Im Bann des Eisbären

Porträt
Der Freiburger Daniel Rohrbasser hat zwei Jahre seines Lebens in der Arktis verbracht. Mit dem Eisbär hat er sein Seelentier gefunden – und mit dem Umweltschutz einen Kampf, den zu führen sich für ihn lohnt.

Dort oben. Daniel Rohrbasser reckt den Arm in die Luft und zeigt schräg nach oben. Über den Schwarzsee-Skipisten, die an diesem strahlenden Februarnachmittag von Ausflüglerfamilien überquellen, thront die Kaiseregg, die Kaiserin der Freiburger Voralpen. Dort oben habe alles angefangen. «Hier hat mich mein Vater schon als Zweijähriger hochgebuckelt.» Die Leidenschaft für die Berge, für den Schnee und die Kälte entfachte sich bei Rohrbasser rasch. «Ich war ständig mit meiner Familie auf Bergtour», erzählt er. «Das habe ich gesucht. Als Jugendlicher war es mein einziges Hobby.»

Es ist also kein Zufall, dass Rohrbasser gerade den Schwarzsee als Treffpunkt ausgewählt hat, den Ausgangspunkt so vieler Abenteuer seiner Jugend. Und vielleicht auch der Geburtsort seiner Liebe zur Arktis. So abwegig wirkt das nicht, wenn der heute 50-Jährige durch das schneebedeckte Uferschilf stapft, das den gefrorenen See säumt. Da könnte jederzeit ein Robbenkopf durch ein Loch im Eis auftauchen, um für die nächste Viertelstunde Luft zu holen. Sich umschauen, ob irgendwo ein Eisbär lauert, um mit dichtgepressten Nasenlöchern wieder zu verschwinden.

In der Welt der Eisbären
Die Arktis – die richtige Arktis, nicht die aus den Kinderfantasien am Schwarzsee – ist Rohrbassers grosse Leidenschaft. 1999 hat er sie entdeckt, als er mit seiner Frau Martine zum ersten Mal in Alaska war. «Dort haben wir die Inupiat kennengelernt», den Eingeborenenstamm an der Nordwestküste. Der zweisprachige Rohrbasser, aufgewachsen im tiefsten Röstigraben zwischen Murten und Freiburg, redet mit breitem Senslerdialekt, sucht im Hinterkopf aber immer wieder auf Französisch nach dem passenden Wort, wenn er seine Erlebnisse teilt.

«Ich wäre niemals in der Lage gewesen, auf einen Eisbären zu schiessen»
Daniel Rohrbasser

«Am Anfang wollten die Inupiat uns Fremdlinge etwas zur Seite stossen», erzählt Rohrbasser weiter. Doch allmählich näherten sie sich den Eingeborenen an. Halfen ihnen beim Lachsfang, durften mitessen und ihren Geschichten lauschen. Am Ende seines Abenteuers bekam das Ehepaar Rohrbasser ein Geschenk auf den Weg: «Eine alte Frau hat mir ein Wörterbuch in ihrer Sprache geschenkt.» Auf dass sie und ihr Stamm nicht in Vergessenheit geraten.

Dann kamen schon bald die Eisbären, die Daniel Rohrbasser fortan bewegen sollten wie kaum etwas anderes auf der Welt. Vom Bergsteiger in der Heimat wurde er rasch zum regelrechten Abenteurer, den es immer wieder nach Spitzbergen zog, auf die kleine, norwegische Inselgruppe im Arktischen Meer. Schon mehrfach liess er sich dort von einem Touristenschiff im Nirgendwo abladen, mit Sack und Pack, mit  Zelt und Kajak, auf der Suche nach Eisbären.

Von Anfängerglück redet er heute, wenn er von seiner ersten Begegnung mit einem Eisbären erzählt. Gleich an seinem zweiten Tag sei es gewesen, als einer auf sein Zelt zugelaufen kam. Erst 300 Meter weit weg. Dann immer näher. «Ich habe mich vor das Zelt gestellt, damit er mich gut sieht», erzählt der passionierte Fotograf. «Bilder habe ich nicht viele gemacht, und die, die es gab, kamen nicht gut raus. Ich habe wohl zu sehr gezittert vor Anspannung.»

Auf einmal sei der Bär in vollem Tempo auf ihn zugerannt. Ein Gewehr hatte Rohrbasser schon dabei, das sei vorgeschrieben von der norwegischen Regierung. «Aber ich wäre niemals in der Lage gewesen, auf einen Eisbären zu schiessen. Da würde ich mir bis heute Vorwürfe machen.» Der Abenteurer hatte Glück: Als der Eisbär noch 30 Meter entfernt war, machte er halt und drehte ab.

