Kleine Hunde, grosse Verwechslungsgefahr

Chihuahua, Prager Rattler, Toy Terrier und Zwergpinscher
Hunderassen
Sie sind klein, haben Stehohren und kommen in ähnlichen Fellfarben daher. Kein Wunder, werden Chihuahuas, English Toy Terrier, Zwergpinscher und Prager Rattler häufig verwechselt. Dabei gibt es durchaus Unterschiede.

Für Laien ist jeder kleine, kurzhaarige Hund erstmal ein Chihuahua. Erst bei näherer Betrachtung – oder wenn man sich mit Hunderassen befasst – stellt man fest, dass das nicht in jedem Fall zutreffen muss. So kann sich der vermeintliche Chihuahua als Zwergpinscher entpuppen, oder man hat es in Wirklichkeit mit einem Prager Rattler oder einem English Toy Terrier zu tun. 

Alle vier Rassen gibt es mit kurzem, lackschwarzem Fell und rotbraunen Abzeichen oberhalb der Augen, auf den Wangen, an der Brust und auf der Unterseite der Rute, sowie mit aufgerichteten Stehohren. Unter diesen Voraussetzungen kann es auch dem geschulten Auge schwerfallen, die Rassen auseinanderzuhalten.

Ein Unterscheidungsmerkmal, das oft genannt wird, ist die Grösse. Das wird erst deutlich, wenn man alle vier Rassen nebeneinander hat oder sich die Idealmasse im Rassenstandard vor Augen führt. Während der Chihuahua und der Prager Rattler mit einer Widerristhöhe von 21 bis 23 Zentimetern und einem Idealgewicht von 2,5 Kilo extrem zierlich sind, gefolgt vom English Toy Terrier mit 2,7 bis 3,6 Kilo und 25 bis 30 Zentimetern Widerristhöhe, wirkt der Zwergpinscher mit 25 bis 30 Zentimetern und einem Idealgewicht von 4 bis 6 Kilo etwas kräftiger. 

Neben der Grösse gibt es weitere Unterscheidungskriterien, wie Zwergpinscher-Züchterin Jessica Hubacher aus Rickenbach Sulz ZH erklärt. «Der Zwergpinscher hat einen kräftigen und gestreckten Schädel mit flacher Stirn, während der Chihuahua den typischen Apfelkopf hat mit gewölbter Stirn, kurzem Fang und grossen Augen.» Der Chihuahua habe zudem einen geraden und etwas kürzeren Rücken, während die Profillinie beim Zwergpinscher nach hinten leicht abfällt. Ausserdem sind beim Chihuahua ausschliesslich Stehohren erlaubt, während der Standard beim Zwergpinscher auch Klappohren zulässt.

«Der Zwergpinscher hat einen kräftigen und gestreckten Schädel mit flacher Stirn, während der Chihuahua den typischen Apfelkopf hat mit gewölbter Stirn, kurzem Fang und grossen Augen.»
Jessica Hubacher
Hundezüchterin

Rassen aus aller Welt
«Was Fell und Farben angeht, hat der Chihua­hua um einiges mehr an Möglichkeiten zu bieten», fügt Hubacher an. Den Chihuahua gibts mit langem und kurzem Fell in allen Farben und Kombinationen, beim Zwergpinscher ist ausschliesslich kurzes, glatt anliegendes Fell in sogenanntem Schwarzrot oder einfarbig in Hirschrot, Rot-braun bis Dunkelrot-braun erlaubt. 

Etwas schwieriger wird die Unterscheidung zwischen dem Zwergpinscher und dem Prager Rattler, wie Gülseher Cürük aus Winterthur ZH sagt. Sie züchtet Prager Rattler und weist neben der Grösse als Unterscheidungskriterium auch auf den sogenannten Stopp hin, den Übergang von Stirn zur Schnauze des Hundes. «Der ist beim Rattler ausgeprägter als beim Zwergpinscher», sagt Cürük. Vom English Toy Terrier unterscheiden sich Zwergpinscher gemäss Standard durch die Ohren. Beim Zwergpinscher ist eine V-Form erwünscht und Klappohren möglich, beim English Toy Terrier sollen sie der Form einer Kerzenflamme ähneln und spitz zulaufen. 

