Ein Schmuckstück aus Österreich

Österreichische Fischertaube
Es liegt in der Natur der Sache, dass eine Taubenrasse mehr und die andere weniger Liebhaber hat. Zu den grössten Seltenheiten gehört die Österreichische Fischertaube. Dabei hat sie schon einige Höhen und Tiefen erlebt.

Nicht nur in politischer, sondern auch in taubenzüchterischer Hinsicht nimmt Österreich eine bedeutende Stellung in der Geschichte ein. Wiener Hochflieger, Wiener Tümmler, Wiener Gansel und Wiener Kurze sind Namen von Taubenrassen, die jeder kennt. Sie haben der österreichischen Taubenzucht zu Weltgeltung verholfen.

Dennoch gibt es im östlichen Nachbarland Taubenrassen, die nie den Weg in die grosse Öffentlichkeit geschafft haben und bis heute auch nur dort bekannt sind. Eine dieser Rassen ist die Österreichische Fischertaube. Trotz ihrer Verbreitung auf ihr Heimatland hat sie vor ein paar Jahren einen Europastandard bekommen, der ihr Ausstellen auch in der Schweiz ermöglichen würde. 

Trotzdem ist die Geschichte der Fischertaube bis zum heutigen Tag noch nie richtig dokumentiert worden. Während die meisten Rassen in den gängigen Taubenbüchern in den vergangenen 130 Jahren gut beschrieben wurden, ist das bei der Österreichischen Fischertaube nicht geschehen. Ihre Entstehung und ihre Rassengeschichte sind also auf mündliche Überlieferungen angewiesen. Ein Fakt, das auf einige Rassen zutrifft und deshalb immer emotional ist. 

Der genaue Ursprung bleibt offen
Das Besondere an den Fischertauben ist aber, dass sie in Österreich, obwohl sie keinen Standard hatten, bei den Züchtern gehalten werden. Sie haben also durchaus Geschichte. Eine Parallele findet sich bei den sogenannten Feldlerchen, die im oberbayerischen Raum seit ewigen Zeiten gezüchtet werden. Und dennoch haben es die Fischertauben zu Standardehren gebracht, während die Feldlerchen noch immer ohne Standard existieren. Den österreichischen Züchtern war dies nach der Wiederherauszüchtung wichtig. Sie haben erkannt, dass eine Rasse nur dann Bestand haben wird, wenn die Züchter sie auch bei Ausstellungen präsentieren können. 

Interessant ist die Tatsache, dass sich bereits bei der Gegend der Entstehung unterschiedliche Anmerkungen ergeben. Im heutigen Standard wird Oberösterreich und der Flachgau im Salzburger Land angegeben. Unabhängig vom genauen Herkunftsort sind die Fischertauben neben dem Österreichischen Weissschwanz aber die einzige Farbentaubenrasse der Alpenrepublik.

Woher die Begrifflichkeit «Fischertaube» stammt, weiss man übrigens nicht. Man könnte vermuten, dass sie die Taube der Fischer gewesen ist. Aber das wird nicht bestätigt und sogar verneint. Das ist also ein  weiteres Mysterium.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hat man die Fischertauben jedenfalls auf vielen Bauernhöfen in ihrer Heimat angetroffen. Sie waren anspruchslos, flotte Flieger und eine Zierde jedes Anwesens. Zudem ist Oberösterreich eher landwirtschaftlich geprägt, also anders als die Weltmetropole Wien, Hauptstadt des Habsburgerreiches und Heimat der Tümmlerrassen. Eventuell hat es dieses Umfeldes bedurft, dass sich überhaupt eine Farbentaubenrasse entwickeln konnte.

Einmalig unter den Farbentauben
Interessant ist die Tatsache, dass das angrenzende Niederbayern in Deutschland ebenfalls keine Hochburg der Farbentauben ist, sodass die Fischertauben isoliert entstanden sind. Vielleicht liegt darin auch der Grund, weshalb sie in der Folge des Jahres 1979 von der Bildfläche verschwunden sind. Die Tauben des letzten bekannten Züchters sind zwar weitergegeben, aber nicht weitergezüchtet worden. Die Österreichische Fischertaube hatte aufgehört zu existieren.

