Terence ist etwas nervös bei seinem Termin in der Kleintierklinik der Vetsuisse-Fakultät Bern. Der kräftige Rüde von 37 Kilogramm sieht zwar aus, als könne ihn nicht so schnell etwas umhauen, aber mit Menschen hat er nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Er kommt aus dem Tierheim und lebt nun in einer Pflegestelle. Hier im Tierspital hat es für seinen Geschmack etwas zu viele fremde Leute, die allerdings bestens mit Hunden umzugehen wissen.
Im Behandlungszimmer untersucht ihn Tierärztin Nicole Weingand, redet ihm liebevoll zu, gibt ihm das eine oder andere Goodie. Sie begutachtet die Farbe seiner Schleimhäute, hört die Lunge ab, tastet nach den Lymphknoten, misst die Temperatur im Ohr. «Hatte er seit seinem letzten Besuch hier irgendwelche Operationen?», fragt sie. Nein, hatte er nicht. Geimpft wurde er im Dezember, Medikamente kriegt er keine. Das Tier wirkt fit, es kommt nichts zum Vorschein, was seinen Gesundheitszustand oder sein Blut beeinträchtigen könnte. Denn darum geht es hier, um den Zustand seines Blutes. Er wird einen kleinen Teil davon spenden und dadurch anderen Hunden das Leben retten.

Terence hat das schon mal gemacht, heute ist er zum zweiten Mal beim Blutspenden. Brav sitzt er auf dem Behandlungstisch, lässt sich darauf in die Höhe fahren. Hinlegen will er sich dann aber doch nicht. Pia Sturm, die zuständige tiermedizinische Praxisassistentin, hat jahrelange Erfahrung und lässt sich nicht irritieren. «Manche Hunde springen auf den Tisch und legen sich direkt hin», sagt sie. «Bei anderen müssen wir etwas nachhelfen.» Geübt umfasst sie die Vorderbeine des Hundes und ihre Kollegin Leonie Boss die Hinterbeine – so legen sie Terence auf die Seite. Die Besitzerin redet ihm gut zu.
Ein Sack voll Blut
Pia Sturm nimmt den Haarschneider, tastet mit den Fingern nach der Vene am Hals des Hundes, rasiert ein kleines Viereck, so gross wie eine Briefmarke. Terence hat kurzes Haar, das macht es einfacher. Sorgfältig desinfiziert sie die Stelle und nun kann die Blutabnahme erfolgen. Schon kommt die Nadel, Terence zuckt nicht mal, offenbar hat er den Einstich kaum gespürt. Die ersten paar Zentimeter des Schlauchs, der zum Beutel führt, füllen sich dunkelrot. Doch so richtig fliesst es nicht, obwohl das System mit einer Vakuumpumpe verbunden ist, die das Ganze beschleunigen soll. Kritisch begutachtet die Tierpflegerin den Schlauch – hat es irgendwo einen Knick? Sie ist nicht zufrieden, das sollte schneller gehen. Schliesslich zieht sie die Nadel raus, wiederholt alles an einer anderen Stelle. Wieder ist Terence nichts anzumerken. Und nun läuft es.
«Von einem Hund verlangt niemand, dass er lange ruhig liegen bleibt.»
Rasch beginnt sich das Säckchen zu füllen. Es ist gleich gross wie bei der Blutspende für Menschen,jedoch dauert dies hier dank der Vakuumpumpe nur ein paar Minuten. Von einem Hund will niemand verlangen, dass er eine halbe Stunde ruhig liegen bleibt. Und als das Säckchen voll ist, der Behandlungstisch hinunterfährt, sagt ihm die Besitzerin zwar: «Ruhig!» Aber er ist ein Hund, hüpft munter runter. Vermutlich weiss er noch vom letzten Mal, dass nun die Portion Nassfutter kommt. Damit wird der Flüssigkeitsverlust ausgeglichen. «Es gibt Hunde, denen ist nach der Spende etwas schwindlig», sagt Pia Sturm. «Andere springen herunter wie nix.» Auch wenn der Einfluss der Blutentnahme auf den Kreislauf unproblematisch ist, rät sie, es in den nächsten Tagen etwas ruhiger anzugehen, nicht gerade Hundesport zu machen oder den Hund schwimmen zu lassen.

