche Lebensformen auf. Die Raupen einiger Mottenarten brauchen zum Beispiel zwei bis drei Jahre, bis ein Falter daraus wird. Der Falter lebt gerade einmal 10 oder 14 Tage. In dieser Zeit muss er einen Partner finden und Eier legen, damit der Lebenszyklus weitergeht. «Mich beeindruckt das jedes Mal wieder von Neuem», sagt Schmid.

Nun hat der Freizeitforscher ein umfassendes Werk zu 383 alpinen Kleinschmetterlingen vorgelegt, was etwa 15 Prozent der rund 3000 Kleinschmetterlingsarten entspricht. 15 Jahre lang hat er für das Werk geforscht, ist unzählige Male «z’Berg» gegangen, bis hinauf an die Gletscher und Gipfel. Von den Dolomiten bis zum Mont-Blanc-Massiv war er unterwegs, vornehmlich aber im Schweizer Alpenraum. An unwirtlichen Plätzen hat er die Insekten gefunden, unter sonnengewärmten Steinen oder an Pionierpflanzen in Gletschervorfeldern.

Wenn er unterwegs einen Falter entdecke, den es nur an zwei oder drei Orten des ganzen Alpenbogens gebe, oder eine Art, die letztmals vor 100 Jahren in der Schweiz gesichtet wurde, dann sei das schon ein besonderes Glücksmoment, bekennt Schmid. Bei jeder Neuentdeckung verspüre er eine «unbändige Freude, sei es ein Falter, eine Raupe oder ein Habitat», schreibt er im Vorwort seines 800-seitigen Kompendiums. Manche Artenfunde sind ihm «auf gut Glück» und durch aufmerksame Beobachtung der Habitate gelungen.

13 Hochtouren für einen Spanner
Schmid zählt mittlerweile zu den besten Schmetterlingskennern im Alpenraum. Sein Werk enthält 50 Erstnachweise alpiner Kleinschmetterlinge für die Schweiz. Ausserdem hat er im Jahr 2011 eine für die Wissenschaft gänzlich neue Art gefunden, die Palpenmotte (Teleiopsis laetitiae). Ferner gelang es ihm, rund 150 Arten von Raupen zu bestimmen, die die Fachwelt zuvor keiner Mottenart zuordnen konnte. Gelungen sei ihm dies durch einen «Trick», gesteht Schmid. Er fütterte die Raupen zu Hause in Ilanz in einer Vitrine mit dem ihnen passenden Nährsubstrat und fotografierte dann das Schlüpfen des Falters. Im Fotostudio im Keller entstanden zudem die meisten Fotos von Eiern, Raupen und Schmetterlingen. Das sieht man den Bildern aber gar nicht an.

In der Regel ging Schmid auf den alpinen Exkursionen so vor: Er fing ein Weibchen mit dem Netz und nahm es heim, wo es in der Zuchtvitrine die winzigen Eier legte. «Entscheidend ist dabei, die richtige Nährpflanze zu finden, die das Weibchen zum Eierablegen braucht.» Das sei nicht immer einfach; manchmal lege er daher gleich vier oder fünf Pflanzenarten ins Glas, um sicher zu sein, dass eine die richtige ist. Dann knipst er die verschiedenen Stadien der Metamorphose: das Werden der Raupen aus den Eiern, Verpuppung, Schlüpfen der Motten. Anschlies­send betäubt und tötet er die Tiere und legt sie als wissenschaftlichen Beleg in Glaskästen ab. «Es ist meine Fachbibliothek.»

Die Nachforschungen erfolgten quasi nebenbei, in der Freizeit, wobei seine Familie ihn bei seiner Arbeit immer sehr unterstützte; darüber sei er glücklich, sagt Schmid. Für die Forschungen scheute er keinen Aufwand: Für den Nachweis des äusserst seltenen Gletscherspanners (Psodos wehrlii), der nur in der Gegend um Zermatt vorkommt, unternahm er vergangenen Sommer insgesamt 13 Hochtouren. «Zwölf Touren waren quasi umsonst», verrät er lachend, «erst auf der dreizehnten fand ich ihn auf 3450 Metern am Matterhorn.» Der 1918 von Eugen Wehrli erstmals beschriebene Gletscherspanner ist der einzige Falter, der auf dieser Höhe lebt. Da es sich um einen Grossschmetterling handelt, kommt er allerdings nicht in Schmids Werk vor.

Die Suche nach neuen Arten geht für Schmid weiter. Er wird auch im kommenden Bergfrühling wieder ausschwärmen, von seiner grossen Leidenschaft beflügelt. Und das ist für die Forschung wichtig. Denn die intensive Berglandwirtschaft und der Tourismus setzen Kleinschmetterlingen zu. Lediglich in hochalpinen Zonen blieben sie unbehelligt. Doch auch die Klimaveränderung sorgt für Dynamik. Für Schmid wäre es wichtig, dass Kleinschmetterlinge in Landschafts- und Naturinventaren vermehrt als wertvolle Indikatorarten berücksichtigt würden. Er selbst hat mit seinem Buch dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.

Cover Kleinschmetterlinge der Alpen

Ein Gewaltswerk
In Jürg Schmids Kleinschmetterlingswerk sind 383 Arten auf je einer Doppelseite mit ihren Lebenszyklen, ihrer Verbreitung und ihrem jeweili­- gen Biotop porträtiert. 3700 erstklassige Fotos machen die Lektüre zum Vergnügen. Das Werk hat wissenschaftlichen Anspruch. Eine Art im Buch zu finden, die man auf einer Bergwanderung fotografiert hat, ist daher mit gewissem Aufwand verbun- den; man muss über ein Vorwissen verfügen. Die 37 Familien, denen die 383 Arten angehören, sind in Latei- nisch aufgeführt. Jeder Familie ist eine Farbe zugeordnet, mit der man sie im Buch rasch findet. Anhaltspunkte liefert das Kurzschema, das jeweils jede Art nach Meereshöhe, Monat des Vorkommens und Flügelspannweite charakterisiert.

Jürg Schmid: «Klein­schmetter­linge der Alpen»,
gebunden, 800 Seiten,
Haupt Verlag,
ISBN: 978-3-258-08132-8,
ca. Fr. 98.

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