Schon wieder ein kränkelndes Jungtier! Züchter Daniel Röösli wusste, dass es kaum Hoffnung gibt für das junge Kaninchen. In der Zuchtsaison 2018 verlor er 25 Jungtiere während der Aufzuchtphase. Sie stellten das Fressen ein und starben innerhalb von ein paar Stunden – oft mit aufgeblähtem Bauch. Seine Rasse, die Farbenzwerge Russen, ist wenig verbreitet. Verluste wiegen umso schwerer. Der erfahrene Züchter resignierte nicht, sondern versuchte zu ergründen, was da schieflief. So hatte er beobachtet, dass die Muttertiere nicht lange Milch hatten und die Jungtiere früh auf Kraftfutter ausweichen mussten. Ihre Darmflora war noch nicht ausgereift, die Verdauung des Festfutters schwierig. Röösli vermutete, dass zu viel Eiweiss zum Tod der Jungen beitrug. 

Im verlustreichen Zuchtjahr 2018 entschloss er sich, gezielt Heilpflanzen einzusetzen, um die Verdauung zu unterstützen und die Zusammensetzung der Darmflora zu verbessern. Kräuter sind wertvolle Helfer. Ihre Wirkung ist aber im akuten Notfall – wie dies bei den Aufzuchtproblemen der Fall ist – oft zu langsam. Deshalb setzte er auf eine Langzeitbehandlung: Ab Januar 2019 erhielten seine Zuchtzibben ein- bis zweimal wöchentlich Beifuss (Artemisia vulgaris). Beifuss hat sich seit Jahren bei Verdauungsproblemen, zum Aufbau einer guten Darmflora und zur Hemmung von Kokzidien bewährt. Im März wurden die Zibben wie immer gedeckt und gleichzeitig die Beifussbehandlung unterbrochen, da die Pflanze gebärmutteranregend und damit abtreibend wirkt. Nach der Geburt erhielten die Zibben wiederum ein- oder zweimal pro Woche Beifuss. Sobald die Jungtiere mitfrassen, nahmen auch sie Beifuss auf. 

Der Züchter aus dem Entlebuch stellte fest, dass die Milch der Zibben diesmal langsamer zurückging und die Umstellung auf Festfutter dadurch sukzessive und sanfter ablief. Im ersten Jahr der Kräuterbehandlung verlor er noch zehn Jungtiere. Zeitweise setzte er auch Eichenrindenpulver ein. Er streute es über die Pellets und hoffte, das Eiweiss aus dem Futter würde dadurch im Darm langsamer aufgenommen. Allerdings nahmen die Kaninchen aber auch weniger schnell zu, sodass Röösli die Eichenrinde heute nur noch in Notfällen einsetzt. Sie hilft zwar bei Durchfall, jedoch nicht bei der totalen Nahrungverweigerung, wie sie jeweils bei den kranken Jungtieren auftrat.

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Nützlicher Hainbuchenhag
Im aktuellen Zuchtjahr 2020 reichte Röösli zusätzlich zum Beifuss junge Triebe der Hainbuche (Carpinus betulus). Sein Grundstück wird durch einen Hainbuchenhag begrenzt. Statt ihn wie gewohnt zurückzuschneiden, kappte er laufend die jungen Äste und verfütterte sie. Die Heilpflanzen werden einmal pro Woche jeweils am Morgen gereicht. Kraftfutter und Heu bekommen die Tiere am Abend. 

Hainbuche oder Weissbuche kennt man vor allem als ökologisch wertvolle Hecke. Früher gehörte sie zu den Futterlaubbäumen, die regelmässig geschnitten wurden. Das getrocknete Laub diente als Beifutter im Winter. Weissbuche ist zudem das härteste einheimische Holz, man bezeichnete es auch als Eisenholz. Es wurde für stark beanspruchte Teile wie Zahnräder, Speichen und Naben verwendet. Heute findet man es noch in Werkzeugstielen. Die Kaninchen von Züchter Röösli frassen die jungen Zweige mit Stumpf und Stiel, lies­sen allerdings ältere Zweige unbeachtet liegen. Als Wirkstoffe der Hainbuche kennt man Gerbstoffe und Triterpene. In jungen Blättern fand man kürzlich Pheophorbid. Diese Substanz macht im Laborversuch Tumorzellen lichtempfindlich und damit angreifbar.