Es war ein Glücksfall, dass sich Josef Schafleitner 1993 wieder an sie erinnerte. Er hatte sie bei einem Züchterfreund noch in natura erlebt. Also machte er sich daran, sie wieder zu erzüchten. Als Ausgangsrassen wählte er Fränkische Trommeltauben, Kölner Tümmler, Kalotten, Süddeutsche Schnippen und Schlesische Mohrenköpfe. Nach mehrmaligem Vorstellen bei den wichtigen österreichischen Ausstellungen wurde die Rasse dann 2006 offiziell anerkannt. Seitdem wird sie präsentiert, wenn auch nur in geringen Stückzahlen. Bis heute hat es die Fischertaube nicht geschafft, ihre Heimatgrenzen zu überschreiten und vor allem selbst in ihrer Heimat eine grössere Züchterzahl für sich zu begeistern. Dabei stellt sie eine Rasse dar, die in ihrem Erscheinungsbild gerade auch unter den Farbentauben einmalig ist.

Die Zeichnung ist ein Knackpunkt
Die Österreichische Fischertaube ist eine mittelstarke Feldtaube. Vergleicht man sie mit den anderen glattfüssigen, deutschen Farbentaubenrassen aus Süddeutschland und Thüringen, dann wirken sie etwas kleiner und eleganter. Die Ringgrösse mit sieben Millimetern Innendurchmesser unterstreicht das. 

Der Kopf ist ziemlich breit und zeigt eine leicht gewölbte Stirn. Am Hinterkopf sitzt eine möglichst federreiche, freistehende Rundhaube, die seitlich in Rosetten auslaufen muss. Das grosse Vorbild sind hier ganz klar die Rassen der süddeutschen Farbentauben. Doch besteht hier noch ein gutes Stück Nachholbedarf. Zugeständnisse sind also unverzichtbar und sollten beim Alter der Rasse kein Problem darstellen. Das Auge muss dunkel sein und nach Möglichkeit von einem schmalen und rötlichen Augenrand umgeben sein. 

Die Schnabellänge liegt im üblichen Farbentaubenrahmen. Bei weissen Schnabelwarzen ist der Oberschnabel beim schwarzen Farbenschlag ebenfalls schwarz, der Unterschnabel ist hell – eine Folge der Kopfzeichnung. Sie sind also Halbschnäbler. Rote und gelbe Fischertauben haben vollkommen helle Schnäbel. 

Ein Knackpunkt ist noch immer die Zeichnung. Farbig sind das gesamte Schwanzgefieder und die Kopfplatte, auch Kalotte genannt. Die Zeichnungslinie läuft vom Schnabelwinkel am unteren Rand des Auges oder durch die Augen zum Hinterkopf bis zur Rundhaube. Also genau so, wie man es von den Schwalbentauben her kennt. Das bedeutet auch, dass man bezüglich der Augenfarbe immer aufmerksam sein muss. Eine aufgehellte Iris kommt durch die Begrenzungslinie immer wieder mal vor. 

Als Zugeständnis an die Zeichnung gesteht man den Fischertauben zurzeit noch eine kleine Mücke oder auch Schnörrchen zu. Ein kleiner farbiger Vorstoss zwischen Schnabelwinkel und Augenrand nach unten ins weisse Farbfeld. Die Züchter sehen es sehr gerne als sogenannte Farbstoffreserve.

An Farbenschlägen kennt man nur die drei Lackfarben Schwarz, Rot und Gelb. Blaue, die Joachim Schütte in seinen Büchern ebenfalls nennt, wurden von den Züchtern bisher nicht bestätigt. Eventuell hat Schütte hier die damaligen Farbenschläge der Schnippentauben übernommen, was zumindest logisch erschien. Anerkannt sind sie jedenfalls nicht. Überhaupt verlegen sich die wenigen Züchter mehr auf den Erhalt der Rasse als auf die Erweiterung der Farbenschlagvielfalt. 

Die Österreichische Fischertaube ist eine interessante Rassetaube. Sie bietet den Züchtern ein reichliches Betätigungsfeld. Mit ihr züchtet man eine Rasse, die nicht alltäglich und an Ausstellungen keine «Massenware» ist. Will man sie weiter nach vorne bringen, wird man wohl um weitere Einkreuzungen nicht herumkommen. Es handelt sich also um  eine Rasse für den ambitionierten Züchter.

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