Ein Jahr mit Kanarien

Kanarienvögel in Abteilen
Kanarienzucht
Haltung und Zucht von Kanarienvögeln haben eine lange Tradition. Wie ein Vogelleben in der Natur ist auch das Kanarienjahr beim Züchter sehr abwechslungsreich.

Die meisten Vogelarten in der Natur sammeln sich in Schwärmen zur Futtersuche, schliessen sich mit einem Partner zusammen, sondern sich paarweise ab, um sich der Jungenaufzucht zu widmen, führen Junge und finden sich wieder zu Schwärmen zusammen. Kanarienzüchter arbeiten darum mit der Natur, wenn sie diese faszinierenden Sänger vermehren. Kanarienvögel leben also beim typischen Kanarienzüchter nicht immer paarweise in einem Käfig. Ein Züchter hat das Ziel, schöne Vögel zu züchten, die er im Herbst und Winter an Ausstellungen zeigen und von spezialisierten Zuchtrichtern bewerten lassen möchte. Manche züchten Farbkanarien, andere Formenkanarien und Gesangskanarien.

Im Winter werden die Kanarienvögel oft gemeinsam in grossen Schwarmvolieren gehalten. Die meisten Züchter halten sie nach Geschlechtern getrennt. Nur die Männchen singen melodiös. Wenn also Züchter beide Geschlechter in der gleichen Voliere halten, wie dies oft bei Jungvögeln geschieht, achten sie auf den Gesang, der in den ersten Monaten des Jahres zu hören ist. Die meisten Singvögel verpaaren sich in der Natur in jeder Saison neu. Auch der Züchter stellt Paare immer wieder neu zusammen und achtet dabei auf optische Kriterien. Er erhofft sich aus Verpaarungen Verbesserungen von Merkmalen.

Experten der Vogelzüchtervereinigungen haben Standards geschaffen, die genau beschreiben, wie beispielsweise ein Kanarienvogel der Rasse Fife Fancy auszusehen hat. Die internationale Vogelzüchtervereinigung Confédération Ornithologique Mondial ist massgebend punkto Standards. Zuchtrichter achten auf deren Einhaltung, wenn sie Vögel an Ausstellungen beurteilen.

Paarweise in die Zucht
Zudem müssen Züchter zuchtspezifische Bedingungen einhalten. So dürfen etwa Haubenkanarien nicht untereinander verpaart werden, da sich sonst der Letalfaktor negativ auswirken würde. Junge aus solchen Verpaarungen wären nicht überlebensfähig. Und schliesslich kann es sein, dass die Vögel dem Züchter einen Streich spielen, indem sie sich schlicht nicht mögen. 

Wie unsere Vögel auch kommen Kanarien mit zunehmender Lichtdauer und wärmeren Temperaturen sowie durch vitamin- und proteinreicheres Futter in Zuchtstimmung. Manche Züchter verlängern die Lichtdauer im Kanarienraum ab Beginn des Januars mit Kunstlicht, heizen und füttern zusätzlich zum Körnerfutter auch Ei- und Weichfutter. Andere lassen die Kanarien mit der Natur in Zuchtstimmung kommen. Auch Kohl- und Blaumeisen in der Natur inspizieren beispielsweise frühzeitig Nisthöhlen.

Züchter haben unterschiedliche Methoden, um Paare zusammenzustellen. Manche, wie Josef Frei aus Widnau SG, setzen die Weibchen einzeln in die Zuchtkäfige, während die Männchen in Schwarmvolieren nebenan singen. Frei sagt: «Die Weibchen werden so stimuliert und beginnen mit dem Nestbau.» Das sei die beste Brutvoraussetzung. Schliesslich setzt er ein Männchen hinzu. Andere Züchter setzen die Männchen einzeln. Und die Weibchen horchen im Schwarm deren Gesang. Patrick Hayoz aus Alterswil FR schwört auf diese Methode.

Weibchen schauen auf Reinlichkeit
Als Nisthilfen hängen Züchter Körbchen aus Plastik, Kunstfasern oder Tonschalen in die Käfige. Letzere haben den Vorteil, dass die Schalen die Wärme speichern, wenn das Weibchen brütet. Als Nistmaterial können Sisalfasern, Gräser, Heu oder Scharpie angeboten werden. In der Schweiz züchten die meisten Kanarienliebhaber paarweise, das Männchen bleibt also die ganze Zeit über beim Weibchen. Dies wirkt sich stimulierend auf das Weibchen aus, da es vom Männchen stetig gefüttert wird und sich auch das Männchen an der Jungenaufzucht beteiligt.

