Harte Zeiten für Schweizer Schwäne

Schwaenefuettern
Schwäne füttern ist schön, kann aber auch zu Problemen führen.
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Fütterungsverbote
Welches Kind liebt es nicht, Schwänen Brot zu geben? Doch in der Schweiz hat übermässige Fütterung mancherorts zu so dichten Beständen der Tiere geführt, dass Massnahmen ergriffen werden.

Die eleganten Höckerschwäne sind kaum wegzudenken aus den Schweizer Gewässern. Wohl kaum ein Spaziergänger, der sie heute beobachtet oder gar füttert, ist sich bewusst, dass die Schwäne eigentlich eingeschleppte Vögel sind. Ursprünglich waren sie einzig in Nordosteuropa und in Teilen Asiens daheim. Schon im Mittelalter hielt man Schwäne aber in der Schweiz als schmückende, elegante Ziervögel in Parks. Von dort breiteten sie sich im ganzen Land aus.

Wie viele Höckerschwäne es in der Schweiz gibt, ist gemäss Michael Schaad von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach schwer zu sagen: «Schweizweit haben wir momentan etwa 450 Brutpaare. Dazu kommen aber noch zahllose Vögel, die nicht brüten.» Schätzungen zufolge überwintern in der Schweiz rund 6500 Höckerschwäne – viele kommen aus Nord- und Osteuropa und verlassen im Frühling die Schweiz wieder Richtung Heimat.

Brot im See entsorgt 
Heute gibt es kaum einen See oder Fluss, an dem sich nicht Höckerschwäne drängen, wenn ihnen Spaziergänger altes Brot verfüttern. Grundsätzlich wäre gegen kleine Mengen Brot nichts einzuwenden. Mancherorts führt das intensive Füttern aber zu regelrechten Schwanenversammlungen – und diese wiederum zu Problemen. In den Kantonen Nid- und Obwalden etwa sind die Schwanenbestände so hoch geworden, dass die Schäden für die betroffenen Bauern nicht mehr zumutbar waren. «Einige Menschen bringen ziemliche Mengen Brot an den See, das artet manchmal gar in einer Art Entsorgung aus», sagt Peter Lienert, Leiter des Amtes für Wald und Landschaft im Kanton Obwalden. In Nidwalden geht es um einen Bestand von rund 40 Schwänen, in Obwalden um eine Population von gegen 70 Tieren.

Die beiden Kantone wollen nun die umstrittenen Schwanenbestände am Vierwaldstättersee, am Alpnacher-, Wichel- und Sarnersee im Laufe mehrerer Jahre halbieren. Zentrale Massnahmen dabei sind ein Fütterungsverbot, das nicht allen Spaziergängern gleichermassen behagt, und das Anstechen von Eiern in Schwanengelegen.

Kot schadet Gras
«Das Füttern führt zu sehr hohen Beständen. Aus biologischer Sicht ist es unnötig, es sei denn, es herrscht gerade ein Jahrhundertwinter», sagt Bettina Erne, Mitarbeiterin in der Sektion Waldbiodiversität und Wildtiere am Bundesamt für Umwelt (BAFU). «Die Schwäne werden ortsgebundener und das Risiko von Krankheits­übertragungen steigt mit wachsender Vogeldichte.» Zudem führe Fütterung zu einseitiger Ernährung. Die normale Bestandsdichte des Höckerschwans ist am See etwa 0,2 Schwäne pro Hektar. 

Bereits gute Erfahrungen mit Fütterungsverboten gemacht haben die Behörden am Flachsee im Kanton Aargau. Dort drängten sich die Schwäne aufgrund des von den Spaziergängern so grosszügig vermehrten Nahrungsangebotes derart, dass die Bauern das Gras der angrenzenden Wiesen nicht mehr an ihre Tiere verfüttern konnten – so stark verkotet war es. Informationstafeln schafften Abhilfe. Roland Koch, Aufseher des Reservats am Flachsee, berichtet: «Wir haben zurzeit etwa 15 Schwäne, früher waren es gegen 60.»

Zusätzlich zum Fütterungsverbot versucht Koch – in Zusammenarbeit mit Bauern – mit Elektrozäunen, Verblendungsaktionen und Bändern in den Feldern die landwirtschaftlichen Schäden durch Schwäne und Graugänse zu vermindern. Massnahmen, die auch das BAFU von den Betroffenen verlangt, bevor es Massnahmen mit Eingriffen am Tier oder am Bestand erlaubt, etwa Vergrämungsabschüsse oder Eier anstechen. Am Flachsee haben die Interventionen eine Menge gebracht. «Dort, wo die Schwäne aus dem See direkt in die Felder laufen, habe ich Elektrozäune aufgestellt. Im ersten Jahr mit Strom, danach ohne», erzählt Koch. Das funktioniere bisher gut, denn erstaunlicherweise überfliegen die Schwäne die Zäune nicht. 