Drei weitere Hunde werden heute noch in die Klinik kommen. Alle drei Wochen führt das Tierspital einen solchen Tag durch, das deckt sich ungefähr mit dem Bedarf an Blut in der Intensivabteilung. Eine Transfusion kann nötig werden, wenn ein Hund beispielsweise Blutarmut durch eine Autoimmunkrankheit hat oder bei einem Unfall schnell viel Blut verloren hat. Auch Operationen können zu Blutverlust führen, etwa das Entfernen eines blutenden Milztumors. Wenn es mal Mangel gibt, können auch bei einer anerkannten Blutbank in Portugal Blutprodukte bestellt werden – oder es kommt ein Hund aus dem Blutspenderpool notfallmässig zum Spenden. «Im Notfall kommen meist Tiere von Angestellten zum Zug», sagt Pia Sturm. «Fast alle hier haben Hunde.» Bei Katzen erfordert eine Blutspende in der Regel eine kurze Narkose. Hier führt das Tierspital keine eigene Blutbank, sondern arbeitet nur mit Notfallspenden.
Wie und wo spenden?
Nebst den beiden grossen universitären Tierkliniken in Bern und Zürich suchen auch einige private Kliniken Spender, wie die Tierklinik Aarau West, die Tierklinik Mittelland in Oftringen sowie Bessys Kleintierklinik in Watt/Regensdorf. Die genauen Voraussetzungen variieren leicht, aber grundsätzlich sind grössere, nicht allzu alte Hunde gefragt, die möglichst mehrmals jährlich spenden gehen. In Bern ist ein Mindestgewicht von 20 Kilogramm und ein Alter zwischen einem und acht Jahren Voraussetzung; gespendet werden kann alle drei Monate.
Die Trennung des Blutes
Bei der ersten Kontrolle wird auch die Blutgruppe des Spenders bestimmt. Wichtig ist, zwischen «negativ» und «positiv» zu unterscheiden, ähnlich wie beim Menschen. Einmal im Jahr wird von jedem Blutspender-Hund eine komplette Blutuntersuchung gemacht. Es gilt zu vermeiden, dass durch eine Bluttransfusion Krankheiten übertragen werden. Zudem können medizinische Probleme zum Vorschein kommen, die sonst lange unentdeckt geblieben wären. An diesem Tag kommt zum Beispiel später eine Besitzerin mit zwei Hunden vorbei, Chica und Carla. Nur Chica darf spenden. Carla hat Leishmaniose, eine im Mittelmeerraum verbreitete Krankheit. Entdeckt wurde dies, als sie zum ersten Mal spenden sollte. Als Spenderin kommt sie mit diesen Erregern nicht mehr in Frage, aber dank dem Befund wurde sie frühzeitig therapiert.

Für die Spende müssen die Besitzerinnen und Besitzer ungefähr eine halbe Stunde rechnen. Einiges mehr an Aufwand haben die Praxisassistentinnen. Denn nicht jeder Patient auf der Intensivstation benötigt dasselbe. Dem einen mangelt es an roten Blutkörperchen, der andere benötigt dagegen nur Blutplasma. Die Dogge braucht eine dreifache Portion, dem Chihuahua reicht schon ein Viertel. Wenn am Spendentag der letzte Hund gegangen ist, stellen Pia Sturm und Leonie Boss die Blutbeutel in die Zentrifuge, wo sie mit Tausenden Umdrehungen pro Minute geschleudert werden, bis sich die schwereren Bestandteile des Bluts von den leichteren getrennt haben. Unten im Säcklein sammelt sich das dunkelrote sogenannte EC-Konzentrat, obenauf schwimmt das weissliche Plasma. Sorgfältig wird das Plasma in einen Beutel, das EC-Konzentrat in einen anderen umgefüllt. Bei Bedarf füllen die beiden Frauen auch kleinere Portionen ab. Und ganz wichtig: Alles wird sauber beschriftet. «Nicht freigegeben», heisst es auf dem Blut jener Hunde, bei denen noch die Ergebnisse der Blutuntersuchungen ausstehen. Die Plasmabeutel kommen dann bei minus 32 Grad Celsius in die Gefriertruhe, das EC-Konzentrat in den Kühlschrank. Alles bereit, wenn nächstes Mal Not am Hund ist. Terence ist inzwischen längst wieder zu Hause. Mit einem kleinen Pflaster am Hals. Und einem grossen Sack Hundefutter, den seine Besitzerin als Dankeschön bekam.