Die Brutzeit dauert 14 Tage. Während die Stammform der Kanarien, der Kanarengirlitz, erst ab dem vierten Ei brütet, sitzen Kanarienweibchen meist schon ab dem ersten Ei fest. Dies ist eine Folge der Domestikation. Darum entnehmen Züchter die Eier und ersetzen sie durch Kunsteier. Erst wenn das Gelege mit vier bis sechs Eiern vollständig ist, tauschen die Züchter die Kunsteier wieder durch die richtigen Eier aus. Da alle Eier dank dieser Methode gleichzeitig bebrütet werden, schlüpfen die Jungen synchron. Keines hat bei der Aufzucht einen Nachteil, weil alle gleich alt sind. 

Im Alter von sieben bis zehn Tagen werden die Jungen beringt. Ringe kann erwerben, wer Mitglied einer Vogelzüchtervereinigung wie Ziervögel Schweiz ist. Die Ringgrössen sind unterschiedlich, entsprechend den Rassen, die gezüchtet werden. Kanarienmütter entsorgen Kotballen der Jungen bis zum Alter von etwa sieben Tagen. Ab diesem Alter versuchen die Jungen, den Kot über den Nestrand abzugeben, wobei dieser aber verschmutzt. Darum ist die Beringung ab dem siebten Tag kein so grosses Risiko mehr. Macht man es früher, könnte das Weibchen die Ringe als Fremdkörper identifizieren und – wie den Kot – aus dem Nest werfen wollen.

Sitzen für die Ausstellung
Eine Kontrolle oder Prävention gegen Milben ist gerade während der Jungenaufzucht wichtig. Josef Frei beispielsweise legt Farn in die Nistkörbchen, andere behandeln mit Mitteln vom Tierarzt. Bereits im Alter von 18 Tagen verlassen die Jungen das Nest, werden aber noch von den Eltern gefüttert. Erst mit vier bis fünf Wochen sind sie selbstständig. Ob ein Weibchen wieder zur Zucht eingesetzt wird, hängt von seiner Kondition ab. Amseln beispielsweise können von Frühling bis Sommer bis zu vier Gelege zeitigen und Junge grossziehen. Kanarienzüchter setzen Weibchen meistens zwei- bis dreimal zur Zucht an. 

Ab Juni, wenn es immer wärmer wird und die Brutperiode abgeschlossen ist, fallen die Vögel in die Mauser. Sie erneuern nach und nach ihr Gefieder. Während der Mauser ist eine abwechslungs-, vitamin- und mineralreiche Fütterung essentiell. Wenn das Brutgeschäft abgeschlossen ist, setzen die Züchter die Brutpaare und die Jungvögel, in separate Flugvolieren oder vergrösserte Käfige. Die Vögel leben wieder im Schwarm. Manche Züchter lösen die Mauser bei ihren Vögeln frühzeitig aus, indem sie, wenn sie sie in Innenräumen halten, die Lichtdauer und -intensität verringern. Die Kanarien sind dann früher ins Stadium versetzt, wo die Tage kürzer werden, denn in der Natur löst dies die Mauser aus. 

Im Herbst werden Junge, die sich aufgrund ihres Aussehens nicht für Ausstellungen eignen, aussortiert und an Liebhaber abgegeben. Sie bereiten vielen Menschen Freude, die keinen Wert auf Wettbewerb legen. Solche, die ausgestellt werden, werden langsam an Ausstellungskäfige gewöhnt, indem diese an die Volieren gehängt und mit Futter bestückt werden. Die Kanarien lernen sie als etwas Positives, Interessantes kennen. Wenn sie schliesslich ab Oktober darin sitzen, zeigen sie sich von bester Seite, so, wie sich auch ein Kanarengirlitz zuoberst auf einer Sitzwarte produziert. 

Autor

Lars Lepperhoff

Lars Lepperhoff

Lars Lepperhoff ist Redaktor der «Tierwelt» und des «Kleintierzüchters», wo er wöchentlich Porträts über Tierhalter schreibt. Ziervögel sind sein Spezialgebiet. Darum pfeifen in seiner Wohnung Graupapageien aus einer Zimmervoliere, Wasser plätschert im Aquarium und exotische Pflanzen wuchern. Auf Reisen besucht er nicht nur Ursprungsgebiete tropischer Vögel, sondern besonders auch Zoos, Botanische Gärten und Tierhalter. Er ist Autor von Büchern und zahlreichen Fachartikeln.

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