Das noch grössere Krabbeln
Viel mehr Insekten als gedacht: Forschende schätzen bis zu 30 Millionen Arten weltweit
Wie viele Insektenarten leben eigentlich auf der Erde? Jahrzehntelang galt eine Schätzung von rund sechs Millionen Arten als wahrscheinlich. Eine neue internationale Studie kommt nun zu einem überraschenden Ergebnis: Es sind um ein Vielfaches mehr!
Ein Biodiversitäts-Hotspot als Schlüssel
Die Grundlage der neuen Schätzung bildet eines der am besten untersuchten Naturschutzgebiete der Tropen: die Área de Conservación Guanacaste (ACG), eine UNESCO-Welterbestätte im Nordwesten Costa Ricas. Seit Jahrzehnten erfassen Forschende dort die Tier- und Pflanzenwelt mit unterschiedlichsten Methoden – von Malaise-Fallen für fliegende Insekten bis hin zur Aufzucht von Raupen, um deren Parasitoiden zu bestimmen. Hinzu kommt modernes DNA-Barcoding, mit dem Arten anhand kurzer DNA-Abschnitte zuverlässig unterschieden werden können.
Insgesamt flossen Daten von mehr als 1,6 Millionen Insekten in die Untersuchung ein. Durch die Kombination aus genetischen Analysen, langjährigen Feldstudien und statistischen Modellen entstand eines der bislang umfassendsten Bilder tropischer Insektenvielfalt.
Winzige Schlupfwespen liefern den entscheidenden Hinweis
Im Mittelpunkt der Studie standen ausgerechnet Tiere, die kaum jemand wahrnimmt: parasitische Schlupfwespen der Unterfamilie Microgastrinae. Diese nur wenige Millimeter grossen Insekten legen ihre Eier in Raupen ab. Die Larven entwickeln sich im Inneren ihres Wirts und verlassen ihn erst kurz vor dessen Tod.
Gerade weil viele dieser Schlupfwespen hoch spezialisiert sind und oft nur mit einer einzigen oder wenigen Raupenarten zusammenleben, eignen sie sich besonders gut als Indikatoren für die tatsächliche Artenvielfalt. Die Forschenden konnten zeigen, dass selbst in einem intensiv untersuchten Gebiet noch zahlreiche Arten unentdeckt bleiben.
Von Costa Rica auf die ganze Welt
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schätzten zunächst, wie viele Insektenarten tatsächlich im Schutzgebiet vorkommen – rund 333'000 Arten. Anschliessend verglichen sie dieses Ergebnis mit bekannten globalen Verhältnissen bei Bäumen, Säugetieren, Amphibien und Nachtfaltern. Daraus leiteten sie eine weltweite Mindestschätzung von 14 bis 30 Millionen Insektenarten ab. Diese Spanne soll bewusst vorsichtig gewählt sein und stellt nach Ansicht der Forschenden eine untere Grenze dar.
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Die meisten Arten tragen noch keinen Namen
Bis heute wurden weltweit lediglich rund 1,2 Millionen Insektenarten wissenschaftlich beschrieben. Sollte die neue Schätzung zutreffen, wären über 90 Prozent aller Insektenarten noch unbekannt. Viele könnten verschwinden, bevor sie überhaupt entdeckt wurden.
Diese Erkenntnis erhält zusätzliches Gewicht, weil zahlreiche Studien seit Jahren auf einen Rückgang vieler Insektenpopulationen hinweisen. Lebensraumverlust, Pestizide, Klimawandel und Lichtverschmutzung setzen vielen Arten zu. Ohne zu wissen, welche Arten überhaupt existieren, lässt sich ihr Schutz jedoch kaum planen.
Warum die Entdeckung wichtig ist
Insekten übernehmen zentrale Aufgaben in nahezu allen Ökosystemen. Sie bestäuben Pflanzen, zersetzen organisches Material, regulieren Schädlinge und bilden die Nahrungsgrundlage für unzählige Vögel, Amphibien, Reptilien und Säugetiere.
Die Studie macht deutlich, wie gross die Wissenslücken selbst bei der artenreichsten Tiergruppe der Erde noch immer sind. Moderne Methoden wie DNA-Barcoding eröffnen Forschenden neue Möglichkeiten, diese verborgene Vielfalt sichtbar zu machen – und liefern eine wichtige Grundlage für den Naturschutz.
Denn letztlich gilt: Nur was bekannt ist, kann auch wirksam geschützt werden.
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