Die Hälfte des Nachwuchses darf leben
Bei grossen Problemen können die Kantone selbstständig Vergrämungsabschüsse durchführen. Dann werden einzelne Tiere aus einem Bestand abgeschossen, wenn die Gruppe sich am ungewünschten Ort aufhält, etwa in Feldern. Die intelligenten Tiere meiden diese Orte künftig. Gern gesehen ist diese Massnahme aber nicht und Tierschützer protestieren dagegen massiv. Auch den mit den Vergrämungsabschüssen betrauten Wildhütern ist dabei oft nicht wohl. Viele halten es für verträglicher, stattdessen Fütterungsverbote zu verhängen – an die sich die Menschen dann aber auch halten müssen – oder bei anhaltender Überpopulation Eier anzustechen, um die Bestände nicht ausufern zu lassen. 

Das Eieranstechen bewilligt das BAFU allerdings nur, wenn alle anderen Massnahmen keine Besserung bringen. In Nidwalden etwa versuchte man es im Herbst mit Schreckschüssen, dann mit Vergrämungsabschüssen. Nichts half. Die Landwirte beklagten sich weiterhin über Schäden: Silage sei nicht mehr möglich, da die Kotmengen der Schwäne zu hoch seien. Unternahm man an einem Ort etwas, wichen die Schwäne prompt eine Zeit lang auf benachbarte Flächen oder in den Nachbarkanton aus. Deshalb stellten Nid- und Obwalden nun koordiniert Anträge auf weitergehende Massnahmen. Das BAFU genehmigte daraufhin, dass die nächsten fünf Jahre Eier angestochen werden dürfen. 

Trotz der Massnahme sei die langfristige Sicherung des Schwanenbestandes garantiert, weil die Hälfte des Nachwuchses am Leben gelassen werde, sagt Reinhard Schnidrig, Chef der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität beim BAFU. «Die Kantone wollen den Fortpflanzungserfolg vermindern. Und oft sind es die nicht brütenden, revierlosen Jungschwäne die die grössten Schäden anrichten.» 

Gleichzeitig erinnern die Behörden daran, dass auch andere Massnahmen wie das Aufstellen von Zäunen durch die Landwirte nicht vernachlässigt werden dürfen. Und auch die  Appelle an die Bevölkerung, auf eine Fütterung zu verzichten, seien wichtig. Statt es den Schwänen hinzuwerfen, regt das BAFU an, solle man übrig gebliebenes, einwandfreies Brot doch besser Pferdehaltern verschenken. 

 

Pro und Kontra Fütterung
Füttern bietet die Gelegenheit, Wasservögel aus der Nähe zu beobachten, und ermöglicht es, die einzelnen Arten besser kennenzulernen. Wasservögel sind aber gut an die hiesigen Winterbedingungen angepasst und finden in geeigneten Gebieten selber ausreichend Nahrung. Gefährdete Wasservogelarten profitieren nicht von der Fütterung. Sie benötigen vielmehr den Schutz in Form von Ruhezonen, in denen sie ungestört sind. Das gelegentliche Verfüttern kleiner Mengen Brot gefährdet die Gesundheit der Wasservögel nicht. In Gebieten, wo wenig Pflanzennahrung vorhanden ist, kann eine starke und einseitige Fütterung mit Brot aber zu Verdauungsproblemen führen. Keinesfalls verfüttert werden dürfen gewürzte Essensreste oder verschimmeltes Brot. Unbegründet ist die Angst, wild lebende Wasservögel würden durch die Fütterung verfetten oder aufquellendes Brot führe zu Magenverletzungen. Dasselbe gilt für die Befürchtung, Fütterung führe zu einem erhöhten Auftreten von Legenot. Das Füttern kann zu lokalen Konzentrationen von Wasservögeln führen. Für die geselligen Tiere stellt das grundsätzlich kein Problem dar. In Pflegestationen eingelieferte Schwäne, die von Orten stammen, wo sehr intensiv gefüttert wird, sind hingegen öfter geschwächt und können einen erhöhten Parasitenbefall aufweisen. Das deutet auf Stress hin. Krankheiten können sich unter Vögeln, die eng zusammenleben, einfacher und schneller ausbreiten.
Empfehlungen: Vogelwarte Sempach

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