Was Chinas Verbot des Wildtierhandels für den Artenschutz bedeutet

Schuppentier im Käfig

Das chinesische Wildtierhandelsverbot könnte den stark bedrohten Schuppentieren endlich Hoffnung bringen. Dieses hier hatte aber Glück: Es wurde in Indonesien vor dem Schmuggel gerettet.

Arief Budi Kusuma/Shutterstock.com

Coronavirus
Weil das Coronavirus SARS-CoV-2 auf einem Tiermarkt in China seinen Ursprung nahm, hat das Land den Handel mit Wildtieren verboten. Endlich, sagen Artenschützer – doch damit ist es noch nicht getan.

Als Ursprungsort des neuen Coronavirus SARS-CoV-2 gilt der Huanan-Fischmarkt in der chinesischen Stadt Wuhan. Dieser ist zwar längst geschlossen, doch das Virus hat sich trotzdem mit verheerenden Folgen auf der ganzen Welt verbreitet.

Wie Forscher vermuten, stammte das Coronavirus ursprünglich aus Fledermäusen, ging erst auf eine andere Tierart über und von dort auf den Menschen. Als mögliche Überträger kommen Schuppentiere in Frage. Sie soll es neben Fisch, Meeresfrüchten und etlichen anderen Haus-, Nutz- und Wildtieren auch auf dem Markt in Wuhan zu kaufen gegeben haben. Schuppentiere gelten in China als Delikatesse, ausserdem werden ihren Schuppen allerlei Heilkräfte nachgesagt. Alle Schuppentierarten sind hochgradig vom Aussterben bedroht.

Auch SARS kam 2003 von einem Wildtiermarkt in China. Es wurde vom Larvenroller übertragen, einer Schleichkatzenart, die in Asien gejagt und gegessen wird. Seit Jahrzehnten kritisieren Artenschützer den Wildtierhandel in China und andern Ländern Asiens. Ende Februar zog das Reich der Mitte nun die Reissleine: Es verbot den Wildtierhandel erst temporär, dann permanent («Tierwelt online» berichtete). Wie der britische «Guardian» berichtet, wurden in China seither fast 20'000 Wildtier-Farmen geschlossen. Zuchtstätten, in denen Tierarten wie Pfauen, Schleichkatzen, Stachelschweine, Füchse oder Wildgänse unter teilweise prekären Bedingungen gehalten wurden.

Wir wollten wissen, was das Verbot bringen wird und haben deshalb bei der international operierenden Umweltschutzorganisation WWF nachgefragt. Ein Team von mehreren Expertinnen und Experten für Wildtierschutz aus dem WWF International und dem WWF China hat unsere Fragen beantwortet, wie Corina Gyssler, Mediensprecherin beim WWF Schweiz, bestätigt.

«Wir bedauern, dass das Verbot den Verzehr von Tieren für medizinische Zwecke und aquatische Lebewesen nicht mit einschliesst.»
Fachleute des WWF International

China hat wegen des Coronavirus den Wildtierhandel verboten. Sind das gute Nachrichten für den Artenschutz?
Chinas temporäres Verbot des Handels mit lebenden Wildtieren war ein wichtiger erster Schritt. Das Vermischen von Tieren [auf Tiermärkten, Anmerkung d. Red.] darunter Wild- und Nutztiere, Geflügel und Meeresfrüchte erhöht das Risiko von Zoonosen. Das danach erfolgte generelle Verbot ist tatsächlich eine gute Nachricht, wir bedauern aber, dass es den Verzehr von Tieren für medizinische Zwecke und aquatische Lebewesen nicht mit einschliesst. Nun muss China das Verbot rigoros durchsetzen, um das Risiko für weitere Pandemien abzuschwächen und die Nachfrage nach solchen Tierprodukten zu senken.

Wird sich das Verbot auf bedrohte Arten auswirken?
Einige der gehandelten Arten sind häufige Arten. Doch die Art, wie sie gefangen werden, ist oft schlecht reguliert. Den Populationen werden so auf lange Sicht mehr Tiere entnommen, als sie vertragen, um bestehen zu bleiben. Das führt zu ökologischen Dominoeffekten. Raubtiere finden dann beispielsweise nicht mehr genug Beute. Häufig werden Fangtechniken wie Schlingfallen angewendet, denen bedrohte Arten zum Opfer fallen, auch wenn diese gar nicht die Zielart sind.

