Haarige Doppelgänger

Bolonka Zwetna
Ähnliche Hunderassen
Havaneser und Bolonka Zwetna auseinanderzuhalten, fällt sogar Besitzern dieser Rassen schwer. Das liegt jedoch nicht in fehlenden Unterschieden im Rassenstandard, sondern in den unterschiedlichen Zuchtgeschichten der beiden Rassen.

Sie sind klein, haben langes, flauschiges Fell und gleichen sich sehr: Havaneser und Bolonka Zwetna. Die Ähnlichkeit der beiden Kleinhunderassen kommt nicht von ungefähr. Beide gehören neben dem Bichon Frisé, dem Bologneser, dem Malteser, dem Coton de Tuléar und dem Löwchen zu den als «Bichon» (französisch für Schosshund) bezeichneten Rassen. «Es wird vermutet, dass sie alle ähnliche oder die gleichen Vorfahren haben, die sich in den einzelnen Ländern züchterisch weiterentwickelt haben», sagt Bolonka-Zwetna-Züchterin Claudia Pfister aus Winterthur ZH. 

Nach und nach wurde der wollige, weisse Zwerghund mit lokalen farbigen Kleinhunden gekreuzt und weiterentwickelt. Im Gegensatz zu Bichon Frisé, Malteser und Co. gibt es den Havaneser nicht nur und den Bolonka gar nicht in Weiss. Nicht umsonst wird der Bolon­ka Zwetna – aus dem Russischen «Zwetnaja Bolonka» – als «farbiger Bichon» übersetzt. Beim Bolonka sind nur ein kleiner, weisser Brustfleck sowie weisse Zehenspitzen erlaubt, während beim Havaneser Weiss-Scheckungen möglich und sehr häufig sind.

Von den übrigen Bichon-Rassen sind der Havaneser und der Bolonka aufgrund ihrer Farbvarianten also leicht zu unterscheiden. In den Zuchstandards finden sich zudem weitere Unterscheidungsmerkmale zwischen den beiden Rassen. Denen zufolge dürfen bei leberfarbenen Bolonkas auch die Augen und Nasen hellbraun sein. «Beim Havaneser hingegen müssen die Augen und Augenlider sehr dunkel sein, was der Rasse den speziellen Ausdruck verleiht», wie Marguerite Seeberger, Zuchtbeauftragte des Swiss Havanese Club aus Corcelles-le-Jorat VD, anfügt. 

Das Fell macht den Unterschied
Daneben weisen beide Züchterinnen auf die Unterschiede in der Fellbeschaffenheit ihrer Rassen hin. So besitzt der Bolonka gemäss Standard eine dichte Unterwolle und viel Wollhaar, das Locken oder Wellen bildet. Das Fell des Bolonkas soll ausserdem am ganzen Körper gleich lang sein. Der Havaneser hingegen hat sehr wenig bis keine Unterwolle und dazu ein weiches Deckhaar, das glatt bis gross gelockt und mit 12 bis 18 Zentimetern sehr lang ist. 

Und obwohl den Standards zufolge beide Rassen mit Widerristhöhen von 23 bis 27 Zentimetern – Bolonka: bis 26 Zentimeter – etwa gleich gross sind, unterscheiden sie sich doch in den Proportionen. Beim Havaneser beträgt das Verhältnis zwischen der Körperlänge und der Widerristhöhe 4:3. Beim Bolonka Zwetna darf die Rumpflänge nur maximal 15 Prozent grösser sein als die Widerristhöhe. Er ist also hochbeiniger als der Havaneser. 

Auch die Köpfe der beiden sind gemäss Standard unterschiedlich. Beim Havaneser ist der Stopp – so wird der Übergang von der Schnauze zur Stirn bezeichnet – mässig ausgeprägt. «Er hat einen relativ flachen Schädel und eine wenig ansteigende Stirn», erklärt Havaneser-Züchterin Marguerite Seeberger. Der Fang, also die Schnauze, ist rund halb so lang wie der gesamte Schädel. Beim Bolonka ist der Stopp betont, der Kopf also gerundet und die Stirn leicht gewölbt. Er hat ausserdem einen eher kürzeren Fang, der lediglich einen Drittel der Schädellänge ausmachen sollte. 

Trotz dieser klar umschriebenen Unterschiede sind selbst jene nicht vor Verwechslungen gefeit, die täglich mit den Rassen zu tun haben. So erinnert sich Seeberger an die Begegnung mit einem Züchter, der sagte, ihre Havaneser sähen genau so aus wie seine Bolonkas. Einen Grund dafür finden die beiden Züchterinnen in der unterschiedlichen Zuchtgeschichte der Hunde. So wurde der Standard und damit auch das Erscheinungsbild des Havanesers seit 1995 bereits dreimal angepasst. 

Auch charakterlich ähnlich
Da sich Bolonkas erst ab dem Fall der Berliner Mauer 1989 sehr langsam in den Westen ausbreiten konnten, sind sie noch nicht vom internationalen Hundezuchtdachverband FCI anerkannt, ein Gesuch der Kynologischen Vereinigung in Russland ist hängig. «Das war ein Nährboden für die Zucht in einer riesigen Fülle an kleinen und kleinsten Rassehundezuchtvereinen», sagt Züchterin Claudia Pfister. Inzwischen haben Länderverbände, die sich in der FCI organisieren, den Bolonka Zwetna national als Rassehund anerkannt. So ist die Rasse auch in der Schweiz seit 2011 von der Schweizerischen Kynologischen Gesellschaft SKG anerkannt und wird durch den Kleinhundeclub Schweiz betreut. Zurzeit gebe es in der Schweiz jedoch nach wie vor nur wenige aktive offizielle SKG / FCI-anerkannte Bolonka-Zuchtstätten. «Das alles führt dazu, dass der Bolonka von FCI-anerkannten Zuchtstätten sehr anders aussehen kann als der Bolonka aus den restlichen Rassehundevereinen, der sich zum Teil kaum mehr vom Havaneser unterscheiden», sagt Pfister.

Charakterlich sind sich die beiden Rassen übrigens ebenfalls ähnlich. Pfister umschreibt den Bolonka als «charmanten, witzigen, quirligen, klugen und anhänglichen Hund» – Eigenschaften, die auch Marguerite  Seeberger dem Havaneser zuschreibt. «Er ist sehr anhänglich und nur dann total fröhlich, wenn er seine ganze Familie um sich hat und natürlich in deren Mittelpunkt steht.» 

Autor

Carmen Epp

Carmen Epp

Kurz nach ihrem ersten Einsatz für die «Tierwelt» 2014 hat sich Redaktorin Carmen Epp – fürs Hunde-Ressort zuständig – einen Traum erfüllt und sich einen Hund zugelegt – auf Spesen, wie man munkelt. Nach einem kurzen Abstecher in ihre Heimat, den Kanton Uri, kehrte sie zur «Tierwelt» und ins Hunde-Ressort zurück. Daneben betreut sie die Ressorts «Natur und Umwelt» sowie die Leserkolumnen, während Boston Terrier Chippy unter dem Tisch schnarchend sein Redaktionshundedasein geniesst – und so manchen Input fürs Hunde-Ressort liefert.

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