Aaachtung!», «Compagnie Galopp!», «Marsch!» – Befehle wie diese, begleitet von den Klängen eines Clairons, Trommelwirbeln und Piccolos, schallen am 9. August über die Chantierwiese in Solothurn. Wer sich zufällig dort befindet und nicht im Bilde ist, dass gerade die Solothurner Barocktage stattfinden, dürfte sich ob der Szene, die sich auf der Wiese abspielt, im falschen Film wähnen. Denn dort befinden sich 22 grösstenteils ältere Reiter, hoch zu Ross, in voller Aktion.

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Bei Temperaturen über 30 Grad tragen sie eine rot-gelbe Paradeuniform, beige Hosen, hohe schwarze Stiefel und einen Dreispitz auf dem Kopf. Bei einigen blitzt eine graue Perücke darunter hervor, wie man sie vielleicht aus englischen Gerichten oder Filmen kennt. Auch die Schabracken und Mantelrollen auf dem Rücken ihrer Pferde sind in knalligem Gelb-Rot gehalten, den Farben des «alten Berns». Dies hat seinen Grund: Bei der Truppe handelt es sich um die Berner Dragoner 1779, die offizielle berittene Repräsentations- und Ehrenformation des Kantons Bern.

Zum zweiten Mal führen sie an den Solothurner Barocktagen eine Quadrille – eine gemeinsam abgerittene Folge von Figuren – vor. In Dreiergruppen eingeteilt, formieren sie sich immer wieder neu. Einmal reiten sie in grösseren Kreisen, manchmal in kleineren, mal im Trab, dann wieder im Galopp – stets den Befehlen folgend, die Ernst Voegeli kommandiert.

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Der soldatische Touch, den das Schauspiel mit sich bringt, trügt nicht: Die Berner Dragoner 1779 sind als militärische Formation gegliedert. Voegeli erteilt als Commandant die Befehle, die Reiter sind Lieutenants, Sous-Officiers und Dragoner. Und am Rand der Chantierwiese steht Stefan Küng, Präsident der Berner Dragoner 1779. Er ist Oberbefehlshaber der Miliz und bildet als Inspecteur traditionellerweise das Bindeglied zwischen der Berner Regierung und seiner Truppe. Daher ist er als einziger nicht gelb-rot gekleidet, sondern tritt in einem schwarz-blauen Rock auf.

Die gelb-roten Uniformen indes sind eine exakte Nachbildung der Bernischen Dragoner nach der Militär-Reorganisation von 1779 und zeigen die tiefe Verwurzelung des Vereins mit der bernischen und eidgenössischen Militärgeschichte.

Die Geschichte der Berner Dragoner 1779Ursprünglich waren die Dragoner in den klassischen Kavallerieeinheiten berittene Kampfformationen. Im Laufe der Zeit entwickelten sie sich zu berittenen Soldaten, die ihre Pferde primär als Transportmittel und nicht zum Kampf verwendeten. Im Staat Bern formierten sich im Jahr 1779 die Berner Regimenter neu und repräsentierten die letzte, rein bernische Truppe vor dem Untergang der alten Eidgenossenschaft. 1848 wurde der Schweizer Bundesstaat gegründet, vier Jahre später die Armee. Die Schweizer Kavallerie existierte über 120 Jahre lang, bis das Parlament 1972 die Auflösung der letzten 18 Dragoner-Schwadronen beschloss. Die 1860 gegründete Bernische Kavallerie Offiziersgesellschaft (BKOG) befasste sich nach diesem Entscheid mit dem Gedanken, die Tradition der berittenen Einheiten fortzusetzen. So legten sie 1991 den Grundstein für den Verein Berner Dragoner 1779.

Rund eine Viertelstunde dauert der Auftritt der Berner Dragoner 1779 auf der Solothurner Chantierwiese. Bei der «Schnecke», einer Figur, in welcher die Reiter einen immer enger werdenden Kreis bereiten, scheut eines der Pferde etwas. Doch das Publikum scheint nichts zu bemerken: Begeisterter Applaus schallt der Truppe nach jeder absolvierten Figur entgegen.

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Nach der Quadrille verlassen Männer und Pferde die Wiese und reiten zum Alten Zeughaus. Vor dem imposanten Gebäude stellen sie sich in einer Reihe auf; zur Erfrischung reichen ihnen Damen in eleganten Barock-Kostümen ein Gläschen Weisswein.

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Jedes Training ein Erlebnis

Pferde versorgen, Kleider wechseln, beisammen sein: Mit Sandwiches und einem kühlen Blonden lassen die Männer ihre Quadrille Revue passieren – und zeigen sich grösstenteils zufrieden. «Heute haben wir zwar durch den aufgewirbelten Staub etwas die Präzision verloren, doch gelungen ist uns der Auftritt dennoch», bilanziert Commandant Ernst Voegeli.