Was man den Hunden nicht ansieht, sie aber deutlich unterscheidet, ist ihre Herkunft und die Geschichte dahinter. Der Zwergpinscher stammt aus Deutschland, der Chihuahua aus Mexiko, der Prager Rattler aus Tschechien und der English Toy Terrier aus Grossbritannien. Auch wurden die Rassen ursprünglich unterschiedlich genutzt, was sich auf ihr heutiges Temperament niederschlägt. 

Der Chihuahua gilt als kleinste Rasse der Welt und soll angeblich zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert domestiziert worden sein. Die Rasse gehört in der Einteilung durch die FCI, dem kynologischen Weltdachverband, zur Gruppe der Begleithunde und wird als lebhaft, wachsam und mutig beschrieben.  Ebenfalls zur Gruppe der Gesellschaftshunde gehört der Prager Rattler. Der kleine, agile Hund wurde ursprünglich zum Töten von Ratten eingesetzt, was ihm auch den Namen einbrachte. Mit der Zeit geriet die Rasse in Vergessenheit, bis sie ab 1980 neu aufgebaut wurde. Sie gilt als neugierig, freundlich und sanftmütig. Züchterin Cürük beschreibt den Rattler ausserdem als ausgeglichen, kuschelbedürftig und menschenbezogen. 

Einen ähnlichen Hintergrund hat der English Toy Terrier. Auch er hat früher als Rattenfänger und im 19. Jahrhundert in Kampfveranstaltungen gegen Ratten, sogenannten «Ratten-Pits», von sich reden gemacht. Die Rasse gehört, wie ihr Name schon sagt, zur FCI-Gruppe der Terrier. Der English Toy Terrier wird im Standard als «Kleinhund mit typischen Terrier-Eigenschaften» bezeichnet. 

Kleine Hunde ganz gross
Zwergpinscher wurden schon um die Jahrhundertwende in grosser Zahl gehalten, was die über 1300 Einträge im Zuchtbuch aus dem Jahr 1925 beweisen. Die Rasse gehört gemäss FCI zur Gruppe der Pinscher und Schnauzer, Molossoiden und Schweizer Sennenhunden. Die Gruppe umfasst 50 Hunderassen, denen eines gemeinsam ist: ihr Schutz- und Jagdtrieb. Züchterin Jessica Hubacher bestätigt, dass in den Genen des Zwerpinschers oft auch noch «eine ordentliche Portion Jagdtrieb» stecke. Was nicht von ungefähr kommt, schliesslich ist der Zwergpinscher gemäss Rassenstandard das verkleinerte Abbild des Deutschen Pinschers, der früher eine beliebte Jagdhunderasse war.

Neben dem ähnlichen Aussehen haben alle vier Rassen etwas gemeinsam: Sie wollen trotz ihrer geringen Grösse als richtige Hunde wahrgenommen werden. «Sie sind alles lebhafte Begleiter, die gerne auch im Hundesport arbeiten und aktiv am Menschenalltag teilnehmen wollen», sagt Hubacher. Sonst würden etwa unterbeschäftigte und führerlose Zwergpinscher zu kläffenden Familientyrannen mutieren, die dauernd im Mittelpunkt stehen wollen. Auch Gülseher Cürük appeliert daran, die kleinen Hunde ernst zu nehmen. «Sie haben unglaublich viel Energie und Intelligenz, die einem zum Verhängnis werden kann, wenn man sie unterschätzt.» 

Autor

Carmen Epp

Carmen Epp

Kurz nach ihrem ersten Einsatz für die «Tierwelt» 2014 hat sich Redaktorin Carmen Epp – fürs Hunde-Ressort zuständig – einen Traum erfüllt und sich einen Hund zugelegt – auf Spesen, wie man munkelt. Nach einem kurzen Abstecher in ihre Heimat, den Kanton Uri, kehrte sie zur «Tierwelt» und ins Hunde-Ressort zurück. Daneben betreut sie die Ressorts «Natur und Umwelt» sowie die Leserkolumnen, während Boston Terrier Chippy unter dem Tisch schnarchend sein Redaktionshundedasein geniesst – und so manchen Input fürs Hunde-Ressort liefert.

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