Gesammeltes Arktiswissen
Inzwischen hat Rohrbasser zwei Jahre seines Lebens im hohen Norden verbracht. Seine Erlebnisse verarbeitet er in seinen Projekten und seiner Kunst. Rohrbasser ist nämlich gelernter Holzbildhauer, hat die Schnitzlerschule in Brienz besucht und ein eigenes Atelier daheim in Courtepin FR. Heute, sagt er, habe jede seiner Skulpturen einen Bezug zur Arktis, sei inspiriert von den Linien im Eis. Meist hinterlegt er die Schnitzereien mit selbst geschossenen Bildern aus Alaska, Spitzbergen oder Grönland.

Aus seinem persönlichen Interesse für den Norden hat Rohrbasser inzwischen auch seine Berufung gefunden, die er mit den Menschen in seiner Heimat teilen will – insbesondere mit Schulkindern. Die Umweltverschmutzung und der Klimawandel seien zwei brandaktuelle Themen, die kaum wo so augenfällig seien wie in der Arktis. Der Eisbär auf der schmelzenden Eisscholle mehr als nur ein Sinnbild.

So hat Rohrbasser angefangen, Schulklassen zu besuchen und ihnen von seinen Abenteuern zu erzählen, sie für die Probleme unserer Zeit zu sensibilisieren. Und er hat Material gesammelt. Eigenes, aber auch solches von Abenteurern, die er auf seinen Reisen kennengelernt hat. Er hat Wissenschaftler um Inputs und Expertise gebeten und all das Arktiswissen in einem schweren Buch in Französisch, Deutsch und Englisch aufbereitet.

Daniel Rohrbasser schlägt Alarm, ist aber auch ein Optimist. Wenn er für den Klimaschutz wirbt, präsentiert er lieber kleine Lösungen als grosse Warnungen. Besser, etwas Kleines zu tun, als zu resignieren, auch wenn er sagt: «Vielleicht stehen die Chancen bei 98 Prozent, dass wir den Klimawandel nicht mehr aufhalten können.» Dann schlägt Rohrbasser den Bogen zurück zu seinem Seelentier: «Wenn der Eisbär eine Robbe angreift, ist die Chance, dass sie entkommt, auch bei 98 Prozent.» Und doch gibt er nicht einfach auf.

Familienreise nach Norwegen
Seit acht Jahren ist Rohrbasser Familienvater. Tochter Zoélie nimmt er fast überallhin mit. Wie ihn einst sein Vater auch überallhin buckelte. Nur auf seine Arktis-Abenteuer geht er meist allein. «Mir bricht es jedes Mal das Herz, wenn ich weggehe», sagt er. Aber dennoch falle es ihm heute einfacher als früher. «Heute weiss ich immerhin, dass ich meine Frau nicht allein zurücklasse.»

Die nächste Eisbären-Expedition steht wohl erst nächstes Jahr an. Heuer gibt es erst einmal eine Familienreise nach Norwegen, wo die Rohrbassers im vollbepackten Land-Rover all die Menschen besuchen, die am Buch mitgearbeitet haben. Ein mächtiges Auto ist es, in dem Rohrbasser an den Schwarzsee getuckert ist. «Wenn’s regnet, regnet es rein», sagt er, «aber es hält viel aus und die ganze Familie hat darin Platz.» Das Auto, das merkt man ihm an, ist ihm nicht ganz recht. Er, der gegen Luftverschmutzung und Klimawandel kämpft. «Da bin ich nicht konsequent», ist er sich bewusst. «Aber wenn ich es nutze, um etwas Kluges damit zu machen, gleiche ich den Schaden vielleicht aus, den ich damit anrichte.»

www.artaventure.ch

Literaturtipp
Daniel Rohrbasser: «Dans la trace des ours blancs», Verlag: Faim de Siècle,
ISBN: 978-2-940422-82-1, ca. Fr. 95.–

Autor

Matthias Gräub

Matthias Gräub

Matthias Gräub kümmert sich bei der «Tierwelt» um die Porträts. Weil er dort mehr mit Menschen als mit Tieren zu tun hat, kompensiert er seinen Tierlidrang mit Zoobesuchen, Waldspaziergängen und Wanderungen in der Natur. Könnte er auswählen, bestünden seine Berner Stadtmusikanten aus Alpaka, Luchs, Laufente und Nacktmull. Das gäb ein Konzert!

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