Präsident und Inspecteur Stefan Küng ergänzt: «Es spielt keine Rolle, wenn ein Pferd nicht ganz ausgerichtet ist – die Zuschauenden haben das Gesamtbild im Blick!» Wenn sich das Pferd anders als erwartet verhalte, sei es wichtig, dass man richtig reagiere, sich nicht ablenken lasse und weitermache. Quickly, das Pferd, welches bei der «Schnecke» aus der Reihe tanzte, gehört Jürg Liechti, Adjutant und Vorstandsmitglied bei den Dragonern. Er sagt: «Quickly ist ein tolles Pferd, wir sind ein eingespieltes Team. Es ist normal, dass auch bei ihm manchmal der Dampfkessel zu pfeifen beginnt.» Eine gewisse Anspannung sei bei solchen Anlässen an der Tagesordnung – für Mensch und Tier.

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Voegeli, Küng und Liechti gehören bei den Dragonern quasi zum Inventar. Quadrillen sind sie schon viele geritten. Sei es an Anlässen oder im dafür notwendigen Training, das durchschnittlich alle drei Wochen stattfindet – im Winter im Nationalen Pferdezentrum in Bern, im Sommer auf dem Waffenplatz Sand in Schönbühl (BE).

Das Kalenderjahr beginnt für die Berner Dragoner 1779 jeweils mit dem Neujahrsempfang des Bundesrats. Dabei eskortieren sie die Landauer-Kutschen mit der Berner Regierung vom Rathaus bis zum Bundeshaus. Danach wird auf dem Berner Münsterplatz der traditionelle «Honneur à l’Etat» zelebriert. Ende November ist die Truppe anlässlich des Zibelemärits an der Spitze des grossen Umzuges der Berner Stadtschützen in den Gassen der Berner Altstadt zu sehen. Dazwischen absolvieren die Berner Dragoner je nach Jahr verschiedene Anlässe.

Sehr speziell war für Inpecteur Küng der Auftritt im Jahr 2014 am Weltfest des Pferdesports, dem CHIO Aachen. «Es war schlicht unglaublich – 30 000 Menschen haben uns zugeschaut!» Voegeli, seit der Gründung dabei, nennt die Inspektion zu Ehren von Bundesrat Albert Rösti im Jahr 2024 als einen seiner Höhepunkte in der 34-jährigen Vereinsgeschichte. Er sagt aber auch: «Mit meinen Kameraden ist jedes einzelne Training ein Erlebnis.»

Männersache

Die Kameradschaft untereinander eint die Berner Dragoner ebenso wie die Liebe zum Traditionellen und vor allem zu ihren Pferden. Bei einer Truppe, deren Durchschnittsalter bei über 60 Jahren liegt, drängt sich aber die Frage auf: Wie steht es um den Nachwuchs? «Die Zukunft ist ungewiss», betont Adjutant Jürg Liechti. Wenige Männer würden reiten, noch weniger besässen ein eigenes Pferd. Andere störe die militärische Atmosphäre. «Beitrittsanfragen kommen selten, höchstens eine pro Jahr.»

Wäre es denn ein Thema, Frauen aufzunehmen? Inspecteur Stefan Küng verneint und erklärt, dies liege am historischen Hintergrund. Die Berner Dragoner repräsentieren das Zeitfenster 1779 – damals waren keine Frauen in militärischen Diensten. Andere historische Reiterformationen wie das Cadre Noir et Blanc Fribourg oder Les Chasseurs à Cheval aus dem Waadtland hätten mittlerweile Frauen aufgenommen, wodurch die Diskussion um die historische Korrektheit entfacht worden sei. «Im Juni 2026 werde ich das Amt des Inspecteurs an einen Nachfolger abgeben», erklärt Küng. Er überlasse es der nächsten Truppenführung, ob Frauen eine Option wären, um die Zukunft der Truppe sicherzustellen.

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Der Vereinsbeitritt ist für interessierte Männer an einige Voraussetzungen geknüpft. «Man muss reiten können und in der Lage sein, das Pferd in allen drei Gangarten korrekt zu führen und zu kontrollieren. Ein eigenes Pferd zu haben, wäre sehr von Vorteil», erklärt Jürg Liechti. Man könne auch eines vom NPZ ausleihen, doch nicht immer ist das Gleiche verfügbar. Im Militär (gewesen) zu sein, sei keine Voraussetzung, aber: «Man muss sich bewusst sein, dass man in einem Verband reitet. Individualismus ist nicht gefragt.» Und natürlich braucht es Pferdeliebe. Ganz nach dem Dragoner-Credo: «Der Pferderücken ist ein Ehrenplatz.»