Halb Männlein, halb Weiblein

kardinal-gynandromorph.jpg
Screenshot
Geteilter Vogel
Bei einigen Insekten, Krebsen und bei Vögeln kann es vorkommen, dass ein Tier auf der einen Seite männlich und auf der anderen Seite weiblich ist. Wie kann es damit leben?

Eines kalten Morgens Anfangs dieses Jahres staunte Shirley Caldwell nicht schlecht über das, was sie da an ihrem Vogelhäuschen in Erie, im US-Staat Pennsylvania erblickte. Es war ein Rotkardinal, doch zeigte er nur auf der rechten Hälfte das charakteristische zinnoberrote Gefieder des Männchens. Die linke Seite war hellbraun wie ein Weibchen – und die Trennlinie verlief genau durch die Mitte. Caldwell und ihr Mann füttern seit 25 Jahren Vögel. Doch so etwas haben sie noch nie gesehen. «Es ist ein einmaliges Erlebnis», sagt Caldwell in der «New York Times»

Was Caldwell beobachtet hat, ist ein Fall von Gynandromorphismus. Das bedeutet, dass ein Tier Zellen hat, die weiblich sind und solche, die männlich sind. Das Phänomen ist auch von Insekten wie Schmetterlingen und von Krebstieren bekannt. Gynandromorphismus sei selten, komme aber wahrscheinlich bei allen Vogelarten vor, sagt Daniel Hooper vom renommierten Vogelforschungsinstitut Cornell Lab of Ornithology gegenüber dem «National Geographic». Bei Kardinälen falle die Anomalie aufgrund der grossen äusserlichen Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen einfach mehr auf. 

Um die Entstehung von Gynandromorphismus zu verstehen, muss man wissen, wie bei Vögeln die Geschlechtsbestimmung funktioniert. Während bei den Menschen das weibliche Geschlecht durch die Chromosomen XX und das männliche durch XY bestimmt wird, ist es bei den Vögeln umgekehrt. Dort sind es nämlich die Weibchen, die zwei unterschiedliche Chromosomen besitzen: ZW. Bei den Chromosomen ZZ dagegen entsteht ein Männchen.    

hauhechel-blaeuling-gynandromorph.jpg
Ein gynandromorpher Hauhechel-Bläuling.
  Bild: Burkhard Hinnersmann/CC BY-SA 3.0

Das Vogelweibchen produziert Eizellen, die entweder ein Z- oder ein W-Chromosom in sich tragen. Die einzelnen Spermien eines Männchens tragen jeweils ein Z-Chromosom, bei der Befruchtung entstehen männliche oder weibliche Embryonen. Wie Hooper erklärt, könnte es sein, dass durch einen Fehler in der Zellteilung ein Weibchen eine Eizelle mit beiden Chromosomen, Z und W, produziere. Diese Eizelle wird dann zweimal befruchtet, von zwei separaten Z-Spermien. Das Resultat: ein gynandromorpher Embryo. Weil sich bei Wirbeltieren die Embryos bilateral symmetrisch entwickeln, verläuft die Trennlinie zwischen der männlichen und der weiblichen Hälfte genau in der Mitte. Und was die Sache noch verrückter macht: Die beiden Hälften sind genetisch gesehen Bruder und Schwester!      

«Die meisten solcher Individuen sind unfruchtbar», sagt Hooper. Shirley Caldwells Kardinal könnte aber eine Ausnahme sein. Denn bei ihm (oder ihr) ist die linke Seite weiblich – und bei allen Vogelweibchen ist nur der linke Eierstock funktional. Er oder sie könnte sich also zumindest theoretisch fortpflanzen.    