«Es gibt kaum einen mächtigeren Auslöser, unser Verhalten zu ändern, als wenn wir um unsere Gesundheit und unser Leben fürchten.»
Fachleute des WWF International

Was bedeutet das konkret? Welche Arten werden profitieren?
Das Verbot hat eine abschreckende Wirkung. Es entzieht nicht nachhaltigen Jagdmethoden den Anreiz. Davon werden zahlreiche Arten profitieren. COVID-19 könnte zudem ganz konkret die Wende bringen für das Chinesische Schuppentier, das am Rande des Aussterbens steht. Neuste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Schuppentiere Träger von Viren sind, die fast identisch mit SARS-CoV-2 sind. Es gibt für uns Menschen kaum einen mächtigeren Auslöser, unser Verhalten zu ändern, als wenn wir um unsere Gesundheit und unser Leben fürchten.

Wird das Verbot bestehen bleiben oder wird China den Handel wieder legalisieren oder zumindest tolerieren, wenn die Coronakrise abklingt?
Das wird sich zeigen. Es ist aber wichtig, dass China den Schwung beibehält, die Gesetze weiterhin durchsetzt und sicherstellt, dass illegale und unregulierte Wildtiermärkte dauerhaft geschlossen bleiben und die Nachfrage nach Wildtieren sinkt. Zusätzlich braucht es ein Verbot von Schlingfallen in wichtigen Wildtierhabitaten in ganz Asien und vermehrte Anstrengungen im Kampf gegen die Wilderei.

Die Chinesen und die Wildtiere

In der westlichen Welt wird häufig angenommen, dass sämtliche Chinesinnen und Chinesen Wildtiere essen und als Medizin benutzen. Dem ist nicht so. Eine Umfrage zeigte schon 2013, dass knapp ein Drittel von ihnen Wildtiere konsumiert. Etwas mehr als die Hälfte, 52,7 Prozent, war gegen den Konsum. Die Zahlen waren laut den Autoren der Studie damals schon leicht rückläufig. Dennoch schrieben sie, dass noch ein «weiter Weg» vor China liege.

In einem Leserbrief an die Fachzeitschrift «Nature» schreiben Forscher im März 2020, dass das Wildtierhandelsverbot nun im Land «riesige Unterstützung» erfährt – vor allem bei den jüngeren Generationen und in städtischen Gebieten.

Ist mit dem Verbot genug getan?
Die Wildtiermärkte zu schliessen könnte zwar einen grossen Unterschied machen, Verbote alleine werden aber den illegalen Wildtierhandel nicht stoppen, solange die Nachfrage bestehen bleibt. Diese Gesundheitskrise muss als Weckruf gelten. Der Nutzen von bedrohten Tieren als exotische Haustiere, als Nahrung oder Medizin muss aufhören. Der WWF unterstützt die chinesische Regierung dabei, die Nachfrage zu senken und das Bewusstsein für die Problematik in der Bevölkerung zu stärken.

«COVID-19 könnte die Wende für das von Aussterben bedrohte Chinesische Schuppentier bringen.»
Fachleute des WWF International

Das dürfte nicht ganz einfach sein. Wie kann China das bewerkstelligen?
Die Regierung muss in den Städten, in denen die Nachfrage am grössten ist, vermehrt Kampagnen durchführen. Artenschutz ist nun ein wichtiger Bestandteil einer «ökologischen Zivilisation», wie China sie anstrebt. Die Hauptbotschaft der Kampagnen muss lauten: Verwenden Sie keine Wildtiere, sei es als Nahrung oder Medizin – denn ihr Verzehr kann lebensgefährlich sein!

Wird der Schwarzmarkt nun explodieren?
Der Konsum von Wildtierfleisch ist tief in der chinesischen und der Kultur vieler anderer Länder verankert. Ein zu striktes Verbot könnte den Handel in den Untergrund treiben. Auf den Schwarzmärkten werden die Hygienevorschriften nicht eingehalten. Das aktuelle Verbot macht deshalb eine Ausnahme für Arten nicht bedrohte Arten wie Kaninchen und Tauben, die mancherorts sogar zur Plage werden. Das ist vernünftig.

Wie fühlt man sich zur Zeit als Artenschützer?
Wir sind natürlich erfreut über das Verbot in China, obwohl diese Pandemie eine Tragödie für die Menschheit ist. Unsere Gedanken sind bei den Familien auf der ganzen Welt, die ihre Liebsten an COVID-19 verloren haben und den Hunderttausenden, die in den Spitälern gegen die Krankheit kämpfen. Das Gesundheitspersonal an der Front und die Regierungen stehen unter grossem Druck, die Krankheit einzudämmen. Diese globale Gesundheitskrise kann nur durch eine internationale Zusammenarbeit gemeistert werden.

Autor

Meret Signer

Meret Signer

Meret Signer ist «Tierwelt»-Online-Redaktorin, Biologin und Ornithologin. Genau so sehr wie Vögel liebt sie aber ihre flauschige Katze Redi, weswegen sie oft im Dilemma ist. Während Redi jedoch lieber zuhause faulenzt als auf die Jagd zu gehen, wandert Meret durch die Gebirge dieser Welt. Immer mit dabei: ihr Feldstecher.

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