Vollzeit-Engagement im Dienste des Igels

Igelstation
Verletzte Igel, kranke Igel – Igelstationen haben schweizweit alle Hände voll zu tun. Allison Schulz, die in Bünzen eine solche Station betreibt, erklärt, wie sie die stacheligen Vierbeiner aufpäppelt.

Ein Kellerraum in Bünzen im aargauischen Freiamt: An zwei Wänden sind jeweils sechs vergitterte, mindestens einen Quadratmeter grosse Boxen angebracht. Fast alle sind leer. Dies liegt weniger daran, dass im Frühling keine Igel in Nöten sind, sondern daran, dass Allison Schulz kurz vor dem «Tierwelt»-Besuch in den Ferien war und deshalb vor ihrer Abwesenheit keine neuen Igel annahm. Zwei Boxen allerdings sind bewohnt: Eine ist mit «Christiano» beschriftet, die andere mit «Torben». Ja, sagt die 51-Jährige lächelnd, alle Igel bekämen Namen.

Sie sind die Igel Nummer 16 und 17 dieses Jahr. 2020 hat sie genau 200 betreut, alleine im Mai waren es 32. Während Schulz dies sagt, raschelt es in einer Box: Torben dreht sich in seinem mit Papierschnipsel gefüllten Karton. Behutsam hebt die Schottin ihn aus dem Karton und redet sanft in einem Mix aus Englisch und Deutsch mit dem Igel: «Hello my Darling, mein Schätzeli.»

Kurz zeigt Torben sein Gesichtchen, ehe er sich einigelt und nur noch Stacheln zu sehen sind. «Das Einrollen ist ein Schutzmechanismus», erklärt die engagierte Igelmama und setzt den gut sechsmonatigen Torben in eine kleine blaue Wanne, um ihn zu wiegen. Die Waage zeigt 578 Gramm an. Schulz ist zufrieden: «Das ist sehr gut.» Als er fünf Tage davor mit heftigem Durchfall gebracht wurde, wog Torben nur 395 Gramm.
 

Wurmkur für Torben
Während er am Wannenrand hochsteigt und Anstalten macht, rauszuklettern, gibt der Igel rasselnde Atemgeräusche von sich. Er hat Lungenwürmer – neben Darmhaarwürmern, die sie von gefressenen Schnecken und Regenwürmern bekommen, ein typischer Befund kranker Igel. «80 Prozent haben Lungenwürmer», erklärt Schulz, «wenn sie sonst gesund sind, ist das kein Problem.» Aber wenn sie jung oder altersschwach sind oder an einer anderen Krankheit leiden, können Wurm­erkrankungen tödlich enden. Torben bekommt eine Wurmkur und ein Medikament gegen Atemwegserkrankungen.

Bei der Medikation und für die Diagnose zieht sie einen Tierarzt hinzu. Der Ablauf, nachdem ein Pflegling ankommt, ist immer derselbe: Sie entfloht das Tier und befreit es von Zecken, wenn es viele sind. Vereinzelte seien kein Problem. Auch Fliegeneier und Maden entfernt sie. Nach dem Wiegen fühlt Schulz, ob seine Brust kalt oder warm ist. 35 Grad sei die normale Temperatur.

Auf der Igelstation von Allison Schulz

Ist der Igel unterkühlt, gibt es nichts zu fressen und zu trinken, sondern er kommt auf ein Heizkissen. «Wärme ist dann am wichtigsten.» Auch mit einer erwärmten Bettflasche und einem Tuch könne man einen Igel auf Temperatur bringen. Mit einem Tuch bedeckt liegt auch Christiano in seiner Box. Aber aus einem anderen Grund: «Er läuft ständig im Kreis herum.» Damit er nicht Tag und Nacht unterwegs sei, habe sie das Tuch auf ihn gelegt.

Sie hebt ihn ebenfalls mit einem liebevollen «Hi, Baby» aus seiner Box. Da er krank ist, kommen die Stacheln nicht richtig hoch. Sie sind auch nicht kräftig weiss-schwarz, sondern eher golden. Das sei ein Zeichen des Alters. Igel können bis zu sieben Jahre alt werden. Wegen der vielen Gefahren erreichen sie in Freiheit aber meist nur ein Alter von drei oder vier Jahren. Dreijährig dürfte Christiano sein, schätzt Schulz. Und er muss Übles hinter sich haben.