Halbes Balzerverhalten
Doch für einen solchen Vogel kommen noch weitere Schwierigkeiten dazu. Er ist nicht nur äusserlich männlich und weiblich, sondern hat auch ein halb-männlich-halb-weibliches Gehirn. Und im Gehirn werden viele geschlechtsspezifische Verhaltensweisen gesteuert. Dies fanden Forscher schon 2003 heraus, am Beispiel eines gynandromorphen Zebrafinken. So spielen bei Säugetieren die Hormone eine wichtige Rolle, sowohl in der Entwicklung der Geschlechtsteile als auch in der Beeinflussung des Verhaltens. Bei Vögeln, so glaubten die Forscher nach Untersuchung des zweigeteilten Zebrafinken-Gehirns, sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den Genen eingeprägt. Hormone spielen nur eine untergeordnete Rolle.      

Das bedeutet, dass unser armer Kardinal höchstwahrscheinlich weder die männlichen noch die weiblichen Balzrituale richtig beherrscht und so keinen Partner finden kann. Wahrscheinlich singt er nicht wie ein «richtiges» Männchen und ist daher nicht attraktiv für die Weibchen. 2014 beobachtete der Forscher Brian Peer einen ebenfalls zweigeteilten Rotkardinal über mehrere Wochen – weder sang er jemals, noch wurde er jemals in Gesellschaft eines anderen Vogels gesehen.      

Wie es in Pennsylvania weiterging, ist leider unbekannt. Shirley Caldwell berichtete im Januar, sie habe öfters ein Rotkardnialmännchen «ihren» besonderen Vogel umschwärmen sehen. Jetzt allerdings, wo die Brutzeit schon begonnen hat, scheinen sie weitergeflogen zu sein. «Ich hoffe, es geht ihnen gut», schreibt Caldwell auf Facebook. «Hoffentlich sehe ich sie sie eines Tages wieder.»  

zebrafink-gynandromorph.jpg

Halbes Balzerverhalten
Doch für einen solchen Vogel kommen noch weitere Schwierigkeiten dazu. Er ist nicht nur äusserlich männlich und weiblich, sondern hat auch ein halb-männlich-halb-weibliches Gehirn. Und im Gehirn werden viele geschlechtsspezifische Verhaltensweisen gesteuert. Dies fanden Forscher schon 2003 heraus, am Beispiel eines gynandromorphen Zebrafinken.

So spielen bei Säugetieren die Hormone eine wichtige Rolle, sowohl in der Entwicklung der Geschlechtsteile als auch in der Beeinflussung des Verhaltens. Bei Vögeln, so glaubten die Forscher nach Untersuchung des zweigeteilten Zebrafinken-Gehirns, sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in den Genen eingeprägt. Hormone spielen nur eine untergeordnete Rolle.      

 

Das bedeutet, dass unser armer Kardinal höchstwahrscheinlich weder die männlichen noch die weiblichen Balzrituale richtig beherrscht und so keinen Partner finden kann. Wahrscheinlich singt er nicht wie ein «richtiges» Männchen und ist daher nicht attraktiv für die Weibchen. 2014 beobachtete der Forscher Brian Peer einen ebenfalls zweigeteilten Rotkardinal über mehrere Wochen – weder sang er jemals, noch wurde er jemals in Gesellschaft eines anderen Vogels gesehen.

Wie es in Pennsylvania weiterging, ist leider unbekannt. Shirley Caldwell berichtete im Januar, sie habe öfters ein Rotkardnialmännchen «ihren» besonderen Vogel umschwärmen sehen. Jetzt allerdings, wo die Brutzeit schon begonnen hat, scheinen sie weitergeflogen zu sein. «Ich hoffe, es geht ihnen gut», schreibt Caldwell auf Facebook. «Hoffentlich sehe ich sie sie eines Tages wieder.»  

Autor

Meret Signer

Meret Signer

Meret Signer ist «Tierwelt»-Online-Redaktorin, Biologin und Ornithologin. Genau so sehr wie Vögel liebt sie aber ihre flauschige Katze Redi, weswegen sie oft im Dilemma ist. Während Redi jedoch lieber zuhause faulenzt als auf die Jagd zu gehen, wandert Meret durch die Gebirge dieser Welt. Immer mit dabei: ihr Feldstecher.

Kommentare (0)