Hainbuchenblätter wirken entzündungshemmend und abdichtend auf die Darmschleimhaut. Sie regen die Leber an und haben stressmindernde Eigenschaften. Früher wurden die Blätter als blutstillendes Wundpflaster verwendet, die Flügel der Früchte galten als harntreibend und blutreinigend bei Blasenerkrankungen. Heute wird Hainbuche vor allem in der Gemmotherapie, die Knospen und Schösslinge der Pflanzen nutzt, eingesetzt. Die Essenz der Knospen hilft bei Reizdarm und Atemwegsallergien, aber auch bei erhöhter Stressanfälligkeit. Sie ist blutungsstillend und regt die Bildung von Blutplättchen an. Ausserdem wirkt Hainbuche auf die Milz und damit auf das Immunsystem. 

Man muss konsequent die Pflanzenbehandlung durchziehen, dann stellt sich der Erfolg ein und der ganze Bestand wird von Jahr zu Jahr vitaler und robuster.

Daniel Röösli
Kaninchenzüchter

Zwei Pflanzen mit Wirkung 
Die Kombination von Beifuss und Hainbuche brachte den ersehnten Durchbruch: Die heurigen Jungtiere von Röösli sind jetzt halbjährig. Sie haben eine stabile Verdauung, sind vital und nur ein einzelnes Jungtier ist in der Aufzuchtzeit gestorben. Auch bei Rööslis Zuchtkollege Josef Sager funktionierte die Pflanzenbehandlung: Die beiden Pflanzen scheinen einander perfekt zu ergänzen. 

Allerdings müsse man gut beobachten, gibt der Züchter zu bedenken. Da er selber nicht genug eigenes Heu habe, schaue er das zugekaufte Heu immer genau an. Bei jüngerem oder belüftetem Heu fahre er die Kraftfutterration entsprechend zurück. «Es gibt kein fertiges Rezept, das für alle stimmt», betont er, «es hängt stark vom eingesetzten Heu ab.» Und Röösli weiter: «Ist es sehr gehaltvoll, muss man unbedingt das Kraftfutter anpassen, damit es nicht zu einer Eiweissvergiftung kommt.» 

Das jüngere Heu verfüttert er jetzt vor allem an ältere Tiere und an solche, die noch an Gewicht zulegen müssen. Um Aufzuchtprobleme zu überwinden, müsse man dranbleiben, genau planen und die Kräuter rechtzeitig organisieren, betonte er. Es habe keinen Sinn, nur im Notfall einmal ein paar Kräuter zu geben: «Man muss konsequent die Pflanzenbehandlung durchziehen, dann stellt sich der Erfolg ein und der ganze Bestand wird von Jahr zu Jahr vitaler und robuster.»

Nun ist es für die beiden Züchter wieder an der Zeit, Beifuss zu ernten und zu trockenen. «Wir schneiden die ganzen Pflanzen samt dem Stängel und trocknen sie», sagt Daniel Röösli. Dann werden sie kleingehackt und so verfüttert. «Die Kaninchen fressen alles, auch die harten und faserreichen Stängel», berichtet der Züchter. Der Erfolg gibt ihm recht. Nach den verlustreichen Jahren kann sich Röösli wieder ungetrübt an seinen Tieren erfreuen. «Wir sind hier im Entlebuch auf 1000 Metern über Meer, mitten in der schönsten Natur. Alles ist da, man muss nur damit arbeiten», schwärmt Röösli.