Gesunde Igel nicht füttern
Man fand ihn auf der Strasse mit einem gebrochenen Oberkiefer und einer tiefen Verletzung am Auge. Der Veterinär vermutet einen Katzenbiss. An diesem Morgen macht sich Allison Schulz Sorgen um ihren Schützling, da er trotz Fressen abgenommen hat. Eine Woche später sieht es besser aus. Er habe zugenommen, meldet Schulz, und renne nicht mehr ständig im Kreis herum. Nun sei sie zuversichtlich, dass er es schaffe.

74 Schützlinge haben es 2020 nicht geschafft. «Als einer nach dem anderen starb, wollte ich schon fast aufhören. Aber dann hat einer überlebt.» Wegen Wurmbefalls landen Igel häufig auf Pflegestationen – und sehr viele mit Verletzungen. Knochenbrüche gehen auf den Strassenverkehr zurück. Abgeschnittene Beine oder Nasen und abrasierte Gesichter verursachen Rasen- oder Fadenmäher.

Da viele Schweizerinnen und Schweizer der Corona-Pandemie wegen 2020 vermehrt im Garten tätig waren, gab es auch deutlich mehr solcher Verletzungen. Viele waren häufiger zu Hause oder in der Natur unterwegs und fanden Igel. Sind sie nicht verletzt, sondern kugeln sie sich ein und sind nachts unterwegs, ist das Igel-mäs­sig. Dann soll man sie auch nicht füttern. Gesunde Igel mit Futter zu versorgen, ist umstritten. Viele Fachleute lehnen dies ab, auch Schulz befürwortet es nicht. Und: «Normale Milch darf man ihnen nicht geben, da sie laktoseintolerant sind.»

Nähe Fundort auswildern
Bei ihr erhalten einzig Jungigel Hundewelpen- oder Katzenmilch. Alle zwei Stunden «schöppele» sie ihre Babys. Drei Wochen Aufenthalt ist normal, bis ein Igel aufgepäppelt ist. Wenn es sehr kalt ist, dann bleiben sie auch mal länger oder überwintern in ihrem Garten. Danach werden die Wildtiere, die nicht als Haustiere gehalten werden dürfen, ausgewildert. «Wenn sie zu krank sind, um in der Wildnis zu überleben, ist es besser, sie einzuschläfern», sagt Schulz.

Aber: Das Ziel ist immer das Auswildern – am besten an einem sicheren Platz in der Nähe des Fundorts. Nie mitten im Wald, denn dort leben sie nicht, sondern am Waldrand. Igel haben ihre Territorien, Pfade und Gewohnheiten. Sie laufen gerne immer auf den gleichen Wegen, erklärt Schulz und zeigt zwei Trampelpfade zwischen ihrem Garten und der angrenzenden Wiese, die sie «Igel-Highway» nennt.

Die stacheligen Vierbeiner bestimmen ihren Alltag. Die Betreuung ist ein Vollzeitjob. Es gibt zu wenige Stationen in der Schweiz, darüber sind sich Schulz und Nils Friedrich, Geschäftsführer der Stiftung Pro Artenvielfalt, einig. Die Stiftung unterstützt sechs Wildtier-Rettungsstationen. Darunter auch die in Bünzen. Schulz bekommt Geld für Futter und andere Aufwendungen. Doch ihre Arbeit leistet sie unentgeltlich. Und dies seit 2015.

Autor

Petra Stöhr

Petra Stöhr

Petra Stöhr ist «Tierwelt»-Redaktorin und geht als Historikerin gerne der Geschichte der Schweizer Nutztiere auf den Grund. Noch lieber geht sie für Geschichten ins Feld und macht sich für ihre Begegnungen mit den medidativen Kühen, den gmögigen Schafen und den quirligen Geissen auch die Gummistiefel dreckig oder lässt es über sich ergehen, dass sich Schweine überaus gerne an ihren Beinen reiben.

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