Epigenetik
Dr. Peter Spork: Aggression beim Hund kommt nicht aus den Genen, sondern vom Menschen
Erfahrungen prägen das Verhalten eines Hundes stärker als der Stammbaum. Was bedeutet dies für Züchter und Halter – insbesondere im Umgang mit aggressiven Hunden?
Versuchen Sie nicht, Ihren Hund zu ändern. Ändern Sie stattdessen, wie er lebt», soDr. Peter Spork in seinem aktuellen Buch über «Die Epigenetik des Hundes». Der Neurobiologe und Wissenschaftsautor bringt in diesem Schlusssatz eine der wesentlichen Konsequenzen epigenetischer Erkenntnisse auf den Punkt. Während die Gene zwar für bestimmte Veranlagungen eines Hundes verantwortlich sind, entscheiden erst die Lebensbedingungen, ob sich diese in seinem Verhalten widerspiegeln. Damit verlagert er wissenschaftlich fundiert die Verantwortung für Charakter und Wesen eines Hundes weg von der Rasse hin zum Menschen.
Die Grundlagen der Epigenetik, die Spork in seinem Buch sehr anschaulich und verständlich beschreibt, bestätigen, was viele Kynologen schon lange vermuten: Die Umwelt prägt das Verhalten eines Hundes stärker als sein Stammbaum. So weiss man heute, dass nur neun Prozent der rassetypischen Verhaltensweisen auf genetischen Unterschieden beruhen. Das heisst gleichzeitig: Rund neun von zehn Charaktereigenschaften, die eine bestimmte Rasse kennzeichnen, werden gar nicht durch die Zucht beeinflusst. Ob also z. B. ein Weimaraner einen stärkeren Jagdtrieb entwickelt als ein Golden Retriever, ist nur zu einem geringen Teil genetisch bedingt. Entscheidender ist, in welchem Umfeld die Vorfahren gelebt haben und ob die genetische Veranlagung wiederum durch Aufzucht und Umweltbedingungen geweckt wird.
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Dieser Zusammenhang ist nicht zuletzt auch wichtig bei der Auswahl eines passenden Hundes. Wer einen entspannten Familienhund möchte, sollte ihn nicht in einer Arbeitslinie suchen (siehe Kasten). Einen Jagdhund dagegen kauft ein Jäger am besten von einem Jäger, der selbst mit seinen Hunden jagt. Denn nur hier können alle Voraussetzungen stimmen: Angefangen von den speziellen Fähigkeiten des Hundes über das Umfeld bis zur Prägung.
Insbesondere das Aggressionspotential eines Hundes wird gemäss Spork mittels epigenetischer Prägung um die Zeit der Geburt herum (perinatale Phase) an die Nachfahren weitergegeben – nicht über die (züchterisch) beeinflussbare DNA. Dies zeigt nicht nur, wie wichtig die Rolle der Elterntiere ist, sondern auch, welchen Einfluss Züchter, Halter und später auch Trainer bei der Prägung von aggressivem Verhalten spielen. Sie haben es in der Hand, wie ein Hund aufwächst, also insbesondere mit wieviel Stress, aber auch Geborgenheit und Bindung zum Menschen, dies geschieht.
Die gute Nachricht: Epigenetik ist reversibel
Da rassetypisches Aggressionsverhalten nur zu einem geringen Teil genetisch fixiert ist, könne man es laut Spork über die Prägung ändern, also über Umfeld, Aufzuchtbedingungen, Training etc.. «Hunde werden nicht aggressiv, weil sie eine bestimmte Genvariante geerbt haben, sondern weil sie zum Beispiel traumatisiert oder auf eine andere Art negativ geprägt wurden», erklärt der Experte. Bei ihnen seien gewisse Gene aktiv, die zwar auch alle anderen Hunde aller anderen Rassen hätten, dort aber wegen ihrer Epigenetik nicht so leicht aktivierbar seien. Daraus leiten sich laut Spork auch Konsequenzen für Züchter ab. Sie müssten aggressive Hunde nicht aus der Zucht nehmen, um ihre Genvarianten zu entfernen. Stattdessen müssten sie mit ihnen nur auf eine bestimmte Art umgehen, glaubt der Autor.
Die epigenetischen Zusammenhänge werfen nicht nur ein neues Licht auf die Hundezucht, sondern insbesondere auch auf die Sinnhaftigkeit von Rasselisten, also bestimmte Hunderassen, deren Haltung gesetzlich eingeschränkt oder verboten sind, da sie als gefährlich gelten. Eines der jüngsten Beispiele ist das Rottweiler-Verbot im Kanton Zürich, welches Anfang Jahr aufgrund von schweren Beissvorfällen in Kraft trat – obwohl es von diversen Hunde-Organisationen als unwissenschaftlich erachtet wurde. Diese Sichtweise teilt auch Spork: «Genetisch gesehen sind sich alle modernen Hunderassen so ähnlich, dass keine einzige wegen unerwünschten Verhaltens verboten werden müsste.» Wären Hunde einer bestimmten Rasse im Durchschnitt häufiger aggressiv, sei dafür weniger die Genetik als das Umfeld verantwortlich, das sie über viele Generationen hinweg in Richtung Aggression geprägt habe. Ein Beispiel für diese Prägung sind neben Rottweilern auch Kampf- oder Listenhunde wie Pitbulls oder Staffordshire Bullterrier, deren Aggressionspotenzial lange im Tierkampf gefördert wurde.
Wenn Rasselisten wissenschaftlich nicht haltbar sind, wie soll man dem Problem aggressiver Hunde dann begegnen? Menschen, die Probleme mit verhaltensauffälligen Hunden haben, sollten laut Spork Unterstützung bekommen, die sich nicht nur auf den Hund konzentriert, sondern v. a. auch auf das Umfeld. Der Buchautor ruft ausserdem zu mehr Selbstreflexion auf. «Manche Hundehaltende sollten die Ursachen für Charakterschwächen ihres Hundes auch bei sich selbst suchen und ihr eigenes Verhalten hinterfragen», so Spork. Auch daran solle der Schlusssatz seines Buches erinnern.
Welcher Hund passt zu mir?
Welche Rolle spielt die Rasse bei der Auswahl eines Familienhundes, Herr Dr. Spork?
Die Rasse hat durchaus grosse Auswirkungen auf das Verhalten eines Hundes. Aber eben kaum wegen der Genetik, sondern wegen unserer menschlichen Erwartungen an einen Hund einer bestimmten Rasse und wegen unserer Art, mit einem bestimmten Rassehund umzugehen. Daher würde ich auf der Suche nach einem Familienhund durchaus nach einer Rasse schauen, die als familienfreundlich gilt. Ich wäre nur nicht so naiv, anzunehmen, dass jeder Hund dieser Rasse auch familienfreundlich ist.
Worauf sollte man beim Hundekauf achten?
Sehr wichtig ist das Umfeld: Achten die Züchtenden darauf, dass sich Welpen und insbesondere die Mutterhündin stressfrei entwickeln können? Können sie positive Bindungserfahrungen machen? Haben die Hunde eine gute Impulskontrolle, sind sie gesellig und tolerant, gesund und gut ernährt? Haben sie genügend Auslauf und Ruhe? Werden sie nicht zu früh abgegeben?
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